Annemarie Stark

Boxen, Bundeswehr und Psychologie

Foto: Hans Korth
Bereitet sich derzeit auf die Weltmeisterschaft vor: Die mehrfache deutsche Meisterin im Fliegengewicht will in Indien eine Medaille holen.

Bundeswehr-Offizierin, Profi-Boxerin und Psychologie-Studentin: Bei Annemarie Stark ist der Name Programm. Die 35-Jährige steht täglich mehrere Stunden im Boxring. Ihr Traum: Ende des Jahres eine Medaille bei der Weltmeisterschaft in Indien erkämpfen. Einblicke in ihr Fernstudium und Training zu Hause in Reinfeld bei Lübeck.

Gerade ist das Boxtraining mit Flüchtlingen zu Ende. Zweimal pro Woche trainiert Annemarie Stark im Rahmen eines Minijobs bei den Johannitern mit geflüchteten Männern aus den Krisengebieten der Welt. „Bei den ersten beiden Einheiten war ich für viele das kleine Mädchen“, sagt die gerade mal 1,60 Meter große und nur knapp 50 Kilo schwere Boxerin und lacht. „Dann habe ich losgelegt und das Eis war schnell gebrochen.“

Zu Hause in der Männerwelt

Annemarie Stark kommt bestens in der Männerwelt zurecht. Kampf- und Ausdauersport sowie das Führen von Gruppen waren schon bei der Bundeswehr ihr Ding. Als Marine-Offizierin fuhr sie zur See. Als Ausbilderin schulte sie in Lehrgängen bis zu 150 Soldaten und Soldatinnen. Nach zwölf Jahren Offiziers-Laufbahn nutzte sie den Berufsvorbereitungsdienst der Bundeswehr und schrieb sich an der FernUniversität in Hagen für Psychologie ein. Inzwischen ist sie zweieinhalb Jahre dabei und hat den Bachelor-Abschluss vor Augen. „Ich habe es nie bereut“, zieht sie Bilanz. „Für mich ist das Fernstudium perfekt. Ich kann weiter boxen und mir einteilen, wann, wo und wie ich lerne.“

Geplant war ihre Box-Karriere nicht. Die Sportskanone landete erst mit Anfang 20 durch einen Zufall im Ring. Nach dem Abi begleitete sie einen Kumpel zum Probetraining, machte aus Spaß mit und wurde entdeckt. Es folgten Titel um Titel für das Ausnahme-Talent, der Durchmarsch ins Nationalteam und Bronze bei der Europameisterschaft 2015.

Foto: privat
Zwischen den Trainingseinheiten lernt Annemarie Stark mehrere Stunden täglich für ihr Psychologie-Studium, egal ob im Trainingslager, in der Boxhalle oder wie hier zu Hause in Reinfeld bei Lübeck.

Training für die Weltmeisterschaft

Morgens zwei Stunden Ausdauertraining, fünf Stunden lernen für die FernUni, dann wieder zwei Stunden Techniktraining. So sieht ein normaler Tag im Leben von Annemarie Stark aus. Die fünffache deutsche Meisterin im Fliegengewicht (45 bis 48 Kilogramm) bereitet sich momentan auf die Weltmeisterschaft in Indien im November vor. Nach einem sportlich wenig erfolgreichen Jahr 2017 will sie es jetzt wissen. „Manchmal sind Niederlagen nicht verkehrt, um wieder in die Spur zu finden. Ich will bei der WM aufs Treppchen“, kündigt sie an.

Spätestens mit 40 ist Schluss mit dem Boxen. So schreiben es die Regularien vor. Die 35-Jährige will weiter machen, solange es Spaß macht und sie international erfolgreich ist. Für die Zeit danach ist Annemarie Stark gut vorbereitet. In ihrer Bundeswehrzeit hat sie ein BWL-Studium an der Bundeswehr-Uni in Hamburg abgeschlossen. Jetzt baut sie sich mit dem Psychologie-Studium ein weiteres Standbein auf. Gruppendynamik, Fehleranalyse, mentale Stärke im Sport und im normalen Leben: Das sind die Inhalte, die sie begeistern. An der Schnittstelle von Sport und Psychologie will sie auch ihre Bachelor-Arbeit ansiedeln.

Pläne für die Zeit nach der Sportkarriere

Beschönigen will Annemarie Stark ihre Mehrfachbelastung nicht. „Momentan habe ich keine Freizeit“, erzählt sie. „Aber Sport und Studium machen mir unheimlich Spaß. Daher ist es zu schaffen.“ Es bleiben gerade noch wenige Stunden für ihren Freund und ihre Familie. Und für ihren Minijob bei den Johannitern. Das Engagement in der Flüchtlingshilfe bestärkt sie in ihren Plänen: Nach der Boxkarriere will Annemarie Stark weiter mit Gruppen im sportlichen und sozialen Bereich arbeiten. Vielleicht sogar als Trainerin im Verband. „Eine weibliche Bundestrainerin hat es im Boxen noch nicht gegeben“, sagt Annemarie Stark. An dieser Vorstellung würde sie Gefallen finden.

Carolin Annemüller | 23.01.2018