Respekt verhindert Radikalisierung

An den Attentaten in Frankreich im Jahre 2015 waren Muslime beteiligt, die in Frankreich und Belgien aufgewachsen sind. Rund 700 Deutsche haben sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen, so das Bundesinnenministerium. Mit der Frage nach dem „Warum“ setzt sich Dr. Marieke Christina van Egmond bereits seit längerer Zeit auseinander, seit Juli 2015 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrgebiet Community Psychology (Prof. Dr. Anette Rohmann) an der FernUniversität in Hagen. Sie sagt dazu: „Wir sollten Immigrantinnen und Immigranten als Menschen mit einer eigenen kulturellen Identität respektieren und ihnen gleichzeitig die Tür zu unserer eigenen Kultur öffnen. Nur so können sie sich in unsere Gesellschaft integrieren – das ist der beste Schutz vor einer Radikalisierung!“

Die Psychologin Marieke van Egmond ist eine der Co-Autorinnen der Studie „Der Kampf um Zugehörigkeit: Die Marginalisierung von Immigrantinnen und Immigranten und das Risiko einer hausgemachten Radikalisierung“ unter der Leitung von Klaus Boehnke, Professor für Social Science Methodology an der Jacobs University in Bremen. Für sie wurden zwischen Dezember 2013 und Juni 2014 insgesamt 402 gebildete, 18- bis 40-jährige Muslime befragt, davon 204 in Deutschland. Untersucht wurden die psychologischen Prozesse, die einer Radikalisierung von in Europa aufgewachsenen jungen Personen mit Migrationshintergrund vorausgehen.

An der FernUniversität befasst sich Marieke van Egmond mit der Begegnung von Migrantinnen und Migranten mit einer neuen, ihnen fremden Kultur. In Deutschland und den USA untersucht sie, warum Menschen radikal werden.

Wer radikalisiert sich und warum?

Marieke van Egmond: Ein zentraler Faktor ist die kulturelle Zugehörigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund. Besonders gefährdet sind kulturell Heimatlose, die weder Zugang zur Kultur ihres Herkunfts- noch zu der ihres Ankunftslandes haben. Je größer das Gefühl von Ausgrenzung, Diskriminierung und Bedeutungslosigkeit ist, desto mehr verschärft sich dieser „Prozess der Marginalisierung“.

Dr. Marieke Christina van Egmond
Dr. Marieke Christina van Egmond

Welche Rolle spielt dabei der Islam?

Marieke van Egmond: Keine. Nicht der Islam ist das Problem, sondern der Identitätsprozess: Den jungen Menschen fehlt der Sinn in ihrem Leben. Bei radikalen Gruppen mit einem klaren Freund-Feind-Bild finden sie, was sie suchen: das Gefühl, dazu zu gehören und anerkannt zu werden.

Welche Strategien gibt es im Hinblick auf den Umgang mit unterschiedlichen kulturellen Identitäten?

Marieke van Egmond: In der Studie unterschieden wir zwischen vier Strategien der „Akkulturation“, also Prozessen, die bei der Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen stattfinden. Bei der „Assimilation“ passen sich die Immigrantinnen und Immigranten vollständig an die Kultur des Landes an, in dem sie jetzt leben; ihre Heimatkultur haben sie aufgegeben. „Integration“ meint die Teilhabe an beiden Kulturen. Bei der „Marginalisierung“ gibt es zu keiner der beiden Kulturen Zugang. Die „Separation“ setzt ausschließlich auf die Kultur des Herkunftslandes.

Welcher Kultur fühlten sich die befragten Immigrantinnen und Immigranten zugehörig?

Marieke van Egmond: Als Teil von Deutschland fühlten sich 89 Prozent der Befragten. Die meisten meinten allerdings, dass die Deutschen von ihnen Assimilierung erwarten, die Kultur ihres Herkunftslandes ablehnen wollen sie jedoch nicht. Ein erhebliches Ausmaß von Islamophobie in Deutschland erkannten 77 Prozent. Weniger als zehn Prozent sahen sich selbst als Opfer von Diskriminierung. Je größer dieses Gefühl war, desto stärker hielten sie an den Werten ihrer Herkunftsländer fest. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es sich bei unserer Studie nicht um eine repräsentative Stichprobe für alle Muslime in Deutschland handelt.

Was schließen Sie daraus?

Marieke van Egmond: Je mehr die Migrantinnen und Migranten sich respektiert fühlen, desto weniger anfällig sind sie für eine Radikalisierung. Ich schließe mich dem Kommentar von Prof. Klaus Boehnke zu den Ergebnissen der Studie an, der sagte „Wir sollten uns in Deutschland darauf konzentrieren, Integration nicht nur in einem formalen Sinne zu verbessern, also etwa den Sprachunterricht oder die kulturelle Bildung, sondern wir sollten Respekt für andere Lebensweisen zum Ausdruck bringen.“ Sonst entwickeln selbst gut Ausgebildete Lebenssichten, die in den Herkunftskulturen ihrer Eltern oft schon überholt sind. Etwa die Überzeugung, in den Dschihad ziehen zu müssen oder dass Frauen minderwertig sind. Man sollte jedoch beachten, dass über 90 Prozent der von uns befragten Muslime nicht oder weniger anfällig für Radikalisierung sind. Wie viele tatsächlich radikalisiert werden, ist aus psychologischer Sicht eine ganz andere Frage.

Gerd Dapprich | 04.03.2016