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Neue Wege zu einer Soziologie der Praxis

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Hillebrandt über „Poststrukturalistischen Materialismus“

Termin: 20.06.2013

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Neue Wege zu einer Soziologie der Praxis

Antrittsvorlesung von Frank Hillebrandt über „Poststrukturalistischen Materialismus“

„Rock & Pop“ spielten bei der Antrittsvorlesung über „Poststrukturalistischen Materialismus“, in der Frank Hillebrandt „Neue Wege zu einer Soziologie der Praxis“ aufzeigte, eine der zentralen Rollen. Das Lehrgebiet Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie der FernUniversität in Hagen beschäftigt sich u.a. innerhalb des Forschungsschwerpunktes „kultur- und praxissoziologische Theoriebildung“ mit der soziologischen Praxistheorie, die sich – von Pierre Bourdieu maßgeblich vorgedacht – mit der Frage befasst: „Wie kann das, was praktisch geschieht, mit den Mitteln der Soziologie angemessen erfasst werden?“

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sich gegenwärtige und vergangene Geschehnisse, die zu nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen führen und derer man sich erinnert, situativ – auf genau diese Situation bezogen – sein müssen. Diese Geschehnisse werden immer materiell von Körpern und Dingen symbolisiert und geben spezifische Identität. Daraus ergibt sich die zentrale Forschungsfrage, wie aktuelle und historische Ereignisse (auch) im Rückblick gedeutet werden können.

Poststrukturalismus und Materialismus: Die Praxis (be-)greifbar machen

Der Poststrukturalismus setzt sich kritisch mit dem Verhältnis von sprachlicher Praxis und sozialer Wirklichkeit auseinander: Sprache gibt demnach nicht nur einfach die Realität wieder, sondern beeinflusst (formiert) sie auch. Verbunden ist damit ein Wechsel weg von einer objektiven Sichtweise hin zur Betonung verschiedener Möglichkeiten für gesellschaftliche Entwicklungen.

Frank Hillebrandt geht es einerseits darum, „Praxis als veränderlichen materialen Gegenstand der Soziologie zu bestimmen“, andererseits will er „den Poststrukturalismus von seiner Fixierung auf den immateriellen Diskurs und die immaterielle Kultur befreien“. Denn eine Fixierung auf immaterielle Phänomene lasse die Soziologie zu einer Textwissenschaft verkommen, die das Reden über die Praxis mit der Praxis selbst verwechselt: „Um zu verstehen, was sich praktisch ereignet, benötigt die Soziologie einen neuen Materialismus, der die Praxis (be-)greifbar macht.“

Denn ein Geschehen sei weder durch Kausalität oder Naturgesetze (deterministisch) noch durch Strukturen (strukturalistisch) bestimmt, sondern poststrukturalistisch: „Kultur und Materialität können nicht sinnvoll getrennt werden, weil jede Kultur sich materialisieren muss, um wirksam zu werden. Ebenso kann jede Materialität nur kulturell verstanden werden, weil sie sich in kulturellen Praktiken realisieren muss.“ Für eine „Soziologie der Praxis“ sind Praktiken Ereignisse, die immer mit menschlichen Körpern und dinglichen Gegenständen verbunden sind.

Die soziologischen Praxistheorien eigneten sich wegen ihrer Theorieanlage besonders für die Untersuchung von Wandlungsprozessen. Sie untersuchen das komplexe Wechselverhältnis zwischen Praktiken und ihren materialen Voraussetzungen, so Hillebrandt, um die Entstehung von Materialität – von Dingen und Körpern – in den Blick nehmen zu können. Diese Praxistheorie, verstanden als poststrukturalistischer Materialismus, zwinge folglich dazu, ein neues Verständnis der Körper und der Dinge der Praxis zu entwickeln und damit den Begriff der Praxisformation neu zu definieren. Praktiken sind, so Frank Hillebrandt, immer Folgen anderer Praktiken. Weisen diese Verkettungen eine gewisse Regelmäßigkeit auf, kann von Praxisformen oder -formationen gesprochen werden.

Die Kultursoziologie müsse sich nun als poststrukturalistischer Materialismus ebenso den Körpern und Dingen der Praxisformationen zuwenden wie den diskursiven und symbolischen Formen, die sich mit diesen verbinden. Hillebrandt: „Eine derartige Kultursoziologie impliziert eine ganz spezifische Erkenntnisstrategie, die nicht nur klären kann, was an der Praxisformation beteiligt ist, sondern auch, wie das Zusammenwirken der einzelnen Elemente zu verstehen ist.“

Das Manuskript der Antrittsvorlesung von Prof. Frank Hillebrandt finden Sie hier, einen Bericht über einen Schwerpunkt seiner Forschung unter diesem Link.

Hochinteressant fand das Publikum die Ausführungen des neuen Kollegen.
videostreaming | 20.10.2015
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