Ulrich
Schödlbauer
U.S.

Paul Mersmann: Sandfiguren (Entwurf)

Parole: eins

Unter dem Geschrei der Ratgeber verendet das richtige Leben, als habe es dergleichen nie gegeben. Was daran richtig ist, findet jeder selber heraus, also spät oder nie. Bleiben die Vorbilder, ob zum Guten oder Schlechten, ist unbekannt. Wer glaubt, ohne sie auszukommen, zieht es vor, sie in der Anonymität zu belassen. Die Literatur ist hier in keiner glücklichen Lage. Man weiß Bescheid oder gibt vor, es zu wissen. Das ist Unsinn, der mimetische Impuls wirkt in ihr so mächtig, weil er an vielen Stellen gleichzeitig ansetzt. Am Ende erinnert sie an das, woran sich einer erinnert wissen möchte. Für das Leben der Schriftsteller gilt das auch; den Leuten kommt so einer vor wie ein Chamäleon, aber ein freundliches.

Parole: zwei

Am schwersten zu imitieren ist die menschliche Stimme. Man merkt es daran, dass es am leichtesten jenen fällt, bei denen es ohne Sinn und Verstand bleibt. In jedem ›anspruchsvollen‹ Roman öffnet sich die Schere zwischen Abhandlung und Gestammel und manchmal fällt beides zusammen. Auf der Bühne geht alles leichter vonstatten: dort helfen die Aufführung und die reale Stimme des Schauspielers. Nur die Lyrik ist anders. Hier diktiert die innere Stimme, aber dieses Diktat ist ebenso umfassend wie vage. Mancher weiß nichts davon und schreibt unverdrossen Gedichte. Eigentlich ist es die Regel. Auch deshalb haben Gedichte einen schlechten Ruf. Doch was sein muss, muss sein, ein guter Vers fragt nicht lange nach dem Medium, in dem er sich bildet. Ausdrücken kann sich jeder, Verse entstehen so nicht. Jemand, der im Leben etwas darstellen wollte, fällt unter die sich bildenden Stimmen wie unter die Räuber. Hic est finis maris: Auch hier lässt sich stranden.

Wissenschaft als Exil

Die Ordnung des Exils, jeder weiß es, ist eine Un-Ordnung. Der Exilant lebt in der Fremde. Er bittet darum und er besteht darauf, in der Fremde zu leben, also in einem entfernten Hier. Kein Lockangebot, keine Einschüchterung, keine Drohung, kein Vergessen kann ihn bewegen, diese exterritoriale Position aufzugeben. Der Grund ist denkbar einfach: für den Exilanten ist die Un-Ordnung Teil einer größeren Ordnung, in der er mitsamt seinem Exil Platz findet. Das Exil aufzugeben, den Migrationsschritt zu vollziehen, das doppelbödige Spiel der Integration zu spielen, als A ein B zu werden, als Anderer sich in ein immer noch anderes, jedoch keineswegs mehr fremdes Gebiet einzufügen, – das würde bedeuten, seine größere Ordnung zu annullieren und damit die Unordnung der Welt zu vergrößern. Welcher Welt? Der Welt im Kopf? Das ist leicht gesagt und es bedeutet nichts, denn es klammert das Entscheidende aus: Verantwortung. Kein Exil ohne gefühlte, gewusste, gelebte Verantwortung. Erst das Kopf-an-Kopf-Rennen der Verantwortlichen erzeugt die Welt, wie sie ist.

Demnach wäre es Verantwortung, die den Einzelnen dazu anhält, sein Exil zu leben. Verantwortung wofür? Das ist relativ leicht gesagt. Die Verantwortung dessen, der ›ins Exil geht‹, gilt dem Gemeinwesen – dem ›gemeinen Wesen‹, um den Hauch größerer Bestimmtheit abzuwehren –, schließlich sind es die ›bestehenden Verhältnisse‹, die ihn ins Exil nötigen. Der frei gewählte Nötigungspunkt entpuppt sich als Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz. Weshalb einer ging, das bestimmt sein Denken und Handeln selbst im Vergessen. Es stellt ihn scharf. Warum? Es bestimmt die Bedingungen, unter denen Rückkehr möglich wäre. Ohne den Gedanken einer möglichen Rückkehr erweist sich das Exil als widersinnig: als Verlust des durch es festgehaltenen Eigenen. Das endgültige Exil stürzt in den Selbstbetrug ab.

Die Rückkehr aus dem Exil ist, per definitionem, eine Rückkehr ins Eigene. So jedenfalls stellt sie sich für die Dauer des Exils dar. Solange die Rückkehr verwehrt bleibt – und verwehrt bleibt sie, solange die als ›inakzeptabel‹ markierten Bedingungen andauern –, solange bleibt das Eigene unangetastet, ›integer‹, wie man sagt, das heißt ganz, unaufgebrochen, vollständig und damit ein Ort der Projektionen. Da es aber, je länger, desto stärker, eher einer Ordnung gleicht als einem Ort, leuchtet es aus der Un-Ordnung des Exils heraus, als sei die Fremde, das ›entfernte Hier‹ des Exils, darin gerichtet: zugleich ›zurechtgerückt‹ und ›verworfen‹. Bestenfalls kommt sie nicht in Betracht: Der Boden, der dich nährt, ist einer, der keine Früchte trägt.

Nähern wir uns dem Begriff Un-Ordnung, dann sehen wir, dass die Negation von Ordnung hier nicht das Gegenteil von Ordnung, also zum Beispiel ›Chaos‹ meint, sondern eine nicht angenommene Ordnung. Was aber ist eine ›nicht angenommene Ordnung‹? Eine Ordnung, die nicht den mitgeführten ›Ordnungsvorstellungen‹ entspricht? Mag sein. Aber das wäre Andersheit, nicht Fremde. Die ›fremde Ordnung‹ erreicht das zu Ordnende nicht, sie ›greift nicht‹, wie der laxe Ausdruck für die interne Fernstellung lautet, weil die Relation Ordnung/zu Ordnendes bereits besetzt ist, gleichgültig, wie die ›Ordnungsvorstellungen‹ im Einzelfall lauten mögen. Nicht die aufnehmende Ordnung ist dem Exilanten fremd, sondern er sich selbst – und zwar, insofern er, als Aufzunehmender und in existenzieller Hinsicht bereits Aufgenommener, die ›gewährte‹ Aufnahme verweigert. Es liegt ihm fern, sich zu integrieren, es käme seinen Absichten nicht entgegen. Allerdings zeigt sich darin ein Widerspruch, den er nicht aufzulösen vermag. Ferne/Nähe sind relative und nicht-intentionale Faktoren, die durch das tägliche Zusammenleben zwangsläufig modifiziert werden. Das nahe Ferne und das ferne Nahe lassen sich nicht klinisch separieren. Sie durchdringen einander in einer Weise, die dem analysierenden und planenden Individuum entgeht. Nicht jedoch entgeht es dem Vorgang selbst.

Wissenschaft als Exil – das klingt, als könne Wissenschaft einen Schutzraum bieten: inmitten gesellschaftlicher Konfrontationen, in denen der Einzelne auf der Strecke zu bleiben droht – physisch, ökonomisch, moralisch, symbolisch, wie auch immer. Natürlich ist das nicht der Fall. Die ›Scientific Community‹ ist nichts, was sich gegen die Gesellschaft abdichten ließe. Sie ist Gemeinschaft und Gesellschaft, so wie sie Teil und Ganzes ist, auch wenn es an den Rändern gelegentlich knirscht. Aber wie so oft ist auch das nur die halbe Wahrheit. Immerhin bietet die Universität in gesellschaftlichen Kampf-Zeiten ein akademisches Rückzugs-Areal, das den Blessierten einer polarisierten Öffentlichkeit die Möglichkeit zur nicht-konfrontativen Artikulation umkämpfter Inhalte bietet. Vielleicht nicht immer, aber doch zu Zeiten, vielleicht nicht in sämtlichen Disziplinen, aber möglicherweise in den Gesellschafts-, mehr noch in den Kulturwissenschaften, jedenfalls solange letztere den verblichenen ›Geist‹ im Titel führten.

Nun bedeutet ›Rückzug‹ noch keineswegs Exil. Inseln verminderter Kampftätigkeit gehören ebenso zum Krieg wie das Kinderkriegen und die Beteuerung friedlicher Absichten. Zum Exil des Schriftstellers wird Wissenschaft erst durch eine differente Auffassung von Literatur, die den Akteuren des Marktes nicht vermittelbar ist. Ohne zu fragen, worin diese nicht mehr aufhebbare Differenz besteht – was nicht so einfach zu bewerkstelligen ist, weil sie eher durch existenzielle Erfahrungen als durch unadressierbare Theorien ausgespannt wird –, ohne die unterstellte Unaufhebbarkeit selbst zu thematisieren, ist doch erkennbar, dass es sich hier nicht um einen Rückzug handelt, sondern, sagen wir, um die Eroberung eines speziellen Biotops – jedenfalls dann, wenn ›Gesellschaft‹ nicht frag- und klaglos als einzig legitimer Adressat und privilegierter Inhalt von Literatur die Konditionen diktiert. Eines ›Biotops‹, zu dem nicht jeder Zutritt erlangt, schon gar nicht jener famose Mann vom Lande, der in Kafkas Parabel gleich am erstbesten Türhüter scheitert. Eher ähnelt die Situation jenes Herrn der des professionellen Schriftstellers. Auch dieser wartet darauf, entdeckt, anerkannt, bewundert, prämiert und sogar verstanden zu werden, und zwar von Buch zu Buch, von Titel zu Titel, von Tag zu Tag. Er ist, rein ökonomisch, darauf angewiesen. Er ist aber auch sozial und existenziell darauf ausgerichtet, denn seine Tätigkeit stellt nur die eine Seite einer Kommunikation dar, deren andere, weitab von seinem Schreibtisch, ihm dauerhaft verborgen bleibt, sofern er nicht die Reden der gleichfalls professionellen Türhüter oder das klatschende Volkshochschul-Publikum dafür nimmt – es sei denn, er wechselt ins öffentliche Fach mit seinen politisch kontrollierten Extrapolationen der Massenerregungen und des künstlich induzierten Massenschwachsinns.

Der Zutritt zum Biotop ›Wissenschaft‹ ist streng geregelt, und zwar über Qualifikationen, die nicht unbedingt denen des Schriftstellers entsprechen. Sie widersprechen ihnen aber auch nicht, insofern man auf beiden Seiten die ›verantwortete Rede‹ als das Substrat einer selbstbestimmten, wenngleich regional eingeschränkten Praxis betrachtet. Anders wäre die Funktion des Exils auch gar nicht zu begreifen. Selbstbestimmtheit als menschliche Statur bleibt in all ihren Äußerungsformen ein und dieselbe. Andererseits scheint sie ein allzu hohes Gut zu sein, das immerfort in Gefahr steht, durch Konventionalität und die Jagd nach ›Aufträgen‹ verbogen und ausgesetzt zu werden. Wie der Durchschnitts-Schriftsteller nach dem nächsten Preis, so geht der Durchschnittswissenschaftler nach Drittmitteln, um die Versorgung mit Prestige und Verfügungsmacht zu sichern. Nicht verächtlich sei es gesagt, sondern um auf unterschiedliche Funktionen aufmerksam zu machen: der Preis, dessen Handgeld den produktiven Fortbestand der Schriftstellerexistenz sichern helfen soll, gilt einer als erbracht angesehenen Leistung, das gewährte Drittmittel einer zu erbringenden. Der Funktion entgegen steht der Effekt: wenn der zum Erfolg strebende Schriftsteller die Preis-Geld-Maschine zu bedienen lernt, so das Gros der Wissenschaftler/innen die Antragsbürokratie – entsprechend dem Grundsatz: Du sollst nicht forschen, sondern Forschungsgelder verbrauchen, im besseren Fall, um forschen zu lassen, im schlechteren, um Forschung zu simulieren. Dieser Praxis entspricht der nicht sonderlich verborgene kategorische Imperativ der Schriftstellerei: Schreibe nach Regeln, die jederzeit als Grundlage einer allgemeinen Preisvergabepraxis angesehen werden können. Das erinnert zwar an das pädagogische Kinderspiel ›Malen nach Zahlen‹, aber natürlich auch an die Grundlage jeder gelungenen öffentlichen Rezeption: das jederzeit abrufbare Wiedererkennen oder die Mimesis der Mimesis der Mimesis.

Unter den Gründen, die einen Schriftsteller bewegen können, sich ins Exil der Wissenschaft zu begeben, steht einer obenan, der zugleich den Stachel dieser Existenz enthält. Er ließe sich in die alte, im Übrigen eher zweifelhafte Wittgensteinsche Regel fassen: »Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.« Worüber man in der Wissenschaft nicht reden kann, ist das Fremdsein, die Herkunft von einem anderen Stern, also das ›eigene Schreiben‹ in der Bedeutung, die den ernst zu nehmenden Schriftsteller ausmacht. Dort, wo es, wie in den hermeneutischen Disziplinen, als Gegenstand wissenschaftlicher Rede erscheint, findet es sich nicht allein in die Objektposition gerückt, sondern, als Gegenstand der Wissenschaft, in die des ›Anderen‹, also des Gegenpols wissenschaftlicher Erfahrung. Während es zum ABC der Kommerz-Schriftstellerei gehört, die Botschaft von der eigenen Fremdheit im ›Betrieb‹ mit allen Mitteln der Dezenz und Indezenz zu verbreiten, bleibt der Exilierte gerade in diesem Punkte stumm. Er ist gut beraten, stumm zu bleiben, denn redete er, so wäre der zu erwartende Effekt nicht Prämierung, sondern sofortige Exkommunikation. Anders gewendet: er kann, darf und muss sich jene vollmundigen Redefiguren sparen, mit deren Hilfe die exzentrische Positionalität des Schriftstellers in der Gesellschaft behauptet und hintertrieben wird – ein Vorteil, der den Nachteil nicht aufwiegt, im Exil der Sprachlosigkeit befangen zu sein, also in einer wirklichen und keineswegs topisch gedämpften Fremde. Dieser Nachteil aber – es schmerzt, dies sagen zu müssen, während doch eine eigentümliche Befriedigung darin liegt – ist das Kernmotiv aller unbotmäßigen oder, um das Unwort eines langen Jahrzehnts zu bemühen, ›selbsternannten‹ Schriftstellerei, die wirkliche Frucht des Exils, der lange und langsam zu erringende ›Gewinn‹, falls so etwas auf diesem Feld zu erwarten steht.

Kommt, reden wir zusammen,
wer redet, ist nicht tot...

Der Benn-Vers verweist, ex negativo und wie von ungefähr, auf die operativen Räume einer Kommunikation, dessen sozialer Träger sich nicht von Ernennungen abhängig weiß, aber dankbar die Unabhängigkeit registriert, die sie ihm verschaffen. Totsein, Abwesendsein, ereignislos bleiben, marginalisiert sein: dies alles hilft ihm, jene Spannungen aufzubauen und auszuhalten, aus denen, wenn es gut geht, der Lichtbogen aufgeht, der rechtfertigt, was sonst nicht zu rechtfertigen wäre, obwohl es vielleicht primär mit dem Inbild der Gerechtigkeit, dem Rechtsein zusammenhängt. Ohne den Anteil des Ungelebten an der menschlichen Existenz wären die Selbstausbeuter aller Länder und Kulturen rascher am Ende als im angesteuerten Paradies der Lüste – kein Schaden vielleicht, aber eine Erinnerung daran, dass auch hier Menschliches darauf wartet, bemerkt und begriffen zu werden.

Hagen, im März 2015
An die Nachrückenden

Nun, sagen wir, in
den Fluten verloren
gegangen, aus denen ihr
vielleicht auftauchen werdet,
oder die nach euch kommen,
oder die nach ihnen kommen, also verrann
unsere Zeit, die nicht die unsrige war, vielleicht
niemand gehörte oder
denen, die alles... Wer weiß.

Oft bedachten wir uns
und gründlich, weil
unsere Art
das so nahelegte,
wie es möglich sei,
dass die Guten die Bösen

und die Bösen die Guten und die... Das war
ein Fehler, ganz klar. So
verrannten wir uns. So
verrannen wir auch.

Das Gewissen der Welt
bebt unaufhörlich. Es ist
busy. ›Empört euch.‹ Nur: wie
lässt sich Empörung begrenzen?
Schon ein Ziel ist Verrat.
Naja,
auch der Hass gegen die dort
verzerrt die Züge. Die Niedrigkeit
sickert ein in den, der sie bekämpft.
Das ist die Wahrheit. Vom Zorn
verdunkelt, fälscht sie die Stimme.

Wir haben Freundlichkeit
empfangen nach menschlichem Maß, also wenig,
und haben sie ausgeteilt
nach gleichen Kräften.
Das ist nichts Besonderes.

Die finsteren Zeiten warten nicht wirklich,
sie drücken die Türen nicht ein, sie stehen
schon drinnen mit glatter Stirn und sie lachen
dich an, denn frei
sind sie geboren und gleich
da und dort und davon und kehren
rascher zurück als gedacht. Helfer
finden sie leicht. Das entzogene
Wort zieht sie an: da glänzt ihr Gebiss.

Verwechselt uns nicht. Wer nach denen kommt,
die alles nahmen, weil es bereit lag, per Zufall,
greift sich ans Hirn und bezeugt gern,
aber verweigert leicht den Eingriff, sei es,
dass die zerquetschte Hand ihm nicht hilfreich erscheint
oder die erfolgreiche allzu gefüllt.

Ihr, die ihr vergeht
in der Flut, die wir herauf
beschworen durch unser Geschick,
unberührt über die Erde zu gehen
und unberührbar, Hohepriester des Glücks,
vergesst. Seid grausam, aber
vergesst. Verlacht die Zeit,
die uns wegschließt.


Bildmotiv: Paul Mersmann