Prof. Jürgen G. Nagel hat europäische Verflechtungen im Blick

Vier Personen stehen nebeneinander: (v.li.) KSW-Dekan Prof. Dr. Frank Hillebrandt, Dr. Christine Kracht, Prof. Dr. Jürgen G. Nagel, stellv. Kanzler Wolfram Krunke.
Zu seiner Ernennung gratulierten Prof. Dr. Jürgen G. Nagel seine Frau Dr. Christine Kracht sowie der Dekan Prof. Dr. Frank Hillebrandt und Wolfram Krunke als Vertreter der Kanzlerin.

Die Geschichte Europas ist untrennbar mit der Geschichte anderer Kontinente und Völker verbunden. „Das heißt aber nicht, eine eurozentrische Perspektive im Sinne einer verklärenden Darstellung in der Tradition einer Kolonialgeschichte alten Typs einzunehmen“, macht Prof. Dr. Jürgen G. Nagel deutlich. Der Historiker leitet jetzt das Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt im Historischen Institut der FernUniversität in Hagen. Jürgen G. Nagel tritt damit die Nachfolge von Prof. Dr. Reinhard Wendt an, bei dem er im Jahr 2005 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter begann.

Wechselwirkungen in der Geschichte

Prof. Nagels Lehrgebiet weitet den Blick und beschäftigt sich mit den Interaktionen zwischen Europa und der außereuropäischen Welt: „Vor allem untersuchen wir die Rückkoppelungen und Wechselwirkungen. Welche Rolle hat Europa in der frühen Globalisierungsgeschichte gespielt und wie hat es sich selber im Zuge dieser Entwicklungen verändert?“ Schon als Student wollte Nagel sich nicht auf die gängigen Themen in der deutschen Geschichtswissenschaft wie die NS-Zeit festlegen lassen. Bereits für seine Magister-Arbeit hatte Nagel den Blick über Europas Grenzen hinweg gelenkt. „Da musste ich mich damals durchsetzen“, so Nagel. „Mit außereuropäischer Geschichte war ich ein bisschen exotisch.“

Medien-Mix erweitern

Als Sohn eines Ingenieurs entschied er sich – trotz technisch orientierter Sozialisation – dafür, Geschichte, Politikwissenschaft und Ethnologie zu studieren. Nagel ging nach Trier und blieb dort von 1987 bis 2005: als Student, als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, als Dozent und schließlich als Assistent. Im Studium lernte er seine Frau kennen, er engagierte sich kommunalpolitisch. Als ein Wechsel fällig wurde, kam die FernUniversität in Hagen in Nagels Blick. „Die FernUniversität passte mit ihrer Studierenden-Klientel von Anfang an sehr gut für mich“, erinnert sich Nagel, der 2013 seine Habilitation über Forschungsorganisation und -praxis im deutschen Kolonialreich abgeschlossen hat.

Auf das Fernstudiensystem hat er sich rasch eingestellt. „Es kommt der Geschichtswissenschaft als Lesefach entgegen. Allerdings brauchen wir wiederum als diskursive Wissenschaft auch Präsenzelemente, die Online-Angebote ergänzen.“ Neben regelmäßigen Präsenzseminaren und der Geschichtswoche zählen auch Exkursionen zum Kern des Lehrangebots im Historischen Institut.

IS und Islam

Inhaltlich legt Nagel seinen Forschungsfokus auf die Gesellschaftsgeschichte Namibias und untersucht etwa Ethnizität, Religion sowie die politischen und sozialen Strukturen. Darüber hinaus interessiert sich der Historiker für den Indischen Ozean und das maritime Südostasien als historische Räume. Aus seinem Arbeitsfeld „Islam und Empire“, das unter anderem die Entwicklung in kolonisierten Gesellschaften und die Geschichte der Islamwissenschaft thematisiert, ergeben sich ganz aktuelle Bezüge. Im Rahmen der BürgerUniversität Coesfeld wird Jürgen G. Nagel einen Vortrag über die Hintergründe des Islamischen Staates (IS) halten. „Der IS hat mit dem Islam als Religion wenig zu tun“, gibt Nagel einen Vorgeschmack auf den Vortrag. „Der IS ist vor allem radikalisiert worden, als die ehemaligen Geheimdienstchefs von Saddam Hussein die Führung übernommen haben.“

Zurzeit plant das Historische Institut den neuen Master-Studiengang „Geschichte Europas – Epochen, Umbrüche, Grenzen“. Für sein Lehrgebiet konzipiert Nagel Online-Kurse, die als Grundlage für thematische Module dient. „Die Studierenden sollen dadurch aus einem Medien-Mix auswählen können und so mehr Freiheiten bekommen“, sagt Nagel. „Was unser Fach braucht, sind eigenständige Studierende. Individualistinnen und Individualisten eben.“

Anja Wetter | 04.03.2016