Gerda Brunnlechner

Mit 50 Jahren Promotionsstipendium von der Gerda-Henkel-Stiftung

Es war der fast schon klassische Weg, den Gerda Brunnlechner an der FernUniversität in Hagen beschritten hat: neben dem Beruf zu studieren. 1997 schrieb sich die damalige Assistentin der Geschäftsleitung eines internationalen Konzerns in Hagen für Geschichte ein. „Die FernUni war die einzige und beste Möglichkeit für mich, mit einer Vollzeitstelle ein Studium beginnen zu können“, erinnert sie sich.

Mit dem Geschichtsstudium verwirklichte sich Brunnlechner, die bei der Immatrikulation 37 Jahre alt war, einen Lebenstraum. Reines Interesse motivierte sie, sich trotz ihrer mehr als 40-Stunden-Woche an den Wochenenden und im Urlaub über die Bücher zu beugen. Sie blieb hartnäckig dran, hielt zehn Jahre an der Doppelbelastung fest.

Gerda Brunnlechner vor der „Mappa mundi“ von Fra Mauro aus dem Jahre 1459, die sie während der Tagung „Venedig und die neue Oikoumene: Kartographie im 15. Jahrhundert“ des Deutschen Studienzentrums Venedig besuchen konnte.
Gerda Brunnlechner vor der „Mappa mundi“ von Fra Mauro aus dem Jahre 1459, die sie während der Tagung „Venedig und die neue Oikoumene: Kartographie im 15. Jahrhundert“ des Deutschen Studienzentrums Venedig besuchen konnte.

„Druck erzeugt eine gewisse Leistungsfähigkeit“, lacht sie. Ihr Mann und ihr Sohn trugen das Studium mit. „Mein Mann freut sich darüber, dass er von meinem Wissen profitieren kann. Er lernt gewissermaßen durch das mit, was ich ihm erzähle.“

Nach und nach verschoben sich ihre Prioritäten, der Arbeitsalltag verblasste. „Das Studium wurde immer wichtiger, die Arbeit immer unwichtiger.“ 2010 wagte sie einen großen Schritt – und kündigte ihre Stelle. „Ich bin sehr, sehr glücklich mit der Entscheidung“, sagt sie. Die Wissenschaft hatte sie gepackt. Als sie 2011 den Magister-Abschluss ablegte, stand bereits fest: „Ich möchte promovieren.“ Sie hatte Zutrauen zu sich selbst und arbeitete zunächst ein paar Stunden als Mentorin im Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas (Prof. Dr. Felicitas Schmieder).

Räumliche Vorstellungen im Mittelalter

Heute ist sie 50 und hat ein Stipendium der Gerda-Henkel-Stiftung. Dort bewarb sie sich als Doktorandin mit einem Forschungsansatz über die „Genuesische Weltkarte von 1457“, obwohl die Stiftung eine formelle Altersgrenze von 28 Jahren für eine Förderung vorsieht. Die Stiftung hatte Brunnlechner jedoch zu der Bewerbung ermuntert, nachdem sie im Rahmen eines Antrages auf Projektförderung durch das Lehrgebiet von Prof. Schmieder Kontakt hatten. „Über mein Alter gab es eine kurze Diskussion, dann wurde ich eingeladen, mein Dissertationsprojekt vorzustellen“, freut sich Brunnlechner noch immer.

Die Wissenschaftlerin hat sich die „Genuesische Weltkarte von 1457“ vorgenommen: Eine opulent bebilderte Darstellung der damaligen Welt, der Verfasser ist unbekannt. Die Karte ist in der ursprünglichen Darstellung mandelförmig umrahmt. Sie bildet Asien, Europa und Afrika ab. „Amerika war zu dem Zeitpunkt eben noch nicht entdeckt“, erinnert Brunnlechner. Sie untersucht die anhand der Karte, die Menschen, Tiere, Schiffe und viel erklärenden Text zeigt, welche räumlichen Vorstellungen im 15. Jahrhundert vorgeherrscht haben. „Die Karte ist natürlich nicht maßstabsgetreu“, beschreibt sie. Sie zeigt ein Weltbild, das immer noch von theologischen, philosophischen, soziologischen und kartographischen Perspektiven bestimmt ist, sich aber bereits um eine naturgetreuere Darstellung bemüht. „Allerdings sind auch unsere heutigen Karten nur vermeintlich objektiv“, urteilt die Doktorandin. „Sie entsprechen genauso nicht der Realität, sondern der Sichtweise.“

Förderung für Forschungsreisen

Für maximal zwei Jahre fördert die Henkel-Stiftung Gerda Brunnlechner: mit einer monatlichen Zahlung plus Reise- und Materialkosten. „Im Sommer war ich in Rom zu einer Sommerakademie, im September zu einem Projekt in Istanbul und ich plane einen Forschungsaufenthalt in Florenz“, ist Gerda Brunnlechner froh über die Unterstützung seitens der Stiftung.

In drei Jahren möchte sie fertig sein – ein ambitioniertes Ziel, wie sie selbst feststellt. Danach will Gerda Brunnlechner weiterforschen, „gern in entsprechender Stelle, gern über Projektförderung“. Hauptsache der Schwerpunkt liegt auf der Forschung.

Stand: Februar 2014