Überzeugungstäterin in Sachen Lebenslanges Lernen

Entspanntes Zuhören war gestern. Wenn Prof. Dr. Ada Pellert vorträgt, heißt es für das Publikum: Mitdenken und Mitreden! Die neue Rektorin der FernUniversität in Hagen ging bei ihrem öffentlichen Vortrag im Rahmen der Mitgliederversammlung der Gesellschaft der Freunde der FernUniversität e.V. nicht nur inhaltlich auf das Publikum zu. Die österreichische Expertin für Bildung und Weiterbildung mit Wurzeln im Ruhrgebiet und internationalem beruflichem Background stand bei ihrem Vortrag „Life Long Learning – Konzept und Umsetzung“ tatsächlich häufig im Publikum.

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Gestenreich im Publikum: Rektorin Prof. Ada Pellert bei ihrem Vortrag

Schon zu Beginn ihres Vortrags forderte sie es zum Mitmachen auf: „Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Lebenslangen Lernen? Was sind Ihre Assoziationen?“ Die Teilnehmenden ließen sich nicht lange bitten: als Rentnerin noch eine Sprache für den Urlaub lernen, Windows 10 besser verstehen wollen… Der Bogen der Antworten war weit gespannt. Ada Pellert griff die Antworten sofort auf: „Offenheit und Neugier gegenüber der Welt können offensichtlich lebensverlängernd wirken!“

Was aber ist mit Menschen, für die Lernen keine besondere Bedeutung hat? Viele können sich der beruflichen Notwendigkeit zur Weiterbildung nicht entziehen und empfinden dies als Druck, betonte Ada Pellert. Auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist oft nur durch Lernen möglich: „Die Gesellschaft wird immer wissensintensiver.“ Ein Qualifikationsniveau wie heute gab es noch nie. Dabei ist nicht nur die Gesellschaft gefordert, sich immer wieder neu zu orientieren, um nicht auseinander zu fallen. Auch Einzelne müssen in verschiedenen Lebensphasen lernen, selbst im Alter. Für über 25-jährige gibt es jedoch nur wenige bildungspolitische Konzepte – darum müssen die meisten sich also selbst kümmern.

Was der Einzelne braucht

„Und was passiert mit denjenigen, die den Einstieg nicht schaffen?“ Sie müssen umfassend unterstützt, begleitet und beraten werden. „Dafür muss Lebenslanges Lernen vom Individuum her gedacht werden“, beantwortete Pellert ihre eigene Frage. Es geht nicht darum, was eine Bildungsinstitution – wie eine Hochschule – anbietet, sondern darum, was der oder die Einzelne braucht. Es müssen immer neue Mischverhältnisse zwischen Privat-, Berufs- und Bildungsleben erzeugt und hochflexible Angebote geschaffen werden, die entsprechend den individuellen Bedürfnissen kombinierbar sind. Das geht aber nur, wenn Beratende die individuellen Bedürfnisse kennen.

Diese soziale ist aber nur eine von mehreren Dimensionen der Problematik. Bei der demografischen Dimension kann sich in einer alternden Gesellschaft beispielsweise ein Arbeitgeber nicht einfach neue (junge) Beschäftigte suchen. Ein zentraler ökonomischer Gesichtspunkt ist für ein Unternehmen die Frage, welche Probleme es bekommt, wenn es keinen Zugang zu neuem Wissen hat.

Lernen zu ermöglichen ist zentrale Führungsaufgabe

Lernen zu ermöglichen ist für Pellert daher eine zentrale Führungsaufgabe: Heute ist Weiterbildung noch viel zu sehr „Belohnung“, zudem kompetenzorientiert und nicht individualisiert. (Inter-)kulturell geht es darum, wie die Vermittlung von Bildung begleitet und gefördert werden kann.

Für diese Herausforderungen müssen strategische Leitlinien entwickelt werden:

  • Bei der „Lebensphasenorientierung“ geht es um die Wechselbeziehungen zwischen Bildung, Beruf und Privatem. Die oder der Einzelne muss sich immer wieder fragen, „Wo stehe ich? Wo will ich hin?“ Ada Pellert: „Es kann Ihnen doch heute passieren, dass das Unternehmen sagt: ‚Sorry, Sie sind ja schon 45 – da ist eine Weiterbildung für uns keine lohnende Investition für uns.“
    Das Problem hierbei ist, dass allgemein bildender und beruflich bildender Bereich kaum Berührungspunkte haben: „Sie finden sich gegenseitig merkwürdig.“ Daher seien ein umfassender Perspektivwechsel und eine Verschränkung beider Bereich nötig: „Wir brauchen keine 700.000 Nachwuchswissenschaftler.“ Andererseits kommt eine hochentwickelte Gesellschaft ohne ein bestimmtes Reflexionsvermögen aber nicht aus: „Auch ein Handwerker nicht!“ Man kann nur durchdenken, was man versteht – Reflexion ist der Kern der Bildung.
    Mit einer (Weiter-)Bildung zu beginnen muss angesichts der höchst unterschiedlichen Lebensumstände und Biografien jederzeit möglich sein. Auch dafür sollten Bildungsangebote modularisiert sein. Und die Lernenden müssen Zeit für Bildung haben.
  • Dann geht es darum, die „Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen“. Wie kommt das Lernen zu ihnen hin? Sie können vielleicht am Arbeitsplatz lernen. Aber wie verknüpft man verschiedene Lernorte?
  • Die „Life Long Guidence“ – die lebenslange Lernbegleitung – kann nur klappen, wenn die oder der Einzelne Verantwortung dafür und für sich selbst übernimmt: „Sie können nur jemanden beim Lernen begleiten, der sich auf den Weg machen will! Eine Beratung, die auf einzelne Lernwillige schaut, ist sehr komplex.“
  • Bei der „Kompetenzorientierung“ geht es nicht nur um fachliches Können, sondern auch um die Frage, was die Person sonst noch mitbringt, was ihre Motivation ist. Man muss lernen, in ergebnisoffenen Situationen nicht zu verzweifeln und auch mit Scheitern umgehen können. Es gilt, Lernen positiv zu erleben, etwa durch das Erkennen, „dass es mir etwas bringt, nicht nur Blut, Schweiß und Tränen – und dass ich durchhalte“. Pellert: „Ein klassische Bildungseinrichtung sieht es aber nicht als ihren Auftrag, jemanden handlungsfähig zu machen.“

Letztendlich mündet das in der Strategie für jede und jeden Einzelnen, für Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Gesellschaft und Staat, lebenslang zu lernen und Lebenslanges Lernen zu fördern. Für Ada Pellert ist die FernUniversität „die Einrichtung für Lebenslanges Lernen – und das ist für mich eine Mission!“

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Stolz auf die FernUniversität: GdF-Vorstandsvorsitzender Frank Walter

FernUni-Freunde stolz auf ihre Hochschule

In seiner Begrüßung hatte der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde, Frank Walter, einen kurzen Blick auf das zurückliegende „ereignisreiche Jahr“ mit dem 40-jährigen Jubiläum der Hochschule geworfen: „Wir können stolz sein auf das, was hier geleistet worden ist.“ Die GdF unterstützte die FernUniversität bei den Aktivitäten aus diesem Anlass – und auch weit darüber hinaus. Das bleibt auch im laufenden Jahr so, unter anderem durch zehn Deutschlandstipendien. Zu Beginn des Jahres 2016 konnte Walter Stipendiatinnen und Stipendiaten bei ihrem Besuch in Hagen kennenlernen: „Sie haben die Stipendien mehr als verdient, ich war begeistert von ihnen.“

Walters besonderer Dank galt Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer, der als Rektor der FernUniversität und Vorstandsmitglied bis 1. März die Freundesgesellschaft begleitete und dabei gemeinsam mit ihr viele interessante Projekte anstieß. Unter anderem gehörte die Stiftung „Deutschsprachiges Fernstudienzentrum Budapest“ dazu: „Die Arbeit mit Ihnen hat uns allen sehr viel Freude bereitet. Wir danken Ihnen für Ihr großes Engagement für die FernUniversität und für die Freundesgesellschaft. Sie sind uns ein guter Freund geworden!“

Diesen Ball spielte Helmut Hoyer zurück: „Die Gesellschaft der Freunde verdient diesen Namen – in des Wortes doppeltem Sinn!“ Er danke für den Rat und für die Unterstützung der Hochschule. Ohne die GdF würde das Fernstudienzentrum Budapest heute anders aussehen, zwei Professuren wurden der Hochschule von Mitgliedern gestiftet. Er wird der Freundesgesellschaft nun als „einfaches Mitglied“ verbunden bleiben.

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Neu formiert: der Vorstand der Freundesgesellschaft. Die FernUniversität ist jetzt mit einer weiblichen Doppelspitze - Rektorin Prof. Ada Pellert und Kanzlerin Regina Zdebel (Mitte) - in ihm vertreten.
Gerd Dapprich | 20.05.2016