Ingrid Plieske

Mit Goethe durch Italien reisen

Das Interview hat sie beim morgendlichen Walken reflektiert. Jedes Wort strotzt vor Energie, die Sätze sprudeln ihr heraus. Ingrid Plieske ist mit 72 Jahren kraftvoll. „Es ist unwahrscheinlich wichtig, sich eine Spannung im Leben zu erhalten, sich positiven Stress zu verschaffen.“ Für einen gesunden Adrenalinpegel der Goslarerin sorgt die FernUniversität in Hagen.

Portraitfotods: Ein Lernteam: Als Ingrid Plieske die die Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts studierte, entwickelte sich ihr Mann zum leidenschaftlichen Koch.
Ein Lernteam: Als Ingrid Plieske die Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts studierte, entwickelte sich ihr Mann zum leidenschaftlichen Koch.

Ingrid Plieske studiert seit 2009 Kulturwissenschaften mit Fachschwerpunkt Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. Wo ihre Prioritäten liegen, ist eindeutig: „bei der Literatur“. Geschichte und Philosophie hat sie pflichtgemäß absolviert. Lieber schwärmt sie von Goethes Italienreise und dem Thema der letzten Hausarbeit, in der sie die weibliche Kriminalität in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts analysierte. „Die Frauen damals griffen gern zum Gift.“ Ihr Mann habe sich in der Zeit zum leidenschaftlichen Koch entwickelt...Zufall oder Zusammenhang? Ingrid Plieske lacht herzhaft.

Kampf im digitalen Dschungel

2009 schrieb sie als Akademiestudentin sich ein. Ohne Abitur und ohne PC-Kenntnisse. Während die fehlende Hochschulreife überhaupt kein Problem war, betrachtete sie den gezwungenermaßen angeschafften Rechner „als Feind im Wohnzimmer“. Doch – wie sonst in ihrem Leben auch – siegten Disziplin und Ausdauer. Ingrid Plieske kämpfte sich durch den digitalen Dschungel. „Seitdem ist die Welt für mich größer geworden. Wunderbar.“ Selbstverständlich wickelt sie ihre Kommunikation per E-Mail ab, greift online auf Lernmaterial zu. Wenn sie doch mal feststeckt, holt sie sich Unterstützung. „Da darf man keine Scheu haben.“

Die Begeisterung fürs Lernen ist ihr in die Wiege gelegt. „Als jüngstes von sieben Geschwistern habe ich mir alles bei den Größeren abgeschaut. Eine Großfamilie ist förderlich und meine Mutter hat mich immer unterstützt.“ Dennoch – sie brauchte ein Stück des Weges. Nach dem Realschulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Apothekenhelferin, später zur staatlich geprüften Sekretärin und dann zur Versicherungsfachfrau. Als ihr drittes Kind Abitur machte, ging sie zur Abendschule, um ihre Hochschulreife nachzuholen. Nach vier Jahren konnte sie physisch nicht mehr. „Mit 59 haben sie mich in Rente geschickt, da stand ich plötzlich unbeschäftigt da“, erzählt sie. Sie stürzte sich ins Zeichnen, lernte und stellte aus. Mit ihrem zweiten Mann besuchte sie die Seniorenuni in Göttingen.

FernUniversität als Reisebegleiterin

„Das reichte nicht. Ohne den Druck zu lernen, blieb nichts hängen.“ Ihr Mann, selbst Akademiker, riet ihr zum Studium. Allerdings wollten sie auch reisen, ihre Freiheit und Flexibilität wahren. Da kam die FernUniversität wie gerufen. Unterwegs lernt sie frühmorgens, zu Hause sitzt sie regelmäßig am Schreibtisch. Nach sechs erfolgreichen Semestern wird sie inzwischen als ordentliche Studentin in Hagen geführt.

Ingrid Plieske braucht es, gefordert zu werden: „Ich habe in meinem Leben oft gegen Widerstände angekämpft. Daraus haben sich dann neue Zielsetzungen ergeben – und eine gewisse Zähigkeit. Ich möchte meine Grenze sehen.“ Dazu passt auch, dass sie ihren ersten Triathlon mit 60 bestritten hat. „So kann es weitergehen, bis ich 100 werde.“ Bis dahin schafft sie bestimmt ihren „Dr.“… „Vorstellen kann ich es mir schon“, verkündet sie munter. Doch zunächst ist bald der Bachelor dran, dann soll der Master folgen. Mit ihrem Notendurchschnitt von aktuell 2,55 hat sie gute Aussichten.

Zudem weiß sie, wofür sie ihr Studium einsetzen möchte: um Buchrezensionen und Essays zu schreiben. Literatur ist eben ihr Lebenselixier.

Stand: Mai 2014