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Streit verbindet: „Die Unauflöslichkeit des sozialen Bandes“

Antrittsvorlesung von Prof. Thomas Bedorf zur Integrationskraft der Gesellschaft

„Was hält die Gesellschaft zusammen?“ Die Frage ist ein Dauerbrenner, der sich Wissenschaften verschiedenster Fachrichtungen immer wieder gewidmet haben. Unter dem Stichwort des „sozialen Bandes“ befasst sich mit dieser Frage auch Prof. Dr. Thomas Bedorf, der sich als neuer Leiter des Lehrgebiets Philosophie III, Praktische Philosophie: Technik, Geschichte, Gesellschaft in seinen Forschungen vor allem sozialphilosophischen und politiktheoretischen Problemen widmet. In seiner Antrittsvorlesung machte er unter dem Titel „Die Unauflöslichkeit des sozialen Bandes“ die „Integrationskraft der Gesellschaft“ zum Thema.

Das soziale Band ist für den Philosophie-Professor zunächst kein klar zu definierender Begriff, sondern eine Metapher, die ein Problem bezeichnet: Das Band verbindet etwas, hält etwas zusammen, was nicht von selbst bereits ähnlich ist. Historisch gesehen wird die Metapher des sozialen Bandes genau in dem Moment zum Thema, als seine Bindungskraft in die Krise gerät: Mit der Durchsetzung der modernen, bürgerlichen Gesellschaft werden die selbstverständlichen Gemeinsamkeiten fragwürdig (etwa, dass wir alle Geschöpfe Gottes sind oder unsere Ordnung sich einem gemeinsamen Naturrecht verdankt). Zunehmend wird die Integrationskraft der Gesellschaft beansprucht und – in den Augen mancher Beobachter – überdehnt. Auf der Ebene der Metaphorik hat das zur Folge, so Thomas Bedorfs Resümee, dass die Elastizität eine Grenze erreicht: „Und irgendwann reißt das Band vielleicht auch.“ Damit geht die Frage einher: „Ist nicht angesichts der vielfältigen Spannungen in der Gesellschaft der soziale Zusammenhalt ‚überdehnt’, so dass die Konflikte mit Gewalt ausgefochten werden?“

Wenn nun in politischen Reden oder in Zeitungsartikeln in dieser Weise die Grenzen der Beanspruchbarkeit sozialer Integrationskraft angemahnt werden, so sieht man üblicherweise die Krisensymptome in vielen sozialen Bereichen, in denen Individuen sich gemeinhin aufgehoben fühlen: in der Familie, im Beruf, in Vereinen usw.: „Also dort, wo man sich gegenseitig aufgrund bestimmter Erwartungen wertschätzt, wo die eigenen Fähigkeiten wie die der anderen geachtet werden, und ich daraus – emphatisch gesprochen – eine Bestätigung meiner Identität finde.“ Die Diagnose des kriselnden sozialen Bandes hingegen betont, dass in der flexibilisierten Berufswelt ein kontinuierliches „Arbeitsleben“ nicht mehr existiert und durch die zunehmende Unsicherheit fragmentierter Erwerbsbiographienersetzt wird; dass die geordnete Geborgenheit der Mehrgenerationenfamilien schon längst zugunsten einer Pluralität von Familienformen aufgegeben wurde, so dass unterdessen – wie Bedorf unterstreicht - die Familie oft selbst zum „Leistungsmodell“ wird und „alles andere als ein ‚idyllischer Ort’ ist“; dass schließlich die Religion, die einst Weltdeutung, Sinnreservoir und soziales Milieu in eins war, in einer weitgehend säkularen Gesellschaft diese Funktionen nicht mehr wahrnehmen kann.

Bedorf betont in diesem Zusammenhang, dass die Krisendiagnose im Hinblick auf Beruf, Familie und Religion nicht auf das einzelne Individuum bezogen werden darf, sondern Tendenzen der Gesellschaft im Ganzen bezeichnet: „Natürlich gibt es noch Menschen, die in ihrem Beruf zufrieden sind, Familien, die zusammenhalten, und tief gläubige Menschen, die aus ihrem Glauben eine Weltdeutung gewinnen. Aber die Gesellschaft insgesamt hat sich verändert.“ Zudem ließe sich die Diagnose auf weitere Bereiche ausweiten, wie etwa die des fehlenden kulturellen Konsenses oder der mangelnden Motivation zu politischem Handeln. Gezielte empirische Untersuchungen bestimmter Lebensbereiche müssen nach Bedorfs Auffassung jedoch Nachbardisziplinen, beispielsweise der Soziologie, vorbehalten bleiben, während sich die Philosophie mit den Gründen auseinandersetzen müsse, die für oder gegen die These vom bedrohten Band sprechen: „Gemeinsam ergeben die Symptome das Bild eines sozialen Bandes, das vor dem Zerreißen steht.“

Bedorf widmete sich in seiner Vorlesung im Anschluss an diese bekannte Diagnose in erster Linie den philosophischen Modellen, die auf diese ‚Zerreißprobe’ eine Antwort geben sollen. Anhand der drei diskutierten Vorschläge von Immanuel Kant, Friedrich Schleiermacher und Jacques Rancière versuchte Bedorf zu zeigen, wie es den Philosophen gelingt, der Tatsache des Konflikts Rechnung zu tragen, ohne damit zugleich das Ende des sozialen Bandes prophezeien zu müssen. Kants Idee der „ungeselligen Geselligkeit“ als Antriebsfeder gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritts setzt darauf, dass die gesellschaftliche Ordnung wie ein „Automat, der sich selbst erhalten kann“ (Kant) funktioniere, wenn einmal die Blüte menschlicher Anlagen erreicht sei. Schleiermacher führte Bedorf als den (gegenüber Kant) moderneren Philosophen vor, da sein Begriff einer „schwebenden Geselligkeit“ soziale Verbindungen zwar herstellt, sie aber nicht zu einem stabilen, aber unveränderlichen Muster verknüpft. Erst mit seinem dritten Modell, das er dem Auditorium vorstellte, bekommt der Streit eine zentrale Rolle zugewiesen.

Paradoxerweise ist für das „Band der Teilung“ im Sinne des französischen Philosophen Rancière der Streit entscheidend. Das ist, so Bedorf, nur auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich. Da die Metapher des „Bandes“ keineswegs mit Harmonie und Einheitlichkeit gleich zu setzen sei, müssten Konflikte nicht zwangsläufig zu einem Riss führen. Bedorf: „Uns hält vielmehr das zusammen, worüber wir streiten – was uns eint ist was uns trennt.“ Denn bei einem fundamentalen Streit „geht es ja um etwas Gemeinsames“, etwas, was für beide Streitenden entscheidend ist.

Da die Gegenstände des Streits um das Soziale nicht privat, sondern öffentlich sind, ist der Streit einer um die politische Deutung. In der demokratischen Praxis in Deutschland ist das jedoch eine eher ungewohnte Auffassung, weil das Publikum große Einigkeit bevorzugt nach der Devise: „Wenn alle wichtigen Politiker das Gleiche wollen, wird es das Richtige sein.“ Bei großen polemischen Debatten neige das deutsche Publikum zu Desinteresse, weil es für das „parteipolitische Gezänk“ wenig übrig habe. Demgegenüber würde in Frankreich oder Großbritannien keineswegs Einigkeit gesucht, dort sähe man, dass „Streit Zusammenhang stiftet, die Gesellschaft aber nicht zerreißt“.

Nach seiner Antrittsvorlesung leitete Prof. Dr. Bedorf zum informellen Teil über, indem er versicherte, dass er sein Plädoyer für ein prominentere Rolle des Streits in der Sozialität keineswegs als Ankündigung eines konfliktsuchenden Arbeitsstils verstanden wissen wolle. Der bereit stehende Imbiss gab dann auch Gelegenheit, die „schwebende Geselligkeit“ sogleich zu praktizieren.

Gerd Dapprich | 09.03.2012
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