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„Milieu und Medium: Wege zur Ökologie“

Antrittsvorlesung von Prof. Armin Schäfer

Wenn ein Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte der Medienkulturen sich in seiner Antrittsvorlesung mit der Theorie und Geschichte der Ökologie beschäftigt, erscheint das zunächst ungewöhnlich. FernUni-Professor Dr. Armin Schäfer zeigte in seinem Vortrag „Milieu und Medium: Wege zur Ökologie“ eine Verbindung von der Medienwissenschaft und der Wissenschaft auf, die sich mit den biologischen Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrer natürlichen Umwelt beschäftigt.

„Wissenschaftsgeschichte ist auch Mediengeschichte“

Wissenschaftsgeschichte ist immer auch Mediengeschichte. Die Geschichte der Begriffe und Konzepte ist weder von einer Geschichte des Wissens noch von der Geschichte der medialen Darstellungen – mit denen das Wissen erzeugt, in denen es zirkuliert und verbreitet wird – zu trennen. Wie ist die Wissenschaftsdisziplin Ökologie entstanden? Um das zu verstehen, muss man den Ursprung und die Geschichte des Begriffs „Milieu“ nachvollziehen, denn beides spielt hier eine entscheidende Rolle.
Eine weit verbreitete Annahme ist, dass unsere Begriffe und Konzepte ursprünglich „rein“ sind. Sie werden in fremde Zusammenhänge übertragen, in denen sie eine zusätzliche Bedeutung annehmen. „Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch. Die Wortgeschichte aber erschließt nicht die ganzen Zusammenhänge“, unterstrich Prof. Schäfer.

Prof. Dr. Armin Schäfer, Rektor Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer, Prof. Dr. Theo Bastiaens und Kanzlerin Regina Zdebel Mit großem Interesse folgten dem Vortrag von Prof. Dr. Armin Schäfer (2.v.l) auch Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer (l.), Rektor der FernUniversität, Prof. Dr. Theo Bastiaens, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwisssenschaften, und Regina Zdebel, Kanzlerin der FernUniversität.

„Milieu“ – Relationsbegriff und Bezeichnung für materielle Substanz

Das französische Wort „Milieu“ findet man erstmals im 18. Jahrhundert. Es besteht aus zwei eigenständigen Wörtern. Dabei meint das aus dem Altfranzösischen stammende „Mi“ so viel wie Mitte, zwischen oder halb. „Lieu“ bedeutet Ort oder Platz. Im Französischen wird das Wort Milieu gebildet, um das lateinische Wort Fluidum zu übersetzen.


Als Fluidum hatte Isaac Newton das Medium bezeichnet, in dem die Schwerkraft übertragen wird und sich das Licht ausbreitet. Das Fluidum, so Newton, sei ein sinnlich nicht wahrnehmbarer, aber materieller Träger, der die Wirkung der Schwerkraft und die Ausbreitung des Lichts plausibilisieren solle.

Das Fluidum befindet sich zwischen den Körpern, diese wiederum befinden sich inmitten des Fluidums. Es ist also ein eigener mittlerer Ort und eine eigenständige Substanz, welche die Kräfte der Schwerkraft oder das Licht überträgt. Das französische Wort soll diesen Doppelsinn erfassen, der in Newtons Definition des Fluidums steckt: Milieu ist zum einen ein Relationsbegriffs und bezeichnet eine Beziehung zwischen Körpern. Es liegt zwischen zwei Orten, also zwischen zwei lieus, und vermittelt zwischen ihnen. Zum anderen bezeichnet der Begriff Milieu eine materielle Substanz, die Kräfte überträgt und Wirkungen effektuiert.

Von der Geschichte des Begriffs „Milieu“…

Der Milieu-Begriff ist in der Naturgeschichte bzw. Biologie jedoch keine bloße Übernahme des Begriffs aus der Mechanik, der in seiner Übertragung mit zusätzlichen Bedeutungen angereichert wurde. Vielmehr besitzt die Idee der Mitte, des Mittels und des Dazwischen, das im Zuge der Newton-Übersetzung als Milieu gefasst wird, von Anfang eine interne Mannigfaltigkeit: So sieht schon Hippokrates die Verschiedenheit von Luft, Wasser und Ortslage als ausschlaggebend für die Verschiedenheit der Menschen und ihrer Erkrankungen an. „Es wäre also eine Verkürzung, die Geschichte des Milieu-Begriffs als bloße Wortgeschichte zu schreiben und von der Geschichte jener Idee abzulösen, der zufolge verschiedene Umgebungen spezifische Effekte hervorbringen“, erläuterte Prof. Schäfer.

…zur Ökologie

Ausgehend von dieser Geschichte des Begriffs „Milieu“ zeichnete er nach, wie im 19. Jahrhundert die Ökologie als eine eigenständige biologische Wissenschaft entstanden ist und welche Rolle die hierbei die verschiedenen Auffassungen von Milieu und Medium spielten.

Vor dem Hintergrund der Geschichte der Begriffe „Milieu“ und „Medium“ verlieren in der Ökologie einfache Gegensätze und Modellierungen ihre Plausibilität: „Von dem Ziel der Ökologie, dass Mensch und Natur in ein natürliches Gleichgewicht gekommen, müssen wir uns verabschieden. Denn es gibt für uns Menschen keinen authentischen und unverstellten Zugang zur Natur. Die Begriffe Kultur und Natur lassen sich nicht oppositionell oder simplifizierend gegenüber stellen. Und es gibt auch nicht die eine Kultur, sondern viele Medienkulturen.“

Manuela Feldkamp | 09.03.2012
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