Hans Peter Michel

Landammann in Davos und Absolvent der FernUniversität

Im „Schwarzen Block“ der Gegner des Davoser Weltwirtschaftsgipfels mitmarschieren, zwischen ihnen und der Polizei vermitteln, mit Spitzen von Wirtschaft und Politik aus aller Welt sprechen: Hans Peter Michel, Landammann im schweizerischen Davos, ist ein Grenzgänger. Nicht nur in seinem politischen Amt, sondern auch bei seinen beruflichen Stationen: Meisterlandwirt, Bio-Bergbauer und Taxifahrer, Infanterieoberst, Kommunalpolitiker und Mitglied im Bündner Großrat. Und einen Magister-Abschluss hat durch sein Fernstudium der Sozialen Verhaltenswissenschaft an der FernUniversität in Hagen auch noch erreicht.

Portrait von Hans Peter Michel
Hans Peter Michel (Foto: Südostschweiz)

Heute hilft ihm das Wissen aus seinem Studium bei seiner Tätigkeit als Landammann dabei „mit der Situation umzugehen“ – und die ändert sich ständig: Immer dann, wenn etwas nicht funktioniert, wird er gerufen. Nicht nur bei den Vorbereitungen für das Weltwirtschaftsforums in Davos. Ständig kann er also sein Wissen aus dem Studium praktisch anwenden und „wissenschaftlich fundiert analysieren, was abläuft“.

Ende 2012 wird der 58jährige fünffache Vater wieder etwas Neues machen, denn dann kann er nicht noch einmal in seinem Amt bestätigt werden, das man auch als Gemeindepräsident oder Bürgermeister bezeichnen könnte. Seit dem 1. Januar 2005 hat er es inne. Weil er an die FernUniversität „die allerbesten Erinnerungen“ hat liegt es für ihn nun nahe, in Hagen noch zu „doktorieren“, wie man in der Schweiz sagt. Besonders gern erinnert er sich daran, dass „ich hier viel gelernt habe und dass die FernUni bei Terminproblemen immer sehr tolerant war“.

Bekannt geworden ist der Landammann sogar außerhalb der Eidgenossenschaft: Hans Peter Michel sorgte dafür, dass auch die Gegner des Weltwirtschaftsforums – auch als Weltwirtschaftsgipfel bekannt – innerhalb der Gemeindegrenzen für ihre Überzeugung demonstrieren dürfen. Er vermittelte zwischen ihnen und der Polizei und legte selbst Hand an beim Bau ihres Iglu-Dorfes. Das heißt nicht, dass er ihre Überzeugungen teilt. Genauso wenig übrigens, dass er sie nicht teilt. Sondern nur, dass Michel als überzeugter Freisinniger Verständnis dafür hat, dass sie diese Meinung haben. Genauso, wie er versteht, dass Politiker und Wirtschaftsgrößen eben anders denken. Alle sollen ihre Meinung zum Ausdruck bringen können, jedenfalls so lange sie dies ruhig und friedlich tun.

So ist es dem Mitglied der FDP – der größten schweizerischen Partei – wichtig zu verstehen, was andere umtreibt. Und daher ist er auch schon an einem 1. Mai im „Schwarzen Block“ der Weltwirtschaftsgegner mitmarschiert. Nicht um sich anzubiedern, sondern um ihre Beweggründe zu erkennen. Und das hat er auch ganz klar gezeigt: Hans Peter marschierte im Anzug und mit Krawatte.

Wenn man Landammann von Europas höchst gelegener Gemeinde ist – die trotz nur 11.000 Einwohnern eine der flächenmäßig größten der Schweiz ist – hat man vielleicht einen solch breiten Blickwinkel…

Seine Erfahrung ist, dass seine Ehrlichkeit von anderen geschätzt wird. Er ist einfach er selbst, geht offen auf andere zu: „Ich habe die Leute gerne und mich immer für sie eingesetzt – und eine positive Einstellung öffnet Türen!“ Das ist für ihn eine Gabe, kein Verdienst.

Seine vielfältigen Kontakte bestätigen ihm, dass auch Gruppen mit unterschiedlichen Auffassungen sich durchaus ähnlich sind. Dagegen sind die Unterschiede innerhalb einer Gruppe viel größer als gemeinhin angenommen. Diese theoretische Erkenntnis aus seiner Magisterarbeit wird von der Wirklichkeit praktisch untermauert: „In Gruppen ist die Qualität der Leute im Durchschnitt gleich.“ Oder, wie Michel es auf den Punkt bringt: „In jeder Gruppe gibt’s ganz Tolle und Kotzbrocken.“ Jeder sollte sich einmal darüber Gedanken machen, wie das, was man „so treibt“, auf andere wirkt. Der Titel seiner Magisterarbeit aus dem Jahre 2003 lautete übrigens „Chaoten sind auch nur Menschen.“

Studiert hat der Bio-Bergbauer mit Meisterbrief vorwiegend im Winter, denn dann ließ ihm die Versorgung des Viehs Zeit zum Lernen, während er im Sommer auch noch „heuen“ musste (heute hat die Familie den Hof verpachtet). Zuvor hatte er im Winter als Taxi-Fahrer in Zürich ein Zubrot verdient.

Logisch wäre es also eigentlich gewesen, wenn Michel „etwas Naheliegendes“ studiert hätte, Agrarwirtschaft zum Beispiel: „Aber ich wollte etwas ganz anderes machen und mir eine neue Welt eröffnen. Auf dieser Welt lebt man nur einmal, da muss man seine Zeit nutzen!“

Stand: März 2013

Der friedliche Eindruck täuscht nicht: Nachdem die Demonstranten in Davos "vom rechten Weg abgekommen waren", berichtet Hans Peter Michel, "sind sie mir brav hintennach gegangen". Er bekam von ihnen sogar die Warnweste geschenkt.