Carsten Dethlefs

BWL-Absolvent der FernUni, seit seinem 4. Lebensjahr blind

Portrait Carsten Dethlefs
Carsten Dethlefs

Als Carsten Dethlefs vier Jahre alt war, wurde bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert. Der Tumor war zwar gutartig, löste aber einen zeitweiligen Gehirnwasserüberdruck aus, der seinen Sehnerv zerstörte. Seitdem ist er blind. „Meinen Lebensweg habe ich bisher erfolgreich und zielstrebig gestaltet“, ist seine Antwort auf die Frage, ob und inwieweit ihn seine Behinderung bisher beeinträchtigt hat. Wohl wahr: Nach dem Abitur und seinem Fachhochschulabschluss als Diplom-Kaufmann 2004 begann er ein Jahr später sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der FernUniversität in Hagen. „Ich wollte ein raum- und zeitunabhängiges Studium und da fiel mir als erstes die FernUni ein.“ Nach dem Uni-Diplom im vergangenen August geht seine akademische Karriere voraussichtlich im Oktober als Doktorand an der Uni Kiel weiter.

Passgenaue Unterstützung an der FernUni

„Ob jemand eine Behinderung hat oder nicht, es sollten immer die individuellen persönlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Menschen im Vordergrund stehen“, fordert Dethlefs. Eben genauso wie während seines Studiums an der FernUniversität. „Ich bin sehr zufrieden mit der Lehre und Betreuung und habe von den Professoren und Mitarbeitenden der FernUni immer die für mich passgenaue Beratung und Unterstützung bekommen“, resümiert der 29-jährige.

Der Diplom-Kaufmann hat sich frühzeitig an den Leiter des Prüfungsamts der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Dr. Heinz Hoffmann, gewendet und mit ihm mögliche Schwierigkeiten, die sich im Studium ergeben könnten, und Lösungsoptionen besprochen. So war es zum Beispiel kein Problem, dass er anstelle von Klausuren mündliche Prüfungen ablegte. Die Lehrtexte, die er ebenso wie alle anderen Fernstudierenden regelmäßig als Skripte per Post erhielt, hat er eingescannt und über eine Braillezeile an seinem Computer gelesen. Diese Braillezeile ist eine Hardware, die Buchstaben und Zeichen vom Bildschirm in die Blindenpunktschrift mittels höhenveränderbarer Stifte auf einem Display darstellt, so dass sie mit den Fingerkuppen ertastet werden können. Hausarbeiten und seine Diplomarbeit hat Carsten Dethlefs auf dem PC geschrieben und über die Braillezeile Korrektur gelesen.


Diplomarbeit: Manipulative Prozesse aufzeigen

In seiner Diplomarbeit, betreut von Prof. Dr. Alfred Endres, Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Wirtschaftstheorie, hat er die Frage aufgeworfen, welche Rolle bestimmte Interessengruppen in Deutschland und den USA hinsichtlich der Anregung und Umsetzung von Reformen spielen. „In den USA ist die Politik noch viel stärker von Interessengruppen beeinflusst als in Deutschland. Aber auch hier mangelt es an Aufklärungsarbeit. Die Menschen sollten wissen, welche Interessen die einzelnen politischen und gesellschaftlichen Gruppen mit dem Anstoßen von Reformen tatsächlich verfolgen. Die wirklichen Ziele bleiben oft verborgen.“

Nicht von ungefähr hat sich Dethlefs mit dieser Thematik auseinandergesetzt, denn hier geht es darum, manipulative Prozesse aufzuzeigen und zu analysieren. Er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Interessengruppen und Verbände jeglicher Art ihre „schwächsten“ Mitglieder vorschicken, um so Gruppenvorteile zu erringen. Das, so Dethlefs, sei in vielen Blindenverbänden auch der Fall. So entstehe in der Öffentlichkeit das Bild, dass alle Blinden „schwach“ sind. Und das wiederum verhindere das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der „starken“ Mitglieder.

Schubladen reduzieren Komplexität der Welt

Seine Einstellung zu behindertenspezifischen Fragen nennt Carsten Dethlefs „vielleicht etwas alternativ“. Kategorisierungen lehnt der 29-Jährige ab. So wie er Menschen als Individuen und nicht als Gruppen sieht, möchte er selbst auch nicht als „einer von vielen Blinden“ wahrgenommen werden. „Es liegt in unserer Natur, Menschen gedanklich in bestimmte Schubladen zu stecken – meistens nicht aus Böswilligkeit oder Ablehnung, sondern um unseren Geist in einer hochkomplexen Welt zu entlasten. Damit machen wir sie einfacher als sie eigentlich ist. Blinde passen genauso wenig wie alle anderen Menschen in eine Schublade“, unterstreicht er.

Zwei Behauptungen, die sich seiner Meinung nach in der Gesellschaft über blinde Menschen manifestiert haben, ärgern ihn besonders. „Viele Menschen denken, dass Blinde überwiegend mit anderen Blinden zusammen sind und nur wenige Menschen kennen, die nicht in ihrem Sehen beeinträchtigt sind.“ Das sei genauso falsch wie die Annahme, dass Blinde nur blindenspezifische Tätigkeiten ausüben könnten. Die moderne Kommunikations- und Informationstechnologie ermögliche es ihnen, qualitativ dieselben Arbeiten auszuführen wie visuell nicht eingeschränkte Menschen.


Internetportal verbindet regionale Stärken

Stärken zusammenführen – darum geht es in dem Projekt, das Carsten Dethlefs mit technischer Unterstützung eines Freundes während des Studiums an der FernUni auf die Beine gestellt hat. Wissenspool-Westküste heißt seine Internetplattform, auf der er regionales Wissen, Dienstleistungen und Gewerbe in seiner Heimatregion – den Kreisen Nordfriesland, Dithmarschen und Schleswig-Flensburg – präsentiert und verbindet. Ein Projekt mit Zukunftscharakter. Ob er sich damit nach seiner Promotion hauptberuflich beschäftigen wird, weiß er noch nicht. Übrigens: Er kann zwar mit den Augen nicht sehen, der sympathische junge Mann lebt aber dennoch nicht in einer „dunklen“ Welt. „Ich habe genauso wie nicht-sehbehinderte Menschen auch Vorstellungen zum Beispiel von Dingen und Farben in meinem Kopf. Auch von solchen, die ich bis zu meiner Erblindung vor 25 Jahren definitiv noch nicht gesehen habe. Nicht sehbehinderte Freunde und Bekannte bestätigen mir oft, dass die Abbilder in meinen Kopf identisch mit dem sind, was sie sehen.“

Stand: September 2009