Kulturelles Profil kann eine Stadt attraktiver machen

Die Bevölkerungszahlen und der Anteil jüngerer Menschen sinken in Deutschland, rasant verändern sich Wirtschaftsstrukturen, die Mobilität wächst. Um funktionierende und lebenswerte Gemeinwesen zu bleiben, müssen die Städte immer attraktiver für Wohnbevölkerung, Unternehmen, Touristen etc. werden. Die Identifikation mit der Stadt ist hierbei eine wirksame Ressource, die es zu erschließen, zu entwickeln und zu nutzen gilt: als Attraktivitätsmerkmal für die Stadt selbst und als Bindungsfaktor für die Bewohner. Im Fokus dieser „Inwertsetzung“ stehen dabei die kulturellen Aspekte der Stadt, vor allem aus der Sicht ihrer Bewohnerinnen und Bewohnern.

Der Faktor „Kultur“

„Kultur“ hat sich in zweifacher Hinsicht als bedeutsam für das Verständnis der Prozesse räumlicher Identifikation erwiesen: Die kulturellen Aktivitäten und Haltungen der Befragten spiegeln die verschiedenen Formen der Identifikation besonders gut wider. Das Kulturangebot scheint ausschlaggebend für die Wahrnehmung der Stadt und die Bewertung ihrer Attraktivität zu sein.

Hagen schrumpft

Der Rückgang der Bevölkerung in Hagen ist besonders gravierend: von rund 230.000 Einwohnern Ende 1975 über 186.000 Ende 2013 auf – nach eigener Prognose – 161.400 im Jahre 2030.

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Der Soziologe Jasper Böing fragte sich: Wie und warum identifizieren sich die Hagenerinnen und Hagener mit ihrer Stadt bzw. warum nicht?

Jasper Böing, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Soziologie I: Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie der FernUniversität in Hagen, fragte sich hierzu: Wie und warum identifizieren sich die Hagenerinnen und Hagener mit ihrer Stadt bzw. warum nicht? Welche Ansatzpunkte lassen sich aus den empirischen Erkenntnissen zur räumlichen Identifikation in Hagen für eine Inwertsetzung der Stadt Hagen als kulturellem Erlebnisraum ableiten? Hierzu hat er seine Dissertation verfasst: „Die Inwertsetzung der Stadt Hagen als kultureller Erlebnisraum. Eine qualitative Studie zu den Möglichkeiten und Ausformungen raum- und stadtbezüglicher Identifikation unter besonderer Berücksichtigung kultureller Aspekte“. Betreut wurde sie von apl. Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Bertels.

Ein Ziel Böings war es, „die Ergebnisse der Arbeit dafür nutzbar zu machen, die Wertigkeit der Stadt für die Bewohner als Wohn-, Arbeits- und Lebensraum zu verbessern; zum zweiten sollen die Identifikation und das kulturelle Potential Hagens im Wettbewerb der Städte zur Nutzung erschlossen werden.“. Daher legte er besonderen Wert auf den Anwendungsbezug seiner Forschungsergebnisse.

Zielgerichtet kommunizieren

Unter anderem aufgrund des Detaillierungsgrades der Analyse und der Berücksichtigung vieler Zusammenhänge konnte er zeigen, dass eine am Erleben der Bewohner orientierte, differenzierte Kommunikation zielführender sein dürfte als undifferenzierte Pauschalstrategien. Hierfür sind die Kenntnis und das Verständnis typischer Positionen hilfreich. Bei der Befragung von 17 Hagenerinnen und Hagenern erkannte Böing fünf verschiedene Typen, die sich unter besonderer Berücksichtigung kultureller Aspekte hinsichtlich ihrer Identifikation mit der Stadt unterschieden:

  • Der Nicht-Identifizierer identifiziert sich räumlich kaum oder gar nicht. Die regionale Zuordnung Hagens – wichtig für die gesamtregionale Identifikation – fällt ihm schwer. Vergleichsräume wählt er so, dass Hagen schlecht dasteht. Gleichzeitig ist es ihm wichtig, sich selbst einordnen zu können. Diese problematische Differenz besteht auch bezüglich des kulturellen Angebotes der Stadt einerseits und seinen Ansprüche andererseits. Seine hochkulturellen Präferenzen lebt er wenig intensiv aus, andere Haltungen lehnt er ab.

  • Mit seinem Stadtteil identifiziert der Stadtteiler sich stark, wertet die Gesamtstadt aber ab. Nimmt er z.B. seine Umgebung als historisch interessant und landschaftlich attraktiv wahr, spricht er der Gesamtstadt beides ab. Kulturell ist er relativ aktiv, vor allem in nicht-hochkultureller Form.

  • Der Regionalpatriot hat einen umfassenden Wissensstand bzgl. des Dissertationsthemas und hohes Reflexionsniveau. Seine vor allem hochkulturellen Ansprüche kann er durch das Angebot und die verkehrsgünstige Lage Hagens befriedigen. Vor allem betätigt er sich kulturell intensiv.

  • Dem Mobilen ist die Thematik gleichgültig, seine Ansprüche an die Stadt sind niedrig. Ob sie attraktiv ist, ob sie seine (event-)kulturellen Präferenzen befriedigt, ist irrelevant. Wichtig ist ihm vielmehr ihre zentrale Verkehrslage.

  • Kennzeichnend sind wohl biographisch bedingte positive, intensive Bezüge des Verwurzelten zu Stadt und Stadtteil, sein geringerer Reflexionsgrad sowie die Dominanz des Metamotivs „Strebens nach Ruhe und Geborgenheit“. Sofern Gesamtstadt und Stadtteil diesem Streben entgegenkommen, identifiziert er sich. Seine kulturellen Aktivitäten sind niederschwellig.

Diese Typen unterscheiden sich nach positiver bzw. negativer Richtung, Art und Intensität der Identifikation, durch Alter, Familienstand, Bildung, Beruf u.a. „Bei einer ausschließlichen Fokussierung auf die verschiedenen Intensitätsgrade räumlicher Identifikation – wie die quantitativ ausgerichtete Forschung sie zumeist praktizierte – hätten diese nicht erkannt werden können“, erläutert Böing.

Mit dem von ihm eingeführten Typus des „Nicht-Identifizierers“ konnte er Ursachen, Wirkungen und Zusammenhängen der Nicht-Identifikation nachgehen. Er nahm an, dass diese sich nicht als einfache Umkehrungen der Faktoren ableiten lassen, die räumliche Identifikation begünstigen. Auch dies wurde in der bisherigen Forschung kaum berücksichtigt. „Durch meine Erkenntnisse lässt sich empirisch begründet vermuten, dass eine Strategie, die keine Rücksicht auf Wahrnehmungen und Erleben nimmt, versagen oder sogar negative Effekte haben kann“, resümiert Böing.

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„Hagener Impuls“

Ein Beispiel: Hagen war vor rund 100 Jahren eines der wichtigsten Zentren einer künstlerischen Bewegung, die seit 1972 „Hagener Impuls“ genannt wird. Äußeres Zeichen war der Jugendstil. „Hagen heute als ‚hochkulturelle‘ Stadt des Hagener Impulses zu positionieren, mag bei Regionalpatrioten und Nicht-Identifizierern Erfolg versprechen“, so Böing. Beim „Verwurzelten“ dürften die positiven Effekte weniger ausgeprägt sein. Weil „Kultur“ und „Identifikation“ immer auch Prozesse der Auf- und Abwertung beinhalten, könnte die Identifikation der „Stadtteiler“ sogar geschwächt werden. Dies schließt allerdings keinesfalls aus, den „Hagener Impuls“ als Besonderheit zu nutzen. „Ganz im Gegenteil handelt es sich hierbei um ein Alleinstellungsmerkmal, das unbedingt genutzt werden sollte“, betont Böing.

„Stadt der FernUniversität“

Böing befasste sich auch mit der Eigenwerbung Hagens als „Stadt der FernUniversität“: „Die Ortseingangsschilder mit diesem Zusatz sind sehr präsent und vermutlich sehr wirkungsvoll.“ Die FernUniversität wurde nicht von allen Interviewten, dafür aber typenunabhängig als Besonderheitsmerkmal der Stadt genannt, für Bewohner und Außenstehende gleichermaßen. Dies entspricht somit der Selbstsicht der Stadt und dürfte der Wahrnehmung der Bewohner nicht entgegenstehen. Allerdings folgt hieraus nicht, dass Hagen als Universitätsstadt erlebt wird. Böing: „Die Verbindung von Stadt und Universität muss praktisch erfahrbarer werden – für alle Typen und Bevölkerungsgruppen!“

Gerd Dapprich | 03.03.2016