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Nietzsches Wetterfühligkeit

09. März 2016

Vortragsreihe: Wissenschaftsgespräche

Zeitraum
09.03.2016 16:00 Uhr
(bis ca. 18 Uhr)

Ort
Seminargebäude der FernUniversität, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, R. 1 bis 3

Referent
Patrick Ramponi MA
Lehrgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie

Paul Cohn schreibt 1931 über die Umstände, die zu „Nietzsches Untergang“ geführt haben: „Nietzsche ist das klassische Beispiel eines Meteoropathen, und seine Briefe sind das erste ausführliche Tagebuch eines solchen in der Literatur.“ Was hier als medizinische Diagnose namhaft gemacht wird – die krankhafte Wetterfühligkeit – ist zunächst ein weiteres Puzzlestück in einer ausufernden Debatte über die posthume Feststellung eines diffusen Krankheitsbildes bei Nietzsche. Als solches ist es allenfalls interessant für Medizinhistoriker. Im Rahmen einer literarischen Wissensgeschichte des Wetters interessiert dagegen weniger Nietzsches Krankenakte an sich, sondern vielmehr die Kulturgeschichte dieser Krankheit und die Diskurse, die die pathognostischen Selbstbeobachtungen Nietzsches an Werk, Körper und Umwelt grundieren. Besonders das ausgeprägte Wetterleiden beim späten Nietzsche lässt sich als Syndrom begreifen, das die Wetterrhetorik und -bildlichkeit seiner letzten Texte an die affektive Dimension eines immer schon klimatisch gestimmten Leibes rückbindet. Dass die Regulierung von Körper und Witterung dabei empfindlich aus den Fugen gerät, mithin atmosphärische, psychische und kognitive Schwankungen korrelieren, verweist zum einen auf ein physiologisches Geschehen jenseits der Kontrolle eines Subjekts, aber auch auf eine meteorologische Ästhetik, die durch das Regime der Krankheit und der Witterungsbedingungen moduliert wird.

Der Vortrag will am Beispiel von Nietzsches krankhafter Wetterfühligkeit zeigen, dass man Meteoropathologie als ein regelrechtes kulturelles Symptomleiden des Fin-de-Siècle historisieren kann. Über Nietzsche hinaus bildet das extreme Wetter-Fühlen nämlich auch bei Autoren wie Th. Mann, R. M. Rilke oder Hugo von Hofmannsthal den Ausgangspunkt für Wetter-Poetiken, die das komplizierte Verhältnis von Klimawissen, Körper und literarischer Produktion reflektieren. Leiblich erfahrene Wetterfühligkeit ist in diesem Sinne Teil einer Epochenkrankheit und verweist auch auf eine näher zu bestimmende Klimakrise im ‚Gewebe der Kultur‘.

Gerd Dapprich | 06.12.2017