Brückenschlag zwischen Beruf und Studium

Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein. Mit diesen Stärken starten Studierende, die keine klassische Hochschulzugangsberechtigung haben, ins Studium. Einbringen können sie ihre Kompetenzen bisher jedoch noch nicht. So lautet ein Fazit aus dem Projekt „Ein fakultätsübergreifendes Konzept für die Studieneingangsphase Beruflich Qualifizierter (BQ)“ an der FernUniversität.

Prof. Dr. Uwe Elsholz vom Lehrgebiet Lebenslanges Lernen leitet das fakultätsübergreifende Projekt, an dem sich alle vier Fakultäten beteiligen:Kultur- und Sozialwissenschaften, Mathematik und Informatik, Wirtschaftswissenschaft sowie die Rechtswissenschaftliche Fakultät. „Studien zeigen, dass insbesondere die Dauer und die Relevanz der beruflichen Vorerfahrung Einfluss auf den Studienerfolg haben“, so Prof. Elsholz. „Die Möglichkeiten, diese Erfahrungen tatsächlich ins Studium einzubringen, beeinflussen den Studienerfolg positiv.“ An dieser Stelle gilt es nachzubessern.

Eine Gruppe Menschen steht und sitzt im TGZ auf dem Campus der FernUniversität. (Foto: Torsten Silz)
Die FernUniversität hat bundesweit die meiste Erfahrung mit Beruflich Qualifizierten. Hier sind rund 7.600 Studierende ohne Abitur eingeschrieben. (Foto: Torsten Silz)

Konkrete Maßnahmen

Nach der ersten Phase einer Datenerhebung liegen nun konkrete Konzepte für Beruflich Qualifizierte vor. In der Fakultät Mathematik und Informatik etwa soll ein Brückenkurs konzipiert werden, der auf mathematisches Hochschulwissen vorbereitet, die Rechtswissenschaftliche Fakultät richtet Kurse für juristisches Schreiben im Gutachterstil ein. „Den Beruflich qualifizierten Studierenden fehlen vor allem Fähigkeiten, die man für einen strukturierten Umgang mit Texten benötigt – und der in der gymnasialen Oberstufe vermittelt wird“, so ein weiteres Fazit.

In Wirtschaftswissenschaft zeigt sich, dass sich beruflich und traditionell Qualifizierte nicht wesentlich in ihren Bedürfnissen an Unterstützung unterscheiden. Das gilt auch für den im Projekt analysierten Studiengang Bildungswissenschaft. „In beiden Fällen sollen Angebote ausgebaut werden, von denen alle Studierendengruppen profitieren“, beschreibt Elsholz. Konkret sind in der Bildungswissenschaft digitale Formate wie Lernvideos, Tutorials und die Erweiterung der Schreibwerkstatt zu einer Studierwerkstatt bereits in der Umsetzung. Auch hier geht es darum, den Weg zu wissenschaftlichem Arbeiten und Denken gezielt zu unterstützen und nicht dem Zufall zu überlassen – gerade für Beruflich Qualifizierte ist daher ein solches Angebot notwendig.

Zahlen & Fakten

Beruflich Qualifizierte verteilen sich insbesondere als Studienanfängerinnen und -anfänger auf die vier Fakultäten:

  • Wirtschaftswissenschaft: zwölf Prozent
  • Kultur- und Sozialwissenschaften: elf Prozent
  • Rechtswissenschaftliche Fakultät: neun Prozent
  • Mathematik und Informatik: acht Prozent

Didaktische Leitlinien entwickeln

Parallel dazu entwickeln Elsholz und sein Team fächerübergreifende didaktische Leitlinien, von denen auch andere Universitäten profitieren können – wie „Selbstwirksamkeit erhöhen“. „Beruflich Qualifizierte fühlen sich häufig schlechter vorbereitet auf ein Studium als ihre Kommilitonen mit traditioneller Hochschulzugangsberechtigung. Daher können wir sie am besten unterstützen, wenn wir die beruflich qualifizierten Studierenden in ihrer Studienentscheidung bestärken“, so Denise Brückner, die das Projekt wissenschaftlich begleitet. „Hierfür können beispielsweise zunächst einfachere Aufgaben dienen, an denen aber bestimmte Prinzipien wie etwa die Beweisführung in der Mathematik verdeutlicht werden.“ Oder: Mit Projektarbeiten und der Einführung heterogener Lerngruppen könne man an den Kompetenzen Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein ansetzen. Die Leitlinien werden aufgrund der Erfahrungen der Projektteilnehmenden evaluiert und bei Bedarf entsprechend justiert.

Stand der Forschung

Im Rahmen der wissenschaftlichen Analyse hat Uwe Elsholz die Zwischenergebnisse aus dem Projekt zusammengefasst und Beiträge weiterer Autorinnen und Autoren ergänzt. Herausgekommen ist ein Sammelband, der über aktuelle Studien informiert, den Forschungsstand präsentiert und Biografien von Studierenden auf dem Dritten Bildungsweg nachzeichnet. Herausforderungen in bildungspolitischer, in didaktisch-curricularer und theoretischer Hinsicht werden ebenso beschrieben wie offene Forschungs- und Entwicklungsfragen. „Nicht nur die Hochschulen sind gefragt, es wandelt sich derzeit das gesamte tradierte deutsche Bildungssystem“, so Elsholz.


Uwe Elsholz (Hg.), Beruflich Qualifizierte im Studium – Analysen und Konzepte zum Dritten Bildungsweg, Bertelsmann-Verlag, kostenloser Download

Anja Wetter | 04.03.2016