„Wie aus Asche Gold wird“

Gold zu machen versuchten die Alchimisten im Mittelalter. Erfolglos. Den umgekehrten Weg ging der Bundesgerichtshof im Jahr 2015: Er machte aus Gold Asche. Mitarbeiter eines Krematoriums, die Goldzähne im Wert von mehr als 300.000 Euro an sich genommen hatten, konnten nun wegen „Störung der Totenruhe“ verurteilt werden. Dieser Fall war der Auslöser dafür, dass sich Prof. Stephan Stübinger in seiner Antrittsvorlesung als Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafrechtsgeschichte und Rechtsphilosophie an der FernUniversität in Hagen damit befasste, „Wie aus Asche Gold wird“. Gestoßen darauf war er durch seine Tätigkeit als Kommentator von Urteilen zu Religionsdelikten für den Nomos-Kommentar zum Strafgesetzbuch.

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Prof. Dr. Stephan Stübinger (2.v.li.) mit dem Prorektor für Studium und Diversität, Prof. Dr. Sebastian Kubis (li.), der Dekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Kerstin Tillmanns, und seinem Vorgänger Prof. Dr. Dr. Thomas Vormbaum.

Nun ist bekannt, dass das edle Metall nicht verbrannt werden kann. Dennoch teilt wohl die Mehrheit der Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler die Ansicht des BGH. Prof. Dr. Stephan Stübinger ist einer der wenigen, die sich mit der „Zahlgoldentscheidung“ des 5. BGH-Strafsenats nicht anfreunden können: „Gold gleich Asche? Wie soll das möglich sein?“

Das Problem hat gesellschaftlich, menschlich und juristisch durchaus eine große Dimension: Goldzähne und andere Körperimplantate aus Metall werden vielerorts nach der Einäscherung eines Leichnams aus der Asche entnommen. „Dabei soll es sich um eine Größenordnung von 35 Millionen Euro pro Jahr handeln“, erläutert Stübinger.

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Die Frage ist, wem diese Gegenstände überhaupt zustehen: Den Erben? Den Betreibern der Krematorien? Den Beschäftigten der Krematorien? Und ist die Wegnahme der Implantate Diebstahl, was viele Laien glauben dürften?

Ein Diebstahl liegt nach §242 Strafgesetzbuch vor, wenn jemand eine ihm fremde bewegliche Sache wegnimmt. Goldzähne, Titangelenke und ähnliche Implantate sind aber fest mit dem Körper verbunden und daher nach herrschender Meinung keine Gegenstände, sondern Körperteile. Stübinger meint dagegen: „Mit dem Tod wird der Körper eine herrenlose Sache, mit der Verbrennung wird das Zahngold gelöst und zu einer beweglichen Sache.“

Nun ist die Wegnahme von Asche nach § 168 des Strafgesetzbuches „eine Störung der Totenruhe“. Stübinger: „In der Asche liegt ja auch das Gold. Wenn man es herausnimmt, ist das für den BGH auch eine Störung. Alles, was nach der Einäscherung übrig ist, definiert der BGH als Asche.“

Die Wegnahme des Metalls strafrechtlich verfolgbar zu machen war ein Ziel des BGH, ein anderes offensichtlich, das Pietätsempfinden der Allgemeinheit zu schützen. Stübinger kritisiert: „Es ist nicht die Aufgabe von Gerichten, durch solche Auslegungen ‚Gerechtigkeit‘ herzustellen; dies ist Sache des Gesetzgebers. Zudem kollidiert die BGH-Meinung mit zivilrechtlichen Vorschriften und mit dem Bestattungsrecht. Wenn man meint, dass das Verhalten strafwürdig ist, muss man einen eigenen Tatbestand schaffen!“

Auf jeden Fall verletzten Mitarbeitende, die Goldzähne an sich nehmen, das Aneignungsrecht der Erben oder der Totenfürsorgeberechtigten: „Das ist einem Diebstahl ähnlich. Wenn die Erben ihr Recht nicht wahrnehmen können, ist das ein Unrecht. Dafür muss es eine neue Strafnorm geben. Ein Gesetz wäre die sauberste Lösung!“

Es gibt eine weitere „Fußangel“ im Zusammenhang mit wertvollen Implantaten: „Auch der Betreiber eines Krematoriums kann das Aneignungsrecht von Erben verletzen.“ Stübinger weiter: „Es ist erstaunlich, dass das rechtlich nicht geregelt ist. Sinnvollerweise sollten die Betreiber der Krematorien die Erben fragen, ob sie ihr Aneignungsrecht ausüben wollen.“ Manche Betreiber behalten das Metall, andere spenden es für wohltätige Zwecke.

Übrigens: Ringe oder Ketten sind keine Körperbestandteile und damit bewegliche und fremde Sachen. Sie gehen ins Eigentum der Erben über. Sie wegzunehmen ist Diebstahl.

Stübinger hielt seine auch für Laien sehr anschaulichen Ausführungen in der Veranstaltungsreihe Colloquia Iuridica der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, die Teil des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität ist.

Gerd Dapprich | 20.05.2016