Gegen die Wand reden

Dr. Jörg Lenhardt redet gegen die Wand. So zu arbeiten ist Teil der Arbeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Rechnerarchitektur (Prof. Dr. Wolfram Schiffmann) an der FernUniversität in Hagen. Wenn er beim Repetitorium des Lehrgebietes Fragen von Studierenden beantwortet und Zusammenhänge erläutert, sieht und hört er die Teilnehmenden nicht (und wird von diesen nur gehört, nicht gesehen). Auf einem Whiteboard auf seinem Tisch schreibt und zeichnet Jörg Lenhardt Erläuterungen in elektronische Folien. Bei den Studierenden in ganz Deutschland und weit darüber hinaus erscheinen sie im gleichen Moment auf den Monitoren. Ihre Fragen können sie per integriertem Chat stellen.

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Während Jörg Lenhardt seinen Vortrag hält,...

Entstanden ist das Repetitorium aus einer Präsenzveranstaltung. Ursprünglich war sie gut besucht, doch dann nahm die Zahl der weit überwiegend berufstätigen Teilnehmenden immer stärker ab. Daher wurden aus dieser Präsenzveranstaltung Online-Studientage. Seit dem Sommersemester 2015 werden zusätzliche Online-Repetitorien angeboten, in denen insbesondere die Studieninhalte wiederholt werden, in denen größere Defizite bei den Studierenden erkennbar sind: „Den Kurstext kann man verstehen – muss man aber nicht. Daher ist es oft sinnvoll, wenn man noch einmal aus einem etwas anderen Blickwinkel an das Thema herangeht. Wo es nachzubessern gilt, erkennen wir nicht nur anhand von Klausurergebnissen, sondern auch durch die Beobachtung von Diskussionen in Newsgroups oder durch Anfragen beim Lehrgebiet“, erläutert Jörg Lenhardt. Die schwierigeren Themen werden dann im Repetitorium erklärt und Fragen hierzu beantwortet „Das positive Feedback motiviert die Studierenden zusätzlich. Wir wiederholen den Stoff, bereiten aber nur indirekt auf die Prüfungen vor.“

Etwa 50 Studierende finden sich im Wintersemester bei den Online-Repetitorien ein, im Sommersemester sind es etwas weniger. An den Studientagen nehmen 80 Studierende teil. Zum Vergleich: Beim letzten Präsenz-Studientag waren es 16. Insgesamt haben 700 den Kurs belegt. Für Lenhardt ist „die Teilnahmequote gut –eine Folge des direkteren Kontaktes als in Newsgroups, die ja nicht synchron verlaufen“.

Vier Kurseinheiten des Kurses „Computersysteme II“ werden an vier Terminen, kurz nach der Auswertung der Einsendeaufgaben, abgehandelt. Dabei geht es um Fragen wie „Wie funktioniert ein Prozessor?“, „Wie wird ein Speicher genutzt?“ oder „Wie funktionieren moderne Computerarchitekturen?“ Die Veranstaltungen dauern von 18 bis 21 Uhr.

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... ergänzt er die elektronischen Folien mit Notizen und Hervorhebungen und stellt zeichnerisch Zusammenhänge dar.

Wenn Lenhardt spricht, können die Studierenden ihn nur hören, aber nicht sehen. Fragen stellen sie per integrierten Chat, alles andere hätte einen zu großen Moderationsaufwand zur Folge. Den Chat beobachtet Marius Klein. Die studentische Hilfskraft beantwortet einfache Fragen selbst, ansonsten weist Klein Lenhardt auf die Frage im Chat hin. Wenn es in den Kontext passt, baut Lenhardt das Thema sofort in seine Ausführungen ein, ansonsten erhält die Studentin oder der Student zumindest einen Hinweis, ob der Dozent gleich darauf eingehen wird: „Fast alle Fragen können wir sofort beantworten, bei anderen liefern wir die Erläuterungen nach.“

Als Unterlage verwendet Lenhardt Standardfolien der Kurse, auf denen er schreibt und zeichnet. Die Inhalte der Folien werden aufgrund der Rückfragen der Studierenden umfangreicher, so werden auch weitere Folien eingefügt.

Einen wichtigen Hinweis gibt Lenhardt den Studierenden immer wieder: „Der Kurs ist mit dem Lesen des Kurstextes nicht abgeschlossen. Wichtig ist Drittliteratur!“ Sogar Wikipedia und Co. können für die ersten Schritte in eine noch undurchsichtige Materie durchaus sinnvoll sein. Auf jeden Fall sind Anregungen wichtig, sich mit anderen Bereichen zu beschäftigten.“

Die Repetitorien spielen in der Lehre des Lehrgebiets von Prof. Schiffmann also eine wichtige und erfolgreiche Rolle. Dennoch behalten auch die Newsgroups ihren Stellenwert. Lenhardt: „Die Studierenden sollen sich zunächst erst einmal gegenseitig helfen und diskutieren. Unsere studentischen Hilfskräfte beobachten das und greifen erst ein, wenn keine Diskussion zustande kommt oder in eine völlig falsche Richtung diskutiert wird.“

Gerd Dapprich | 24.08.2016