Kontakterfahrungen zwischen Fremden: „Flüchtlingskrise“ unterstreicht Forschungsrelevanz

Mehrere Personen verschiedener Hautfarben stehen im Halbkreis und haben ihre rechten Hände aufeinandergelegt.
(Foto: ThinkstockPhotos, william87)

„Flüchtlingskrise“, Integration, Kontakte mit Menschen aus fremden Kulturen: Nicht zum ersten Mal, aber selten so intensiv wie seit zwei Jahren wird diese Problematik in Deutschland und Europa diskutiert. An dem am Institut für Psychologie der FernUniversität in Hagen angesiedelten Research Center for the Psychological Study of Individual and Community Change (PSINCC) werden diese Themenfelder in einer Reihe von Forschungsprojekten beforscht. Aktuell gestartet ist das internationale und interdisziplinäre Forschungsprojekt „Positive-negative asymmetry of intergroup contact: A dynamic approach”, welches das Zusammenwirken positiver und negativer Kontakterfahrungen mit Mitgliedern fremder Gruppen – etwa unterschiedlicher Ethnien und Religionen – untersucht. Das Projekt ist eher grundlagenorientiert, es weist aber auch einen Anwendungsbezug auf. Im Rahmen des EU-Forschungskooperationsprogramms „Open Research Area“ wird es unter Beteiligung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 1,375 Millionen Euro gefördert, der Anteil der FernUniversität in Hagen beläuft sich auf 457.000 Euro.

Zu dem Projekt haben sich Oliver Christ, Professor für Psychologische Methodenlehre und Evaluation der FernUniversität, Miles Hewstone, Professor für Sozialpsychologie und Public Policy an der University of Oxford, und Eva Jaspers, Professorin für Soziologie an der Universiteit Utrecht, zusammengefunden. Ziel ist es, die Effekte von sowohl positiven als auch negativen Kontakterfahrungen mit Mitgliedern fremder Gruppen auf unterschiedlichen Analyseebenen zu verstehen:

  • auf der dyadischen Ebene, also im Kontext des Kontakts zwischen zwei Personen,
  • auf der sozialen Netzwerkebene, z.B. in Schulklassen,
  • und auf der sozialen Kontextebene, z.B. in Nachbarschaften.

„Dass unser Vorhaben wichtig ist, zeigt sich auch daran, dass nur etwa jeder zehnte Projektantrag bei der Open Research Area positiv beschieden wird“, unterstreicht Prof. Dr. Christ. „Die Thematik hatte bereits vor der Flüchtlingskrise große Bedeutung. Es ist schon früher diskutiert worden, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Der Begriff ‚Leitkultur‘ ist auch nicht neu. Die Flüchtlingskrise hat aber sicherlich dazu beigetragen, die Forschungsrelevanz wieder aufzuzeigen.“

Elf Mitglieder des Projektteams stehen als Gruppe auf dem Campus der FernUniversität.
Treffen der Projektgruppe an der FernUniversität: Prof. Miles Hewstone (Oxford, li.), Prof. Oliver Christ (Hagen, 2.v.re.) und Prof. Eva Jaspers (Utrecht, 5.v.re.) mit ihren Teams (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Gegenseitige Beeinflussung von Verhalten

Welche Effekte Kontakte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen auf unterschiedlichen Analyseebenen haben, zeigt Prof. Miles Hewstone an einem einfachen Beispiel auf. Er ist seit über 30 Jahren einer der renommiertesten europäischen Sozialpsychologen und weltweit führender Forscher zu Intergruppenkontakten: „In einer Schulklasse sind ein deutsches und ein türkisches Kind ‚dyadisch‘ befreundet. Ein anderes deutsches Kind sieht, dass sein deutscher Freund mit einem türkischen Kind befreundet ist. Das kann zu einer Änderung der Normen in der Klasse beitragen: Interkulturelle Freundschaften werden ‚normal‘. Die Klasse wird offener, gegenseitige Vorurteile reduzieren sich.“

Intergruppenkontakte können sich also gegenseitig „anstoßen“. Hewstone: „Die Einflüsse in Netzwerken sind sehr komplex. Allerdings sind wir mit unseren Experimenten wohl noch nicht so weit, dass wir Einflüsse ‚gezielt‘ lenken könnten.“ Hewstone veröffentlichte bereits 1986 sein erstes Buch zu dieser Thematik: „Die 1954 in den USA entwickelte ‚Kontakthypothese‘ basiert auf der Idee, dass positive, kooperative Kontakte zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen gegenseitige Vorurteile abbauen und Konflikte reduzieren können. Die Forschung hat sich in der Folge primär auf solche positiven Kontakte konzentriert. Erst seit einigen Jahren untersucht man auch die Folgen negativer Kontakte.“

Professpr Miles Hewstore hält einen Vortrag.
Welche Chancen und Risiken entstehen durch die zunehmende Diversität in Gesellschaften für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen? Rückschlüsse hierzu zog Prof. Miles Hewstone (Universität Oxford) in seinem Vortrag „The Consequences of Ethnic Diversity: Impact of Positive and Negative Contact Experiences”, den er an der FernUniversität in Hagen in den „wissenschaftsgesprächen“ der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften hielt. Die rund 40 Zuhörenden erhielten einen Überblick über Hewstones umfangreiche Forschung zur Wirkung von Kontakten zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen. Für einige war es über ihr fachliches Interesse hinaus auch wichtig, den höchst renommierten Wissenschaftler einmal „live“ erleben zu können. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Neuer Forschungsansatz

Im Rahmen des Projekts soll das Zusammenwirken positiver Kontakte, z.B. in Form von Hilfestellungen und negativer, etwa in Form einer offen geäußerten Ablehnung, untersucht werden. Insgesamt drei Jahre lang, bis zum August 2019, wird das Team mit Tagebuchstudien, standardisierten, längsschnittlichen Befragungen (Survey), Laborexperimenten und der Analyse sozialer Netzwerke der Thematik auf den Grund gehen. „Ein Ziel ist herauszufinden, wie negative Kontakte vermieden und positive gefördert werden können“, erläutert Christ. „Die Frage ist, wie positive und negative zusammenwirken und welche Dynamik dieses Zusammenspiel hat. Dabei macht möglicherweise die Abfolge einen Unterschied.“ Hewstone ergänzt: „Beispielsweise gibt es die Hypothese, dass es wichtig ist, welche Kontakterfahrungen – positive oder negative – zuerst gemacht werden. Das kann man nur in Laborexperimenten erforschen.“ Diese laborexperimentellen Studien werden sowohl in Hagen als auch in Utrecht umgesetzt, um mögliche kulturelle Einflüsse zu erfassen. Möglicherweise hat es einen Einfluss, ob in einem Land wie den Niederlanden schon seit langer Zeit Menschen aus anderen Kulturkreisen aufgenommen werden.

„Wir haben erste Befunde dafür, dass positive Erfahrung häufiger auftreten und vergleichbare Effekte aufweisen wie negative Kontakterfahrungen“, so Hewstone. Aus einem anderen Projekt weiß er, dass Personen im Umgang mit negativen Kontakten „trainiert“ werden können. Daher befasst sich das Forschungsteam auch mit der Frage, „ob eine Mischung aus positiven und negativen Kontakten effektiver ist als ausschließlich positive“, so Hewstone weiter.

Erste Ergebnisse

Bereits durchgeführt worden ist in England eine Tagebuchstudie mit regelmäßigen Befragungen über einen längeren Zeitraum. Über fast zwei Wochen wurden die Teilnehmenden – Briten ohne Migrationshintergrund und Personen aus Südostasien – täglich zu ihren positiven und negativen Erfahrungen mit Mitgliedern der jeweils anderen Gruppe befragt. „Wir wollten abschätzen, wie häufig die Personen überhaupt positive und negative Kontakterfahrungen in ihrem Alltag machen“, so Christ. „Darüber weiß man bisher wenig, es deutete sich bisher nur an, dass positive Kontakterfahrungen überwiegen. Wie intensiv solche Erfahrungen jeweils sind, weiß man allerdings nicht. Möglicherweise treten positive Kontakte häufiger auf. Negative Kontakte mögen aber dafür aber nachhaltiger sein.“

Eine systematische Auswertung der Daten steht zwar noch aus, aber der erste Eindruck ist, dass es deutlich mehr positive Erfahrungen als negative gibt und dass die Intensitäten von positiven und negativen Kontakten sich eher nicht unterscheiden.

Das Projekt soll eine wichtige Forschungslücke in diesem Bereich schließen, die Ergebnisse in hochrangigen internationalen Journals veröffentlicht werden.

Gerd Dapprich | 31.08.2017