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„Forschung ist die Kunst, den nächsten Schritt zu tun”
Kurt Lewin-Symposium Weimar 1990


Signatur: 76729
Herausgeber: FernUni, ZMI
Fakultät: Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Fach: Psychologie
Länge: 20 min
Jahr: 1990


Kurzinformation

Im Rahmen einer internationalen Tagung zur Geschichte der Psychologie und Sozialwissenschaften, die 1990 in Weimar stattfand, gab es mehere Referate über Leben, Werk und Wirkung des deutsch-amerikanischen Psychologen Kurt Lewin, der vor 100 Jahren geboren wurde. Für diese Videoproduktion trugen einige Referenten ihre wichtigsten Forschungsergebnisse vor. In diesen Beiträgen geht es um Kurt Lewin als amerikanischen Wissenschaftler deutsch-jüdischer Herkunft, um sein Wissenschaftsverständnis, um seine Schülerinnen und Schüler, die Wirkungsgeschichte seiner Arbeiten usw. Die Beiträge vermitteln eine immer noch aktuelle und recht umfassende Darstellung der wissenschaftlichen Arbeiten Lewins.

Begleitinformationen

Vom 4. - 8. September 1990 fand in Weimar die 9. Jahreskonferenz der CHEIRON (European Society for the History of Behavioral and Social Sciences) statt. Die Tagung wurde von Dozent Dr. Georg Eckardt, Institut für Psychologie der Friedrich Schiller Universität Jena, organisiert. Ein besonderer Schwerpunkt dieser Tagung war die Beschäftigung mit Leben, Werk und Wirkung des Psychologen Kurt Lewin (1890-1947), dessen 100. Geburtstag am 9. September 1990 war.

Unser Ziel bei den Filmaufnahmen war nicht die umfassende Würdigung oder gar die Darlegung der von Lewin begründeten Feldtheorie, sondern eine Wertung seiner Arbeiten aus heutiger Sicht. Wir baten daher einige Tagungsreferenten, den Kern der Ergebnisse ihrer Beschäftigung mit Lewin frei (und im Freien!) vorzutragen. So entstand dieser Beitrag. Das vorliegende Begleitheft gibt die Äußerungen der Referenten (z.T. etwas umfassender als im Video) wieder.
Ich danke Herrn Doz. Dr. Georg Eckardt, Herrn Dip!.-Psych. Matthias John, Jena, und den Referenten.
Prof. Dr. Helmut E. Lück
Hagen, Oktober 1990

Dr. Horst-Peter Brauns, Freie Universität Berlin

In meinem Beitrag „Der junge Lewin als Experimentator” sollte einmal zu den Anfängen des Experimentierens zurückgegangen werden und zwar dahin, wo der junge Lewin einmal als Student, an der Friedrich-Wilhelms-Universität, angefangen hat. Er hat offenbar im Anschluss an ein Seminar Rupps vom Wintersemester 19101ll, das über aktuelle Forschungsergebnisse ging, zu Ostern 1912 mit assoziationspsychologischen Experimenten begonnen. Es ging dabei im wesentlichen darum zu prüfen, ob und inwieweit einer durch Assoziationsreihen aufgebauten Assoziationsstärke durch Willenshandlung entgegengearbeitet werden kann. Hierzu hat Lewin eine ganze Serie von Experimenten durchgeführt. Seine Ergebnisse widersprachen zunächst den Erwartungen, die man aufgrund des Assoziationsgesetzes haben musste. Es stellten sich nämlich keine hemmenden Kräfte der in langen Übungsreihen gestifteten Assoziationen gegen willentliche Vornahmen ein. Daraufhin hat Lewin eine Versuchsanordnung konzipiert. mit der es ihm gelungen ist, Fehlreaktionen,die nach dem Assoziationsgesetz zu erwarten sind, tatsächlich zu erzeugen. Für ihn ist nun entscheidend, dass nicht irgendwelche Assoziationen eine motivationale oder sonstige Kraftentwickeln, sondern dass die Ergebnisse durch die Ausführungstätigkeit der Versuchsperson zu erklären sind, durch den Weg, den die Versuchspersonen bei der Lösung einer Instruktionsaufgabe wählen. Damit stellt sich Lewin eigentlich gegen einen Tätigkeitsbegriff, den man auch vom Alltag aus kennt, nämlich den, dass Tätigkeiten durch Ziele oder Intentionen in Gang gesetzt werden und diese Merkmale Tätigkeiten charakterisieren. Kurz: Lewin kann nachweisen, dass es auf die Art und Weise der Ausführungstätigkeit der Versuchsperson ankommt. Im speziellen kann er nachweisen, dass das Assoziationsgesetz vor allen Dingen dann gilt, wenn die Versuchsperson eine reproduktive Ausführungstätigkeit wählt. Vielleicht sollte man noch anfügen, dass Lewin eine ganze Serie von Untersuchungen durchführt, die aufeinander aufbauen und zwar derart, dass das Ergebnis einer vorangehenden Versuchsreihe Hypothesenhintergrund bildet für die nächstfolgende Versuchsreihe. In dieser Weise hat er ca. 5 Experimentalserien durchgeführt, die schließlich darin einmünden, den Begriff der Tätigkeitsbereitschaft als allgemeinsten explikativen Begriff einzuführen.

Dr. Uwe Linke, Humboldt-Universität Berlin

Wenn man den Namen Kurt Lewin hört, dann bilden sich automatisch solche Assoziationen wie „Gruppendynamik”, „Feldtheorie” oder „Verhältnisfunktion von Person und Umwelt”. Mich hat interessiert, wie dieser Lewin – dieser Gruppendynamiker Lewin, der Feldtheoretiker Lewin – eigentlich zu solchen Aussagen gekommen ist. Und was hat er eigentlich, bevor er sich mit Feldtheorie befasst hat, gemacht? Wie ist sein Weg gewesen dorthin? Und da wiederum hat mich besonders seine Methodik interessiert, also wie ist er als Wissenschaftler herangegangen, um zu solchen fundamentalen Aussagen zu kommen? Ich meine, dass sich die Begründung dafür schon in seiner berliner Zeit findet.

Er hat seine Dissertation beispielsweise geschrieben über das Grundgesetz der Assoziation. Er hat Versuchsbedingungen gestaltet, die aus heutiger Sicht völlig unnatürlich sind. Er hat seine Versuchspersonen sinnlose Silben lernen lassen und sie reproduzieren lassen und hat daraus seine Schlussfolgerungen gezogen. Konnte er aber trotzdem aus solchen, sagen wir unnatürlichen, Experimenten, zu Schlussfolgerungen kommen, die ihn dann in seinem weiteren Weg eben zu solchen feldtheoretischen Annahmen geführt haben?

Eine andere Sache war, dass er beispielsweise eine Schriftenreihe betreute, die „Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie”. Er hat also viele Doktoranten betreut und hier zeichnen sich seine Versuchsanordnungen durch eine gegenüber dem Früheren ständig zunehmende Biotik aus. Er hat beispielsweise mit als erster erkannt, dass das Verhältnis zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson immer auch ein soziales Verhältnis ist; und das darum das Verhältnis zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson mitunter entscheidend sein kann für die Ergebnisse solcher Experimente.

Eine andere Sache war, dass er aufgrund theoretischer und methodologischer Überlegungen dahin gekommen ist zu sagen, dass es sich allemal um Geschehen handelt, das es zu untersuchen gilt. Es sind also Prozesse die er untersucht und aufgrund dieser Prozesse will er zu Geschehenstypen kommen, die er dann Gesetze nennt. Ich denke, dass Lewin hier auch einen besonderen Beitrag geleistet hat, eben auch für die Entwicklung der Methodologie und Methodik in der Psychologie. Und ich denke, dass sich mancher Forscher heute noch einmal ein Beispiel daran nehmen könnte, dass es nicht unbedingt die am besten separierten Bedingungen sind, die man herausfinden oder analysieren muss, sondern dass es ein komplexes Geschehen ist, was man untersucht. Wenn ich mich mit der Methodik und Methodologie von Lewin beschäftige, dann tue ich das nicht zum Selbstzweck, sondern auch um sozusagen „Sachen auszugraben”, die vielleicht auch für unsere heutige Methodik und Methodologie hilfreich sind. Bezeichnend für seine Versuche ist, dass er immer die Komplexität im Auge hat, und nicht wie es heute teilweise in - z.B. denkpsychologischen Untersuchungen gemacht wird - einige ganz kleine Details herauslöst und diese untersucht. Insofern ist es richtig, und auch wichtig zu sagen, dass Forschung, wie Lewin selbst sagt, einfach die Kunst ist, den nächsten Schritt zu tun.

Prof. Dr. Kurt Danziger, York University, Toronto

Da ich ja in Nordamerika arbeite, interessiere ich mich besonders für das Verhältnis zwischen der nordamerikanischen experimentellen Sozialpsychologie und der experimentellen Praxis von Kurt Lewin. Es ist ja so, dass in der einschlägigen Literatur Kurt Lewin eine ziemlich wichtige Rolle zugeschrieben wird. Er und seine Arbeiten und seine Art des Experimentierens war mir sozusagen eine Inspiration für die frühe experimentelle Sozialpsychologie, besonders in den USA. Es handelt sich dabei um Arbeiten aus den späten 40igern und 50igern Jahren. Allerdings fallt dabei auf, dass die Art des Experimentierens in dieser amerikanischen experimentellen Sozialpsychologie eine eigentlich ganz andere ist, als man sie bei Lewin vorfindet. Es ist so, dass es da ganz erhebliche Unterschiede gibt, die für die Methodik der Sozialpsychologie im allgemeinen höchst interessant sind. Ich möchte da vor allem auf zwei Dinge zu sprechen kommen: 1. Das Verhältnis Versuchsperson / Versuchsleiter. Bei Lewin - und das sieht man sehr genau in seinen frühen berliner Arbeiten – ist das Verhältnis Versuchsperson / Versuchsleiter in den experimentellen Vorgang eingebettet. Z.B. in dem berühmten Experiment von Dembo über den Ärger wird der Ärger ja durch die Interaktion zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson hervorgerufen. Es handelt sich dabei also um eine Art des Experimentierens, die anders ist als in den Naturwissenschaften. In den Naturwissenschaften gibt es keine soziale Interaktion zwischen dem Experimentator und dem Objekt. Nun, in der amerikanischen experimentellen Sozialpsychologie hat man sich gerade in dieser Zeit, nachdem Lewin starb - er starb ja leider sehr frühzeitig - ganz besonders auf das naturwissenschaftliche Modell des Experimentierens eingestellt. Und eben gerade dieses rein naturwissenschaftliche Modell ist es ja, was mit der Lewinschen Art des Experimentierens nicht ganz und gar vereinbar ist. Denn das Geniale bei seinen Experimenten war ja, dass gerade die Interaktion zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson einen unumgänglichen Bestandteil des Experiments ausmachte.

Ein weiterer Aspekt den man in diesem Zusammenhang noch erwähnen könnte betrifft, was man die Philosophie des Experimentierens nennen könnte. Wozu experimentiert man eigentlich in der Wissenschaft? Was ist der Zweck des Experimentierens? Und da gehen die Meinungen natürlich auseinander. Lewin wurde ja sehr früh und sehr stark von dem Philosophen, auch Wissenschaftsphilosophen, Ernst Cassirer beeinflusst. Ernst Cassirer betonte vor allen Dingen die Bedeutung und die vorrangige Stellung der Theorie in der Wissenschaft. Und auch die Tatsache, dass man es in der wissenschaftlichen Theorie – das Vorbild war da immer die Physik – mit reellen Situationen zu tun hat. Nicht mit der wirklich konkreten Welt. Der Zweck des Experimentierens war also, dass man versuchen wollte, ein ideelles – meist mathematisches Schema – auf die reale Welt anzuwenden. Und diesen Standpunkt hat Lewin auch übernommen. Nun, das ist ein Standpunkt, den man in der amerikanischen Sozialpsychologie nicht vorfindet. Die Tradition dort ist die Tradition des Induktivismus, d.h. der Zweck des Experimentierens ist der, in der wirklich existierenden konkreten Welt Allgemeinheiten festzustellen und dann diese Allgemeinheiten in der Theorie festzuhalten. D.h. in diesem Falle sind natürlich die empirischen Tatsachen der Theorie vorgeordnet und nicht andersherum.

Prof. Dr. Mitchell G. Ash, University of Iowa

Im Jahre 1933 musste Kurt Lewin dem Nazi-Deutschland entfliehen. Er war bekanntlich einer der ersten unter den deutschen Juden, der die damaligen schon aufrollenden Gefahren für die Juden in Deutschland erkannt hat. Nach einer zweijährigen kurzfristigen Arbeit an der Cornell- Universität in Ithaca, New York, ist Lewin im Jahre 1935 zunächst einmal für nur 2 Jahre, dann mit einer Verlängerung von drei Jahren, an einer ganz besonderen Forschungseinrichtung, an der Forschungsstation für Kinderwohlfahrt der Universität Iowa im Bundesstaat Iowa mitten im mittleren Westen der USA, engagiert worden. Diese Station hat eine ganz besondere Geschichte: Sie ist im Jahre 1917 gegründet worden und hatte schon damals das Mandat gehabt, die Erforschung der normalen Entwicklung von Kindern zunächst einmal zu fördern, dann die Ergebnisse zu veröffentlichen und dazu noch Fachkräfte auf diesem Gebiet auszubilden. Ab dem Jahr 1928 hat die Forschungsstation 10 Jahre lang sehr reichliche Unterstützung von der Laura SpeIlman RockefeIler Memorial Foundation, also ein Zweig der berühmten Rockefeller-Foundation, für ihre Forschungen erhalten. Diese Gelder waren in der Tat sehr reichlich, im Schnitt waren es 90.000 Dollar im Jahr, das heißt, für die damaligen Verhältnisse mehr als 100.000 Mark jährlich. Sie konnten damit einen ziemlich großen Mitarbeiterstab entwickeln und die allerneuesten mechanischen Einrichtungen und andere Forschungsmittel für sich in Anspruch nehmen. Der Kontakt zwischen Lewin und dieser Forschungseinrichtung kam auch durch einen Mitarbeiter der RockefeIler Foundation, Lawrence K. Frank, im Jahre 1935 zustande. Anfang des Jahres, genauer gesagt, hat Frank eine Veranstaltung an der Princeton University zum Thema der Persönlichkeitsentwicklung organisiert. Dort konnte er Lewin und George Stoddard, den damaligen Direktor der Forschungseinrichtung zusammenbringen. Anscheinend hat Lewin nicht nur für sich persönlich, sondern auch durch seine Arbeit einen sehr starken Eindruck auf Stoddard gemacht und innerhalb eines Monats kam dann das Angebot an Lewin, nach Iowa zu kommen. Das war sehr wichtig, denn - wie gesagt – lief der Vertrag bei Cornell aus, und es .kam noch hinzu ein Angebot aus der Hebrew University in Jerusalem an Lewin, so dass, wie Frank es damals schon ausdrückte, wenn man Kurt Lewin in Amerika behalten will, dann muss man ihn nach Iowa bringen können.

Und so war es dann auch. Lewin kam dann für zunächst einmal 2 Jahre, dann mit einer dreijährigen Verlängerung und im Jahre 1939 konnte er als Professor mit vollem Gehalt an der Universität Iowa angestellt werden. Die Frage lautet nun: Konnte Lewin den ganz eigentümlichen Forschungsstil, den er in Berlin hat entwickeln können, in Iowa noch aufrechterhalten, oder musste er sich auch anderen Arbeitsweisen und anderen Arbeitsbedingungen anpassen? Die Antwort darauf lautet: eine Mischung aus „ja” und „nein”, das heißt, die Forschungsgruppe Lewins konnte in der Tat teilweise jedenfalls aufrechterhalten werden, Lewin brachte sogar seine damaligen Hauptmitarbeiter, darunter Tamara Dembo, mit nach Iowa, und er konnte darüber hinaus noch amerikanische Mitarbeiter aus verschiedenen Teilen des Landes, nicht nur aus Iowa, für seine Forschungsarbeiten und Forschungsaufgaben in Iowa gewinnen. Aber: Wie einige der Mitarbeiter von damals in Interviews berichtet haben, galt die Lewinsche Gruppe als eine ziemlich kleine Gruppe, sie bildete nur einen kleinen Teil des ansonsten sehr großen Mitarbeiterstabes der Forschungsstation. Trotzdem konnten Lewin und seine Mitarbeiter in Iowa dank der Hilfe der Rockefeller-Foundation ihre berühmten Arbeiten über Erziehungsstile zustandebringen - Arbeiten, die Lewin zunächst einmal in den USA und daraufhin in der ganzen Welt berühmt gemacht haben. Darüber hinaus war es für Lewin und seine Mitarbeiter möglich, nicht nur die Erziehungsstile, also demokratische oder autoritäre oder laissez-faire Erziehungsstile in der Schule nachzuforschen, sondern auch das Training von erwachsenen Leitern in demokratischen Führungsstilen zu erforschen und ein wenig einzuüben. Auch diese Arbeiten haben Lewin in Washington bekannt gemacht, und auf dieser Grundlage wurde Lewin während des Zweiten Weltkrieges nach Washington berufen. Er hat dann praktisch das Forschungsjahr zwischen Iowa und Washington gependelt, und in dieser Zeit der Kriegsführung der USA wesentliches an Diensten geleistet, indem er bei der Truppe geholfen hat, damit alles etwas reibungsloser verlaufen konnte, und auch noch zivile Führungskräfte in demokratischen Führungsstilen trainiert hat. Das waren Verdienste, die Lewin bestimmt im Jahre 1933 nie gedacht hatte leisten zu dürfen. Aber es war trotzdem dank seiner Arbeit in Iowa möglich für ihn nach nur 10 Jahren Aufenthalt in den USA wesentliche Verdienste um die Kriegsführung der USA – eben gegen Nazi-Deutschland - zu erwerben.

Prof. Dr. Mel van Elteren, Universität Rotterdam

In meinen neuesten Lewin-Studien habe ich neue Erkenntnisse gewonnen bezüglich Lewins Einstellung zu Kontexten seiner Arbeit und auch dessen was damit bewirkt werden kann. Ich habe seine Arbeiten aus der Berliner Periode in den 20er Jahren mit denen über die Psychologie der Arbeit der späten 30er Jahre und später verglichen. In einem weniger bekannten Aufsatz der 20er Jahre über Taylorismus betont er den modernen humanistischen Ansatz menschlicher Arbeit. Er betont auch, dass die Bedürfnisse und Ansichten der Arbeiter selbst einbezogen werden müssen und dass die Arbeiterräte und Ausschüsse mit einbezogen werden müssen bezüglich des Forschungsansatzes der Untersuchung und dessen Zweck.

All diese Aspekte veränderten sich in seiner Zeit in Amerika. Lewin befasste sich hier mit dem, was Graebner, ein amerikanischer Historiker als „Democratic Social Engineering” bezeichnet hat. Einerseits ist dies ein demokratischer Ansatz der Kontrolle von Personen, aber andererseits ist es auch eine wirklich soziale Kontrolle, die ihre Wurzeln in einer längeren Tradition fortschrittlicher demokratische Bewegungen hat. In der amerikanischen Welt der Psychologie sind viele hiermit heute nicht mehr einverstanden, aber in meinem Beitrag und in aktuellen Arbeiten wird betont, dass in dieser Wertung ein wahrer Kern steckt. Wenn man spezifische Einzelheiten der Untersuchungen bei den Harwood Manufacturing Companies in den späten 30er oder den 40er Jahren betrachtet, entdeckt man, dass Ziele, die vom Management vorgegeben wurden, für selbstverständlich hingenommen werden. Innerhalb dieser Zwänge waren Arbeiter in der Lage demokratisch mitzubestimmen. Ich finde, dass die Lewinsche Sozialpsychologie den Gruppenprozess in dem Arbeitsprozess nicht so gut erfasst. Ich glaube, wir brauchen einen sorgfältig ausgearbeiteten soziologischen Ansatz der Arbeitsprozesse. Der Arbeitsprozess sollte als eine Art Strategie verschiedener Gruppen innerhalb der Industrie gesehen werden. So möchte ich betonen, dass die Lewinsche Sozialpsychologie in einer umfassenderen Perspektive in Verbindung mit anderen Ebenen der Analyse gesehen werden sollte. Insoweit stimme ich anderen nicht zu, die meinen, dies sei alles in der Lewinschen Sozialpsychologie schon enthalten.

Prof. Dr. Lothar Sprung, Humboldt Universität Berlin

Ich bin in meiner akademischen Entwicklung in die Methodologie und Methodik hineingekommen und habe mich in einigen Punkten an Lewin erinnert, nämlich die Art wie er Untersuchungssituationen gestaltet hatte. Also das, was man dann später Quasi-Experiment genannt hat. Diese Art der Versuchsperson I Versuchsleiter-Relation, eben nicht nur die Versuchsperson als ein Objekt zu sehen, das auf bestimmte Reize reagiert und ähnliches. Diese natürliche Situation war für mich eigentlich wichtig.

Ein anderer Gesichtpunkt war, dass er sich in der Regel bemüht hat, die verschiedenen Bedingungen, die untersucht werden sollten, in einem natürlichen Kontext, in einem Zusammenhang darzustellen, zu variieren und eben nicht in der klassischen Manier eine nach der anderen unabhängig voneinander. Das würde ich auch als eine gewisse Bedeutung von ihm ansehen.

Da ich von den 50er Jahren und meiner Studentenzeit und später von meiner Zeit als Mitarbeiter am Berliner Institut gesprochen habe, vielleicht noch ein paar Bemerkungen, wie die Rezeptionen Lewins bei uns in der DDR gelaufen ist. In meiner Studentenzeit spielte er in Bertin eine sehr große Rolle. Das hing damit zusammen, dass mein Lehrer Kurt Gottschaldt eben in der gleichen Zeit Assistent war, in der Lewin einer der Professoren an der Berliner Universität war. Es gab noch etwas Vergleichbares in Halle bei Herrn Winnefeld, der versucht hat, lewinsche Gedanken in die Pädagogische Psychologie hineinzubringen. Das war aber keinesfalls unumstritten. In Leipzig und in Jena hat nach dem Weggang von Frau Jucknat er nicht die Rolle gespielt. Im Gegenteil, dort hat man sich sehr häufig von diesen Vorstellungen abgesetzt. Sie sind dann später mit der Entwicklung der Sozialpsychologie, vor allem in Jena, mit der Entwicklung der Klinischen Psychologie, in Berlin und dann später in Leipzig wieder mit hineingekommen, was gewisse gruppendynamische Vorstellungen anbelangt, was bestimmte pädagogische Vorstellungen anbelangt. In allerjüngster Zeit, sozusagen kurz vor der „Wende” habe ich dann bemerkt, dass die sich entwickelnde Politische Psychologie, plötzlich Gedanken rezipierte aus Lewins Werken über die Lösung sozialer Konflikte und ähnliches.

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