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Vom Wissen und Glauben: Informatik hat für Till Schümmer viel von einer Geisteswissenschaft

Wie Informatik und Theologie eine gemeinsame Sprache finden

Praktische Informatik und praktische Evangelische Theologie? Wie soll das passen? Für Dr. Till Schümmer sehr gut, sie ergänzen sich für ihn sogar hervorragend. Wenn man sieht, was der Wissenschaftliche Mitarbeiter von Prof. Dr. Jörg M. Haake im Lehrgebiet Kooperative Systeme – Praktische Informatik VI aus seinem Darmstädter Informatikstudium und dem Nebenfach Evangelische Theologie an der FernUniversität in Hagen gemacht hat, kann man ihm nur beipflichten: Als Projektleiter des Verbundprojektes PATONGO koordiniert er die Zusammenarbeit zwischen Psychologen, Theologen und Informatikern. Das Internet-Portal „PATONGO“ soll zukünftig als eine Art kirchliches Wikipedia haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Evangelischen Kirche in Deutschland helfen, Probleme zu lösen, indem sie geeignete Lösungen anderer besser verstehen und nachvollziehen können. Gemeinsam können so hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche über das Internet nach erprobten Lösungen suchen und neue Ideen entwickeln. Hierdurch entstehen neue Gelegenheiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung. Immerhin engagiert sich jeder 70. Deutsche in der Evangelischen Kirche. Das System könnte auch vielen anderen großen Organisationen – zum Beispiel vom Katastrophenschutz bis hin zu Sportverbänden – nützlich werden.

Zu den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Evangelischen Kirche gehört auch Till Schümmer. Obwohl er schon früh seinen Informatik-Berufsweg eingeschlagen hatte reizte ihn auch die praktische Theologie: „Nur die ‚Alten Sprachen’ schreckten mich ab.“ So war für ihn klar, dass die Informatik – genau wie die Theologie – den Menschen nicht aus dem Blick verlieren darf. „Auch wenn die Informatik eine Ingenieurswissenschaft ist, hat sie für mich sehr viel von einer Geisteswissenschaft.“ Seine Begründung: „Wir haben in unserer Forschung sehr viel mit Menschen zu tun, wir gestalten Interaktionen zwischen ihnen. Der Computer ist für diese Menschen nur ein Werkzeug.“

Beide Disziplinen können nach seiner Überzeugung voneinander lernen und profitieren. Das abstrakte, systemische Denken des Informatikers kann auch Theologen in ihrer Arbeit helfen; der Informatiker sollte sich über die Auswirkungen der Technik auf den Menschen bewusst sein. Für ein Projekt wie PATONGO ist eine fächerübergreifende Zusammenarbeit zwischen Theologen, Psychologen und Informatikern selbstverständlich. Die Informatik liegt für Schümmer dabei an der Schnittstelle zwischen den verschiedenen Disziplinen.

Als Schümmer 2002 zur FernUniversität kam konnte er seinen interdisziplinären Blick noch ausweiten. Hilfreich dürfte gewesen sein, dass die FernUniversität viel vom „Blick über den ‚Tellerrand“ des eigenen Fachgebiets“, also von interdisziplinärer Bildung, hält. Interdisziplinär ist für Schümmer auch seine ehrenamtliche kirchliche Tätigkeit. Dort erkannte er den großen Bedarf an themenbezogenem Wissensmanagement und organisationalem Lernen. Dieses Defizit traf genau seine Forschungsschwerpunkte, die er in seiner Promotion 2005 behandelte: „Wie kann man Wissen in Formen von Entwurfsmustern so präsentieren, dass es sich leicht wieder in Handlungswissen übertragen lässt?“ Entwurfswissen ist die Beschreibung guter Praxis, in der das „Warum?“ einer Problemlösung ein besonderes Gewicht hat. Es wird also großer Wert darauf gelegt, den Kontext der Lösungsfindung, vor allem das Problem selbst, zu erklären und die Lösung so für die Zielgruppen leichter verständlich zu machen.

Praktisch anwenden lässt sich das bei der Unterstützung der Kommunikation von Kirchenmitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Diese sollen sich in Zukunft vermehrt austauschen und nach dem „Warum“ ihres Handelns fragen. “Sinnvoll ist es, die Beweggründe für mein Handeln sichtbar zu machen. Dafür muss ich die Situation, in der ich mich befunden habe, analysieren“, erläutert Schümmer. „Das Zusammenspiel zwischen der Analyse des Kontextes, der Beschreibung des Problems und der praktischen Lösung verhilft anderen zu einem einfach handhabbaren Zugang zu meinem Praxiswissen“. So verstehen sie leichter, wie sie etwas tun können und warum.

Hierbei konnte Schümmer auf seine Arbeiten im Lehrgebiet zurückgreifen. Hier wurde der Ansatz zum Beispiel für die Betreuung von Abschlussarbeiten an der FernUniversität oder für die Gestaltung von Kooperativen Systemen erprobt. Dabei dient die Technik vor allem als Werkzeug zur gemeinsamen Wissensverteilung.

Ähnlich ist es bei dem kirchlichen Kommunikationsportal „PATONGO“ (Patterns and Tools for Non-Governmental Organizations). In seinen „Ermöglichungsräumen“ sollen sich die Mitarbeitenden aus allen Schichten und Lebensbereichen über große Distanzen austauschen können. Schließlich ist ein wesentliches Merkmal der „Organisation Kirche“, dass sie hoch verteilt ist. Daraus schöpft sie gleichzeitig ein großes Potential an hoch spezialisierten, zielgruppenorientierten Menschen, durch die die Kirche sich mit nahezu jedem Lebensbereich befassen kann.

Im PATONGO-Projekt ist Dr. Schümmer mit einem Team von Informatikern des Lehrgebiets Kooperative Systeme für die Gestaltung und Umsetzung des Wissensaustauschs und der technischen Unterstützung durch Web-2.0-Technologien verantwortlich. Die EKD wirkt an der Gestaltung schon jetzt aktiv mit und wird die Plattform ab Pfingsten 2010 mit Leben füllen. So wird eine lebendige Community für Praktiker entstehen. Mit den pädagogischen und psychologischen Aspekten befasst sich das Tübinger Institut für Wissensmedien. Herzstück der Plattform ist ein interaktives Lexikon für kirchliches Handeln und Erfahrungswissens, ähnlich Wikipedia. Mit kooperativen Werkzeugen wird Wissen geteilt und gemeinsam bearbeitet und weiterentwickelt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Europäische Sozialfonds fördern das auf drei Jahre ausgerichtete Projekt. Bundesforschungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

Die jeweils aktuelle Projektphase wird unter http://www.patongo.de erläutert

Gerd Dapprich | 07.12.2009
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