Prof. Katharina Walgenbach hat Heterogenität im Blick

Portrait einer Frau: Prof. Katharina Walgenbach
Prof. Katharina Walgenbach leitet das Lehrgebiet Bildung und Differenz. (Foto: Die Hoffotografen, Berlin)

In den Bildungswissenschaften hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. „Seit der Jahrtausendwende haben Konzepte wie Heterogenität, Diversity oder Inklusion Konjunktur“, sagt Prof. Dr. Katharina Walgenbach. Die Wissenschaftlerin leitet jetzt das Lehrgebiet Bildung und Differenz im Institut für Bildungswissenschaft und Medienforschung an der FernUniversität in Hagen.

Bis zur Neubesetzung durch Katharina Walgenbach hieß das Lehrgebiet Internationalisierung von Bildungsprozessen und fokussierte stark auf Ethnizität, Nationalstaat und Schule. „Durch die neue Denomination wird das Lehrgebiet breiter aufgestellt. Es werden nun mehrere Differenzlinien einbezogen, die Erziehungs- und Bildungsprozesse beeinflussen“, kündigt Walgenbach an. Globalisierung, demographischer Wandel, Migrationsprozesse, neue Lebensformen – „Diese Entwicklungen haben Diskussionen über soziale Kategorien und deren Wechselbeziehungen ausgelöst. Mir geht es hier insbesondere darum, damit einhergehende Fragen von Bildung und sozialer Ungleichheiten aufzugreifen“, so die Professorin.

Forschungsschwerpunkt Intersektionalität

Für die Lehre hat sie sich viel vorgenommen: Studienbriefe wird sie nach und nach neu schreiben und Themen wie Sozialisation, Jugend, Migrations- und Antidiskriminierungspädagogik, sexuelle Vielfalt und Disability Studies aufnehmen. Dafür kann sie aus ihrem eigenen Forschungsschwerpunkt Intersektionalität schöpfen. „Unter Intersektionalität versteht man die Wechselbeziehungen von sozialen Ungleichheiten“, erläutert Walgenbach. „Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder soziales Milieu können nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden, sondern müssen in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ analysiert werden“. Zum Forschungs- und Praxisfeld Intersektionalität hat Walgenbach gemeinsam mit Friederike Reher auch ein großes Internetportal aufgebaut (www.portal-intersektionalitaet.de).

Wissenschaftliche Stationen

Schon im Studium – Diplom-Pädagogik in Kiel – hat sich Katharina Walgenbach wissenschaftlich für Bildung und soziale Ungleichheit interessiert. Nach ihrem Diplom schloss sie ein Master-Studium in Gender and International Development an der University of Warwick (GB) an. Als Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung befasste sie sich in ihrer historischen Dissertation mit der Interdependenz von Weißer Identität, Geschlecht und Klasse in den deutschen Kolonien.

Auf die Promotion folgten eine Vertretung an der Humboldt-Universität in Berlin und fünf Jahre als Postdoc in der Jugendpädagogik an der Justus-Liebig Universität Gießen. Im Jahr 2010 wurde sie auf eine Professur für Gender und Diversity an der Bergischen Universität Wuppertal berufen. Bevor sie an die FernUniversität Hagen kam, war Katharina Walgenbach zudem Gastprofessorin an der Universität Wien und an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Heute ist die Wissenschaftlerin eine gefragte Expertin, wenn es um Themen wie Diversität, Intersektionalität und Heterogenität geht. Für ihr Fach Bildungswissenschaft war sie von 2012 bis 2014 Vorsitzende der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) und ist bis heute in der Redaktion des Jahrbuchs Frauen- und Geschlechterforschung (Peer-Review-Organ). Außerdem ist sie Vertrauensdozentin der Hans-Böckler-Stiftung an der FernUniversität.

Neue Forschungsperspektiven

Zukünftig möchte Katharina Walgenbach das Thema Bildungsprivilegien als Forschungsschwerpunkt ausbauen. „Dabei geht es mir um einen Wechsel der Perspektive: nicht Bildungsbenachteiligung steht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, sondern Bildungsprivilegien“. Aktuell hat sie einen DFG-Antrag eingereicht mit dem Titel ‚Bildungsprivilegien- eine unsichtbare Ressource?‘ Ich beziehe mit dabei auf Studien von Pierre Bourdieu, so Walgenbach, der in den 1960er Jahren herausfand, dass bildungsprivilegierte Studierende ihren eigenen Bildungserfolg auf Talent oder Begabung zurückführten, aber nicht auf die Startvorteile ihrer sozialen Herkunft.

Des Weiteren möchte sie das Forschungsfeld Hochschule und Diversität stärker fokussieren. Dazu plant sie für den Sommer 2016 die Beantragung einer Nachwuchsforschergruppe bei der Hans-Böckler-Stiftung. „Die FernUniversität bietet sich für eine solche Forschungsperspektive besonders an und über das Thema lassen sich Netzwerke mit anderen Forscherinnen und Forschern knüpfen, die hier bereits intensiv zu Heterogenität in Bildungsinstitutionen arbeiten“, sagt Katharina Walgenbach.

Anja Wetter | 19.05.2016