Methode „Vier Felder der Diskriminierung“

Lernziele/Verwendungsmöglichkeiten: Die Methode ist für (Fort-)Bildungsseminare geeigent.

Wissen: Mit der Methode wird die Analyse von Diskriminierungssituationen und individuellen Positionierungen und Rollen darin weiter entwickelt und geübt, um darüber einen Raum für Reflexionen über soziale Strukturen (Hierarchien, Dominanzbeziehungen und intersektionale Positionen von Individuen) zu öffnen. Es geht dabei darum zu verstehen, wie sich soziale Positionierungen in alltäglichen Situationen auf Diskriminierungen und Gewaltwiderfahrnisse auswirken.

Fähigkeiten: Es werden analytische Fähigkeiten gestärkt, verschiedene soziale Positionierungen zu erkennen und zu verstehen, wie diese mit Dominanzbeziehungen zusammenhängen.

Kompetenzen: Sensibilisierung für Dominanzbeziehungen, strukturelle Ungleichheiten und Diskriminierung

Durchführungsschritte/ Instruktionen:

Vorbereitung: Teilen Sie ein Flipchart in vier gleich große Teile und schreiben in jedes der vier Teile vier Perspektiven auf Diskriminierungssituationen:

  • eine Situation, in der Sie sich / ihr euch anderen gegenüber diskriminierend oder gewalttätig verhalten haben/habt;
  • eine Situation, in der Ihnen/euch diskriminierendes Verhalten widerfahren ist;
  • eine Situation, in der Sie/ihr Zeug_innen wurden/wurdet, wie eine andere Person diskriminiert wurde oder einer anderen Person Gewalt widerfahren ist, und Sie/ihr nicht eingegriffen haben/habt;
  • eine Situation, in der Sie/ihr Zeug_innen wurden/wurdet, wie eine andere Person diskriminiert wurde oder einer anderen Person Gewalt widerfahren ist, und Sie/ihr eingegriffen haben/habt;

Theoretische Einführung: Grundlegend für das Verständnis einer Person, deren Erfahrungen, Handlungen und Entscheidungen ist die Komplexität ihrer sozialen Positionierung. Eine soziale Positionierung einer Person ist sein_ihr Platz innerhalb der Gesellschaft, der in oder durch die Überkreuzung sozialer Konstruktionen hervorgebracht wird. Je nach sozialer Positionierung sind Privilegierungen und Diskriminierung unterschiedliche bedeutsam. Geschlecht, ‚race’/Ethnizität und Klasse stellen dabei soziale Kategorisierungen dar, nach denen Individuen (oder sozialen Akteur_innen) oft als schwarz oder weiß, männlich oder weiblich, oder einer bestimmten Klasse zugehörig wahrgenommen werden. Die daraus folgenden sozialen Positionierungen der Menschen bestimmen in hohem Maße Chancen und Hindernisse für ihr Leben.

Das bedeutet nicht, dass soziale Positionierungen immer festgelegt oder vorbestimmt sind – selbstverständlich gibt es Bewegungen und Veränderungen innerhalb der sozialen Positionierungen und die gesellschaftlichen Bedingungen verändern sich. So kann beispielsweise die soziale Positionierung in Bezug auf die soziale Schicht im Herkunftsland einer Person (zum Beispiel als Akademikerin arbeiten) eine ganz andere sein, als die soziale Positionierung in dem Land in das die Person eingewandert ist (weil die Ausbildung nicht anerkannt wird muss die Person beispielsweise unqualifizierte Arbeit machen). In jedem Fall beeinflusst die jeweilige soziale Positionierung, wie Menschen ihr Leben führen können und wie sie darin von Diskriminierungen betroffen sind.

Mit dem Konzept der Intersektionalität lassen sich komplexe soziale Positionierungen erkennen. Es wird davon ausgegangen, dass Individuen nicht einer bestimmten ‚race’ angehören oder einem bestimmten Geschlecht oder einer bestimmten Klasse, sondern dass alle drei Kategorisierungen immer gleichzeitig für die Menschen wirken.

In pädagogischer (und politischen) Ansätzen wurde aber bisher oftmals nur eine gesellschaftlichen Kategorisierung bearbeitet, wie zum Beispiel in Ansätzen der geschlechterbezogenen Arbeit. Aber Menschen erfahren Geschlecht, Ethnizität oder Schicht nicht ‚an sich’, sie erleben sie immer konkret als simultane (Mehrfach-) Zugehörigkeiten.

Im Wesentlichen stellen Ethnizität/’race’, Gender und Klasse ineinandergreifende Dominanzstrukturen dar. Sie funktionieren gemeinsam und führen dazu, dass der Zugang zu Macht und Privilegien unterschiedlich ist, sie wirken auf soziale Beziehungen ein, stellen Bedeutungen her und die beeinflussen die Alltagserfahrungen von Menschen. Die Kategorien ‚race’/Ethnizität, Gender und Klasse sollten nicht nur als demographische Merkmale, Identitäten oder Kennzeichen von Unterschiedlichkeit angesehen werden; vielmehr muss ihre Analyse von den Hierarchien und Dominanzverhältnissen, die sie beinhalten, handeln.

Einzel- und Gruppenarbeit, sowie Gruppendiskussion: Die Teilnehmenden werden gebeten ein Din A4 Blatt nach dem Muster der Flipchart zu vierteln. Sie sollen ihre Überlegungen in die vier Felder der Diskriminierung auf dem Din A4 Blatt notieren. Mit dieser kleinen Schreibhilfe sollen sie über vier unterschiedliche Situationen nachdenken, die sie in ihrem Leben erfahren haben (Kindheit, Jugend oder Erwachsenenalter, im alltäglichen Leben oder auf der Arbeit oder an anderen Orten, wie etwa Institutionen, bei der Jobsuche, usw.):

  1. eine Erfahrung, in der sie sich Anderen gegenüber diskriminierend oder gewalttätig verhalten haben;
  2. eine Erfahrung, in der ihnen diskriminierendes Verhalten widerfahren ist;
  3. eine Erfahrung, in der sie Zeug_innen wurden, wie eine andere Person diskriminiert wurde oder einer anderen Person Gewalt widerfahren ist, und sie nicht eingegriffen haben;
  4. eine Erfahrung, in der sie Zeug_innen wurden, wie eine andere Person diskriminiert wurde oder einer anderen Person Gewalt widerfahren ist, und Sie/ihr eingegriffen haben/habt.

Für jede der vier Situationen sollen die Teilnehmenden über ihre Positionierung und die Positionierung der anderen involvierten Personen nachdenken und sich entsprechende Notizen machen. Wie haben die Positionierungen der involvierten Personen die Situation beeinflusst? Dabei ist beispielsweise interessant, ob die soziale Positionierung der anderen Person das eigene Verhalten beeinflusst hat. An die Einzelarbeit (etwa 30 Min) anschließend sollen sich die Teilnehmenden über ihre Antworten in Kleingruppen (bis zu 4 Personen pro Gruppe) austauschen (circa 60 Min). Der Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung der sozialen Positionierungen für die je unterschiedlichen Situationen und die involvierten Personen.

Fragen für die Gruppendiskussion:

  • Welche Rolle spielen soziale Positionierungen in den Diskriminierungssituationen?
  • Wie haben die Positionierungen die Situationen beeinflusst?
  • Gibt es Gemeinsamkeiten in Bezug auf ihren Einfluss von sozialen Positionierungen auf die Situation?
  • Sind Unterschiede bei den Positionierungen der an einer bestimmten Situation beteiligten Personen zu erkennen?

Wichtige Rahmenbedingungen:

Gruppengröße: Die Methode sollte in Kleingruppen durchgeführt werden. 3 Gruppen sind gut, es sollten nicht mehr als 4 werden. Wenn ein Austausch in der Großgruppe gmeacht werden soll dann sollte die nicht größer als 18 Personen sein.

Zeitpunkt: Die Methode sollte nicht zum Einstieg in den Arbeitsprozess angewendet werden. Erfahrungen mit Methode Mögliche Schwierigkeiten Die Methode versucht, einen Raum für die Reflexion über soziale Positionierungen und Machtbeziehungen in unterschiedlichen Situationen aufzumachen. Es besteht die Möglichkeit, dass schwierige Situationen entstehen. Die Trainer_innen müssen deshalb sensibel sein und benötigen Kompetenzen im Umgang mit den Frustrationsgefühlen der Teilnehmenden oder anderen eventuell aufkommenden Gefühlen wie Traurigkeit, Wut, usw.

Bezug Intersektionalität: Unterschiedliche individuelle Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen als Täter_in, Opfer oder Zeuge_in können in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionierungen begründet sein.

Schlagworte: Intersektionalität, Diskriminierung, Mehrfachzugehörigkeit, Mehrfachdiskriminierung

Link/PDF-Download: www.peerthink.eu/peerthink/images/stories/090709_manual_deutsch_sb.pdf, S. 89-91 (PDF)

Einstellungsdatum: 27.03.2012

06.10.2021