Intersectionality traveling into psychology

von Silke Schwarz

1. Einleitung

Intersektionalität als Konzept und Paradigma (Walgenbach 2012) ist auf internationaler Ebene (zumindest in den Gender Studies) zum Mainstream avanciert (Yuval-Davis 2010). Zahlreiche internationale Organisationen, die sich für soziale Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung einsetzen, beziehen sich auf dieses Paradigma (APWLD 2011, Riley 2004). Im deutschen Kontext bezeichnet Intersektionalität zunehmend, „wie sich (Diskriminierungs-)Erfahrungen unterschiedlicher Genese auf Wahrnehmung und Empfindung, auf Bewusstsein, Habitus und Handeln der Betroffenen auswirken, das heißt, wie die Zugehörigkeit zu (benachteiligten, randständigen oder ausgeschlossenen) Kollektiven und namentlich die gleichzeitige Zugehörigkeit zu mehreren solcher Gruppierungen von den Einzelnen erlebt wird, wie sie deren Identität prägt“ (Klinger 2012).

Die afroamerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw (1989/2010) prägte den Begriff mit der häufig zitierten Metapher einer Straßenkreuzung, der intersection. In ihrem einschlägigen Artikel führt sie Gerichtsfälle von Mehrfachdiskriminierungen an, die aufzeigen, wie afroamerikanische Frauen vom Justizsystem systematisch marginalisiert und mit ihren spezifischen Problemlagen unerkannt und damit auch von Staats wegen ungeschützt bleiben.1

Ähnlich wie Nira Yuval-Davis (2010) den disziplinären Entstehungskontext von Intersektionalität berücksichtigt und darum bemüht ist, das Konzept auf die soziologische und feministische Theorie zu übertragen, möchte ich in diesem Beitrag mögliche „Reisewege“ des Konzepts in die Psychologie aufzeigen. Dabei werde ich die bereits formulierte Kritik an dem Intersektionalitätsparadigma aufgreifen und für die psychologische Fachdisziplin reflektieren. Wie die Überschrift des Artikels andeutet, folge ich den Überlegungen Edward Saids (1983), wonach „ideas and theories travel – from person to person, from situation to situation, from one period to another“ (Said 1983, S. 226). Je nach soziokulturellem, historischem oder politischem Kontext, je nach disziplinärer Verortung, je nachdem von wem und für was Konzepte gebraucht werden, können sich auch deren Bedeutungen sowie deren Problem- und Anwendungsgebiete ändern. Bestimmte Aspekte können besonders betont werden, andere neu interpretiert oder gänzlich neue Facetten hinzugenommen werden. Andere Komponenten wiederum können auf den Übersetzungs- und Reisewegen verloren gehen.

Zu Beginn des Artikels wird aufgezeigt, inwiefern das Intersektionalitätsparadigma bereits in der psychologischen Fachdisziplin „angekommen“ ist. Im Anschluss arbeite ich problematische sowie produktive „Reisewege“ des Konzepts in andere (disziplinär verstandene) „Wissenskulturen“ heraus. Hauptsächlich werde ich auf die Forschungspraxis von Psycholog_innen Bezug nehmen und nur am Rande auf die psychologischen Anwendungsbereiche eingehen. Meine Ausführungen verlaufen dabei größtenteils entlang einer methodologischen Debatte über qualitative und quantitative Paradigmen.

2. Intersektionalität in den Mainstream-Psychologien

In den Mainstream-Psychologien2 fragt man zum Beispiel danach, wie das psychosozialeWohlbefinden bzw. wie die psychische Gesundheit von Individuen gefördert werden kann (Gesundheits- und Positive Psychologie), bzw. danach, wie psychosoziale Krankheiten und Belastungen entstehen und wie sie zu bewältigen bzw. zu therapieren sind (Klinische Psychologie). Die Sozial- oder Persönlichkeitspsychologie beschäftigen sich mit Fragen nach sozialer Identitätsbildung, der Herausbildung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften, der Leistungsfähigkeit und Intelligenz Einzelner, mit Beeinflussungsprozessen und Verhältnissen zwischen sogenannten Majoritäten und Minoritäten sowie mit Vorurteilen.

In den Mainstream-Psychologien wird hauptsächlich quantitativ geforscht, wie unter anderem an den Publikationen in einschlägigen Journalen abzulesen ist: „In psychology, at least, it is difficult for qualitative work to find entry into the top “mainstream” journals […]. Only a very small proportion of qualitative research is published in psychology journals” (Shields 2008, S. 306). Vorwiegend untersucht man, welche Effekte unabhängige Variablen wie Gender (häufig über Angaben des biologischen Geschlechts ermittelt), ethnische und/oder religiöse Zugehörigkeiten und/oder der Einkommens- und Bildungsstand auf die abhängigen Variablen haben. Inwiefern können Gender-, Bildungs- oder sonstige Unterschiede zum Beispiel Variationen im Wohlbefinden, dem Krankheitsbild oder der beruflichen Leistungsfähigkeit „erklären“?

In der Regel werden „Gender“ oder „ethnische Zugehörigkeit“ als demographische Variablen verstanden. Laut Lisa Bowleg (2008) geht damit die Gefahr einher, dass diese Variablen nicht ausreichend als soziale Kategorien verstanden werden, die in sozialkonstruktivistischer Manier im Alltag ständig neu belebt und mit Bedeutung gefüllt werden (müssen) und die sich in gesellschaftlichen Strukturen und Wertungen niederschlagen. Das Wie und Warum, das heißt die Prozesse, die zur Ungleichheit führen, verlieren sich aus dem Fokus der Analyse (Shields 2008). Daher lehnen es einige Intersektionalitätsforschende ab, derartige Studien als „intersektional” zu bezeichnen: „Thus, a study with an ethnic minority or ethnically diverse sample that includes demographic measures of racial or ethnic identification, socioeconomic status (SES), and sexual orientation, for example, is not intersectionality research de facto. By contrast, a similar study that focused on the dimensions of experience (e.g., annual earnings, access to health care, stress experiences, etc.) shaped by the participants’ experiences of intersecting identities of racial or ethnic identification, SES, and sexual orientation would exemplify intersectional research“ (Bowleg 2008, S. 316).

Das Problem liegt unter anderem im positivistischen Grundverständnis quantitativer Forschungsarbeiten. Man geht davon aus, dass die „Essenz“ von etwas in quantifizierbaren Größen beschreibbar ist, bzw., dass ein Indikator auf eine dahinterliegende Struktur, die man als Forschende entdecken kann, verweist: „[To] observe the essential elements of the phenomena in question (i.e., the “essences”) and render them in systematic and explicit (preferably, mathematical or quantitative) form ” (McGrath und Johnson 2003, S. 34).3

Die Variablen werden bislang eher einzeln und getrennt voneinander behandelt, statt deren Wechselwirkungen genauer zu beleuchten (Silverstein 2006). In der Sozialpsychologie – als ein Beispiel der Mainstream-Psychologien – gilt bis heute: „The prevailing view of social identities is one of unidimensionality and independence, rather than intersection“ (Bowleg 2008, S. 313). Die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Cole (2009) mutmaßt, dass die (meist in der quantitativen Logik verhafteten) Mainstream-Psycholog_innen darum bemüht seien, vereinfachende Theoriemodelle aufzustellen. Man versuche die Anzahl möglicher Einflussvariablen zu reduzieren und die Zugehörigkeit zu einer „Kategorie“ statistisch zu kontrollieren. Eine Mehrfachzugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen müsse daher umgangen werden.

Dieses analytisch zergliedernde, um Variablenkontrolle bedachte Denken erscheint problematisch, besagt doch der heutige Wissenskanon (sei dies innerhalb der Soziologien, der Gender Studies oder auch der Psychologien), dass sich Personen in einer zunehmend glokalen, pluralisierenden Gesellschaft zu multiplen Gruppen zugehörig fühlen können. Man spricht von sogenannten fluiden oder shifting identities, von Identitäten, die unterschiedliche und teils widersprüchliche gesellschaftliche bzw. gruppenspezifische Normen und persönliche Ansprüche vereinen und neu aushandeln (Rommelspacher 2009). Eben diese Mehrfachzugehörigkeit, das Hinterfragen von klar umrissenen, eindimensionalen (oder addierbaren) Identitäten, rückt mit dem Ansatz der Intersektionalität ins Blickfeld.

Zudem scheinen bestimmte Interdependenzen4 innerhalb der Mainstream-Psychologien tendenziell vernachlässigt worden zu sein. Die schwedische Psychologin Eva Magnusson (2011) moniert zum Beispiel, dass das Konstrukt „sozialer Klassen“ in den Mainstream- Psychologien kaum untersucht oder thematisiert werde, was an psychologischen Lehrbüchern und Kursen sowie der PsycINFO-Datenbank5 abzulesen sei.

Es bleibt festzuhalten: „The discipline of psychology has not fared well in terms of promoting the understanding of intersectionality” (Bowleg 2008, S. 313). Um Intersektionalität für die Psychologie nutzbar zu machen, wird ein adäquater methodologischer Kanon erforderlich. Einige Psycholog_innen suchen nach entsprechenden Operationalisierungen im quantitativen Paradigma verbleibend (Cole 2009, McCall 2005). Andere wiederum problematisieren auf einer generellen Ebene die psychologische Forschungstradition des faktorenanalytischen Denkens, wonach Intersektionales mit statistischen Interaktionen, Haupteffekten und mit Variablenkorrelationen dargestellt werden soll (Shields 2008, Bowleg 2008).6

Welches methodische Vorgehen erscheint also angemessen, um die mit einem Intersektionalitätsparadigma einhergehende Komplexitätsproduktion (Kerner 2011) zu handhaben? Wie könnte eine „gelungene Ankunft“ des Intersektionalitätsparadigmas innerhalb der Mainstream-Psychologien aussehen? Es gibt epistemologisch und methodologisch fundierte Alternativen zu den Mainstream-Psychologien, die sich aus einer jahrzehntelangen, kritischen Auseinandersetzung und aus einem transdisziplinären Denken heraus entwickelt haben. Beispiele sind die Gemeindepsychologie, die diskursive Psychologie, die Befreiungspsychologie sowie feministische Psychologien (siehe auch Fußnote 26). Es lohnt möglicherweise, dort entwickelte Erkenntnisse und Praxen erneut zu beleben, wenn wir uns damit beschäftigen, inwiefern das Intersektionalitätsparadigma die psychologische Fachdisziplin bereichern kann.

3. Die Notwendigkeit einer kontinuierlichen selbstreflexiven Praxis

Der Anspruch quantitativer, standardisierter Forschungsarbeiten besteht darin, universalistische, das heißt allgemeingültige Aussagen und Theorien zu formulieren: „Leitgedanken der Forschung(-splanung) sind dabei die klare Isolierung von Ursachen und Wirkungen, die saubere Operationalisierung von theoretischen Zusammenhängen, die Messbarkeit und Quantifizierung von Phänomenen, die Formulierung von Untersuchungsanordnungen, die es erlauben, ihre Ergebnisse zu verallgemeinern und allgemein gültige Gesetze aufzustellen. […] Aussagen sollen möglichst allgemein und unabhängig von den konkret untersuchten Fällen getroffen und beobachtete Phänomene in ihrer Häufigkeit und Verteilung bestimmt werden“ (Flick 2005, S. 13). Soziokulturelle Unterschiede bzw. Kontexte werden dabei kaum kritisch reflektiert bzw. kaum als mögliche Begrenzungen der Verallgemeinerungsfähigkeit der Ergebnisse diskutiert. Bereits Kimberlé Crenshaw (1989/2010) kritisierte im Kontext der Rechtswissenschaften diese „maßgebliche Stimme des Universalismus – bei der es sich meist um männliche Subjektivität handelt, die sich als „rassen-“ und geschlechtslose Objektivität ausgibt“ (ebd. S. 43). Die damit einhergehende Problematik wird insbesondere dann augenscheinlich, wenn in anderen Kulturen geforscht bzw. gearbeitet wird, wie dies kulturvergleichende und Kulturpsycholog_innen tun: Eine westdeutsche Forscherin mag die Berufstätigkeit javanischer Dorffrauen zunächst als einen Ausdruck femininer Macht und Handlungsfähigkeit auf familienökonomischer Ebene interpretieren.7 Bei genauerer Betrachtung werden allerdings auch die zahlreichen Widersprüche und Belastungen, die mit einer femininen Produktivität einhergehen, deutlich. Denn laut Islam und nach traditionell aristokratischjavanischer Auffassung geziemt es sich für eine Frau eher, sich vor allem um Haushalt und Kinder zu kümmern (ähnlich dem westdeutschen Hausfrauenideal). Das Hausfrauen-Dasein ist zugleich ein Ausdruck von Luxus und Wohlstand. Es zeugt davon, dass es sich eine Frau „leisten“ kann, zu Hause zu bleiben. Im Zuge der Globalisierungs- und Emanzipationsbewegungen sowie einer zunehmend konsumorientierten Lebenshaltung gilt die Berufstätigkeit von Frauen allerdings auch als ein Ausdruck der Moderne und des Fortschritts (Schwarz 2012).8 Eben diese kultur- und gruppenspezifischen Normen sind bei dekontextualisierenden Verfahren, die auf allgemeingültige Aussagen abzielen, weniger offensichtlich und damit auch weniger kritisierbar bzw. veränderbar. Es bleibt problematisch, Aussagen über „Frauen“ im Allgemeinen zu formulieren, die auf der Grundlage von weißen Mittelschichtsfrauen oder gar Studentinnen getroffen wurden (Arnett 2009).

Sozialwissenschaften im Allgemeinen, so auch die Psychologie, werden immer häufiger dafür kritisiert, dass sie sich an westlichen Lebensweisen, am männlichen Standard, an der Mittelschicht, der Heteronormativität, der körperlichen Integrität und dem „Weiß-Sein“ orientieren, dies allerdings nicht ausreichend transparent darstellen bzw. kritisch reflektieren(Magnusson 2011). Inwiefern dürfen zum Beispiel komplementäre Gendergerechtigkeitsvorstellungen indonesischer Muslimas und Muslime als sexistisch beurteilt werden?9 Inwiefern sollten sie als eine gleichwertige Alternative zum westlichen, säkularen Feminismus gelesen werden? Ein ausdrücklich distanzierter und kritischer Umgang mit Normen, sei dies in quantitativ oder qualitativ orientierten Forschungsarbeiten, ist hier weiterführend. Man kann zum Beispiel im Sinne Foucaults hinterfragen, welche Machtdynamiken und welche Ziel- und Normalzustände impliziert werden, wenngleich sie unausgesprochen bleiben. Es geht um die berühmte cui-bono Frage: Wem nutzt es, das Untersuchungsphänomen genau so zu sehen und zu beschreiben und nicht anders? In wessen Sinne ist es, genau diese Forschungsfrage und keine andere zu stellen? Hierauf werde ich weiter unten noch eingehen, wenn ich die dekonstruktivistischen Möglichkeiten bzw. die sogenannte anti-kategoriale Intersektionalitätsposition (McCall 2005) weiter ausführe.

Elizabeth Cole (2009) ist um eine methodologische Lösung hinsichtlich der dekontextualisierenden, normierenden Universalismusproblematik bemüht und plädiert unter anderem dafür, die Diversität innerhalb einer Kategorie verstärkt zu berücksichtigen. Insofern ist Cole um eine zunehmend differenziertere intrakategoriale Intersektionalität (McCall 2005) in den Mainstream Psychologien bemüht.10 Hierfür müssten mehr Prädiktorvariablen wie beispielsweise die ethnische Zugehörigkeit aufgenommen werden, um spezifischere Aussagen über Frauen und Männer aus verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen machen zu können. Ein Beispiel ist die quantitativ angelegte Studie von Steven Hobfoll et al. (2003), in der afroamerikanische Frauen aus dem Niedriglohnsektor hinsichtlich ihrer Bewältigungsstrategien untersucht werden.11

Insofern ist ein kontinuierlich selbstreflexives und transparentes Vorgehen der Forschenden während allen Phasen eines Forschungsprojekts insgesamt ein zentrales Element bei intersektionalen Arbeiten. Zum Beispiel sollte dezidiert offengelegt werden, warum welche Variablen eingeschlossen werden und andere nicht (Warner 2008). Im Sinne einerintrakategorialen Intersektionalität ginge es um die Explikation dessen, was wir meinen, wenn wir zum Beispiel von „Frauen“ in Deutschland sprechen. Sind damit beispielsweise auch Frauen aus der zweiten oder dritten Generation einer Familie mit Migrationshintergrund in Deutschland, drogenabhängige Prostituierte ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland und Niedriglohnarbeiterinnen mit langen Phasen der Erwerbslosigkeit gemeint?

Eine weitere Herausforderung besteht darin, ein ausschließlich additives Modell zu überwinden. So ist ein Mehr an Diskriminierungsvariablen nicht unbedingt gleichbedeutend damit, dass die Person mehr Diskriminierungserfahrungen macht. Die Stärke des intersektionalen Paradigmas liegt darin, Variablen als sich ko-konstituierend, als interdependent zu begreifen und sowohl Privilegierungs- als auch
Diskriminierungserfahrungen zu fassen. Die subjektive Erfahrung einer relativ reichen, gebildeten und angesehenen Christin in einem javanischen Dorf lässt sich nicht einfach wie folgt zergliedern und aufaddieren: Frau + Christin (als eine religiöse Minderheit im islamisch geprägten Indonesien) + hoher sozioökonomischer Status + auf dem Land lebend. Eine Mehrfachzugehörigkeit zu sowohl privilegierten als auch diskriminierten Gruppierungen bleibt eine methodische Herausforderung, von der einige meinen, dass sie mit dem
quantitativen Paradigma im Grunde nicht zu lösen sei: „Indeed, I would argue that it is virtually impossible, particularly in quantitative research, to ask questions about intersectionality that are not inherently additive” (Bowleg 2008, S. 314).

Neben den eben dargelegten Schwierigkeiten eines nicht-additiven, sondern intersektionalen Modells bleibt die Verwendung von vorab festgelegten Kategorien oder Interdependenzen problematisch. Möglicherweise werden dabei Machtverhältnisse reproduziert statt diese sichtbar und damit kritisierbar bzw. veränderbar zu machen. Wann spricht man zum Beispiel von sogenannten „marginalisierten“ Frauen? Im Kontext indonesischer Entwicklungsprojekte mit einem Genderansatz bezeichneten Aktivist_innen zum Beispiel Frauen dann als marginalisiert, wenn kein Mann im Haushalt lebt und sie den Familienvorstand stelle (Schwarz 2012). „Marginalisiert“ weist insofern immer auf eine kultur- und milieuspezifische
Norm hin. In dem Beispiel verweist die Wortwahl auf den Zwang zur Heirat in bestimmten Gesellschaften, in denen man erst durch die Ehe zu einem vollwertigen, legitimen Gemeindemitglied aufsteigt (Schwarz 2011). Diese Normen können bei einer unreflektierten Kategorisierung dieser Frauen als „marginalisiert“ festgeschrieben statt sichtbar gemacht werden.

Die generelle Problematik einer möglichen Machtreproduktion anstelle einer Machthinterfragung wurde in feministischen Kreisen besonders von der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler (1991, 1997) mit ihrem dekonstruktivistischen Ansatz thematisiert. Welche Kategorien oder organizing principles12 sollen also überhaupt noch berücksichtigt werden? Und welche Relevanz und Bedeutung darf man ihnen interpretativ-erklärend zuschreiben? Ist es vielleicht besser eine sogenannte anti-kategoriale Position einzunehmen
und jegliche Form von Kategorisierung prinzipiell kritisch zu hinterfragen? Je nach theoretischer bzw. disziplinärer Verortung lässt sich diese Frage unterschiedlich beantworten. Isabell Lorey (2011), eine Verfechterin des dekonstruktivistischen Ansatzes, würde letztere Frage eher mit Ja beantworten. Angelehnt an Foucaults genealogischen Ansatz bzw. an Butlers epistemologische Praxis des Umdeutens von herkömmlichen Deutungen und Bedeutungen, möchte Lorey nicht die Existenz gewisser Kategorien und Raster bestreiten oder auflösen, sondern vielmehr danach fragen, „welche Funktion hat der Glaube an die Evidenz von sozialen Konstruktionen wie Ethnizität und „Rasse“? Warum und in welcher Weise rastern und organisieren Menschen ihre sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse danach?“ (ebd. S. 213).13

Die meta-reflexive Ebene ist meines Erachtens gewinnbringend für die psychologische Theoriebildung und Praxis. Sie lenkt den Blick auf Zwischenräume, auf das Unausgesprochene und Unaussprechbare. Es lässt sich nach den Organisationsprinzipien der Forschungssubjekte fragen sowie nach denjenigen Rastern, die die Forschenden und Praktizierenden selbst mitbringen bzw. welche Funktion diese Raster zu erfüllen scheinen. Welche Vor- und Nachteile hat es zum Beispiel, wenn eine Selbsthilfegruppe oder eine
Gruppentherapie für „Traumatisierte“ angeboten wird? Wer fühlt sich angesprochen – wer nicht und warum genau? Werden durch die solidarisch gemeinte Formulierung „Wir Traumatisierte“ spezifische Bedürfnisse von Untergruppen ausgeblendet, beispielsweise von Traumatisierten, die in der Illegalität leben? Welche Schlagkraft hätte ein zunehmend partikularisiertes „Wir“, sagen wir auf der Ebene von Bürgerrechtsbewegungen oder auch auf der Ebene von Geldgebern für Forschungs- und Praxisprojekte?14 Welche Kompetenzen sollten Gruppenmoderator_innen mitbringen, um den Bedürfnissen aller Teilnehmenden einer „Traumatisiertengruppe“ gerecht zu werden? Ein Mainstreamen dieser selbstreflexiven und kritischen Haltung, einer anti-kategorialen oder dekonstruktivistischen Position, stellt meines Erachtens eine epistemologische Bereicherung für die Lehre, Theorie und Praxis von Psycholog_innen dar.

Für die psychologische Forschungspraxis ergibt sich aus dem bisher Dargestellten, dass sich insbesondere qualitative Ansätze mit einem induktiven, selbstreflexiven Vorgehen dazu eignen, die Anzahl, die Relevanz und vor allem auch die Bedeutung der organizing principles „on the ground“ multiperspektivisch zu entwickeln (Kerner 2011, Schultz 2011, Rommelspacher 2009). Es bietet sich eine Art theoretical sampling im Sinne der Grounded Theory (Strauss und Corbin 1990) bzw. der Situational Analysis (Clarke 2005) an. Hiermit können sukzessiv Anzahl, Relevanz und Inhalte dieser organisierenden Prinzipien erarbeitet werden. Bereits bestehende Wissensbestände bzw. als relevant erscheinende Kategorien werden zu sensitizing concepts. Sie können als eine Art „Hintergrundfolie“ dazu beitragen,
scheinbar „Unsichtbares“ in den Daten sichtbar zu machen. Dabei bleibt es eine permanente Herausforderung, sich selbst als Forschende kritisch zu hinterfragen: Welche Positionen, Aspekte oder Ebenen blende ich durch meine Auswahl möglicherweise (erneut) aus?

In der deutschsprachigen Intersektionalitätsdebatte kursieren derzeit Listen mit diversen Kategorien, die „Wohlbefinden, Handlungsfähigkeit und Lebensweise beeinträchtigen, also die betreffende / betroffene Person „diskriminieren“, das heißt auf irgendeine Weise benachteiligen, behindern, zu kurz kommen lassen und leiden machen kann“ (Klinger 2012). Häufig zitiert werden die von Helma Lutz und Norbert Wenning (2001) festgelegten Differenzlinien entlang der folgenden 14 Kategorien: Geschlecht, Sexualität, Klasse, Besitz, Gesundheit, Alter, „Rasse“/Hautfarbe, Ethnizität, Sesshaftigkeit/Herkunft, geographische Lokalität (West/Rest), Nationalität/Staat, gesellschaftlicher Entwicklungsstand (modern/traditionell), Kultur und Religion (religiös/säkular). Cornelia Klinger und Gudrun-Axeli Knapp (2008) wiederum postulieren drei historisch gewachsene (und daher besonders relevante) Achsen der Differenz bzw. der Ungleichheit in Deutschland, und zwar die Trias Klasse, „Rasse“ und Geschlecht. Dazu gehören die entsprechenden Strukturgeber gesellschaftlicher Ungleichheit, namentlich Kapitalismus, Nationalismus/Imperialismus und Patriarchat. Klinger und Knapp versuchen damit eine „intersektionale Großtheorie der europäischen Moderne“ (Kerner, 2011, S. 190) zu etablieren.15 Ich schließe mich Ina Kerners Kritik und Skepsis gegenüber einer pauschalisierenden Großtheorie (unter anderem aufgrund der oben ausgeführten dekonstruktivistischen Argumente) an: „Es könnte daher sein, dass der Blick auf den Grad der historischen Relevanz bei der Beantwortung der Was-Frage der Intersektionalität gar nicht unbedingt weiterhilft, gar nicht viel zu klären hilft – dass es vielmehr von den je eigenen Forschungsinteressen und theoretischen Grundüberzeugungen abhängt, welche Kategorie oder auch: welches Set an Kategorien an den Anfang eines intersektionalitätsanalytischen Projekts gestellt werden soll“ (ebd. S. 191).

Folgt man diesen Überlegungen, erscheint eine kontinuierliche selbstreflexive Praxis unumgänglich, sowie ein Transparentmachen der eigenen Involviertheit und Interessensgebundenheit, was insbesondere in der feministischen, zumeist qualitativ orientierten Forschung seit längerem umgesetzt wird: „The researcher is always in an interested position that is based on her/his social and political allegiances. This means that “neutrality” is a myth. This situatedness of the researcher influences his or her worldview, including the view of what kinds of topics are interesting, what kinds of people to study, and what ways of studying them are seen as legitimate (Haraway, 1988)“ (Magnusson 2011, S. 101).

4. Lost in complexity? Die Frage nach der methodischen Umsetzbarkeit

Neben dem transparenten und selbstreflexiven Vorgehen aller Forschungsbeteiligten muss es bei intersektionalen Arbeiten auch darum gehen, methodisch eine gegenstandsbezogene, angemessene Komplexität herzustellen, ohne dabei in Unübersichtlichkeit abzurutschen. Wie sollen die diskriminierenden und privilegierenden Wechselwirkungen adäquat gefasst werden? Oft wird der Mehrebenenansatz von Nina Degele und Gabriele Winker (2007) angeführt, der bei der methodischen Handhabung der intersektionalen, komplexen Zusammenhänge helfen soll. Degele und Winker betrachten gesellschaftliche Strukturen und dazugehörige Institutionen als eine Makroebene. Interaktiv herausgebildete Identitäten werden von ihnen als Mikroebene, kulturelle Symboliken als eine Repräsentationsebene bezeichnet.
Die Mainstream-Psychologien fokussieren meist auf die personale oder Mikroebene, auf Individuen, deren Interaktionen, Handlungen und Identitäten, auf Subjektivitäten und Einstellungen. Das Abrücken von dieser fast ausschließlichen Individuumsbezogenheit, die eine lange Tradition innerhalb der Mainstream-Psychologien hat, wird insofern zu einer besonderen Herausforderung für intersektional Forschende und Arbeitende (Magnusson 2011).

In den Mainstream-Soziologien hingegen betrachtet man in der Regel die gesellschaftliche oder Makroebene. Der Soziologe Pierre Bourdieu (1989, 2005) hingegen nimmt sowohl die Makro- bzw. Mesoebene (die sogenannten strukturellen Herrschaftsverhältnisse) als auch die Mikroebene ins Blickfeld. Das von ihm entworfene Habituskonzept soll zwischen Struktur und agency, zwischen Makro- und Mikroebene, vermitteln. Objektive, materielle Strukturen und symbolische Ordnungen gehen ebenso in den Habitus ein wie individuelle
Wahrnehmungen, Gefühle und Handlungen. Je nach Kontext bzw. Feld wählt der Habitus als feel for the game (Adkins 2003) die passende soziale Praxis aus, wobei diese auch strukturierend auf den Habitus zurückwirkt. Nach Einschätzung von Nina Degele und Gabriele Winker (2007) kann Bourdieu allerdings nicht beantworten, wie Normen und Ideologien sowohl auf Strukturen als auch auf Individuen einwirken. Sie finden Antworten in diskurstheoretischen und poststrukturalistischen Ansätzen und entwerfen eine Repräsentationsebene, die zwischen Mikro- und Makroebene vermitteln soll.

Insgesamt gibt es zahlreiche feministische Weiterentwicklungen des von Michel Foucault inspirierten diskurstheoretischen Ansatzes, wobei derjenige von Judith Butler (1991, 1997) einer der Bekanntesten ist, zumindest im Bereich der Gender Studies.16 Im Rahmen meines Beitrags werde ich allerdings den Ansatz von Raewyn Connell (1995, Connell und Messerschmidt 2005) als ein alternatives Analyseraster vorstellen.17 Die australische Soziologieprofessorin Raewyn Connell formulierte ihren Ansatz mit dem zentralen Konzept der hegemonialen Maskulinität erstmalig im Jahr 1987. Ihr Ansatz wurde seit den 80er Jahren in einer Vielzahl empirischer Arbeiten genutzt (für einen Überblick siehe Connell und Messerschmidt 2005), dabei auch häufig kritisiert und weiterentwickelt (Demetriou 2001, Connell und Messerschmidt 2005, Christensen und Larsen 2008, Connell 2008, Lusher und Robins 2009, Coles 2009, Welsh 2010). Nachfolgend gehe ich nicht auf die zahlreichen internen Debatten ein, sondern stelle lediglich die wichtigsten, für das Intersektionalitätsparadigma relevanten Aspekte vor.

Connell (1995) unterscheidet verschiedene Maskulinitätsarten, eine Kategorisierung, die unter Umständen problematisch ist, nämlich dann, wenn sie als empirisch vorfindbare Entitäten missverstanden werden. Zu den Maskulinitätsarten zählen die hegemonialen, die untergeordneten sowie die marginalisierten Maskulinitäten.18 Wichtig dabei ist das Verständnis, dass Privilegien (in einem Bereich oder aufgrund von einer Zugehörigkeit) und Diskriminierungen (in anderen Bereichen bzw. aufgrund von anderen Zugehörigkeiten) zugleich möglich sind (Coston und Kimmel 2012). Ann-Dorte Christensen und Jørgen Larsen (2008) betonen, dass das Konzept der Maskulinitäten ein normativ-ideologisches ist und keine empirische Entität darstellt. Hegemoniale Maskulinitäten erscheinen insofern als naturgegeben und legitim, als sie sich auf Ideologien wie das Patriarchat beziehen. Diese Ideologien beinhalten eine systematische Entwertung des Anderen aufgrund von beobachtbaren Charakteristika wie beispielsweise der Genderzugehörigkeit (Lusher und Robins 2009). Die theoretisch-analytische Trennung zwischen einer patriarchalen Ideologie und den im Alltag gelebten Maskulinitäten ist insofern von Bedeutung, als ersteres eher stabil und essentiell gedacht werden kann und letzteres eher die fluiden Ausdrucksmöglichkeiten der stabilen Komponenten umschreibt. Mit dieser Sichtweise kann die relative Stabilität eines symbolisch-ideologischen Patriarchats bei gleichzeitig sich wandelnder Erscheinungs- und Ausdrucksform im Alltagsleben erklärt werden.

Festzuhalten bleibt, dass Praktiken und Ideale nicht übereinstimmen müssen. Auch die Praktiken selbst können widersprüchlich sein, Kompromisse ausdrücken oder sich ergänzen. Ähnlich wie im Mehrebenenansatz von Degele und Winker (2007) wird zwischen einer lokalen, regionalen und globalen Maskulinitätsebene unterschieden: „1. Local: constructed in the arenas of face-to-face interaction of families, organizations and immediate communities,
as typically found in ethnographic and life-history research; 2. Regional: constructed at the level of the culture or the nation-state, as typically found in discursive, political, and demographic research; and 3. Global: constructed in transnational arenas such as world politics and transnational business and media, as studied in the emerging research on masculinities and globalization” (Connell und Messerschmidt 2005, S. 849).

Die gängige Intersektionalitätsforschung bezieht sich bislang meist auf die Erforschung von Mehrfachdiskriminierten. Generell erlaubt das Konzept allerdings auch die Erforschung der „Unterdrücker“, der Mächtigen bzw. der Ressourcenstarken (Klinger 2012, Cole 2009, Rommelspacher 2009), wodurch sich unter anderem die problematische Dichotomisierung in Täter versus Opfer zunehmend auflösen und anders denken ließe. Das komplexe Wechselspiel von zeitgleichen und mehrdimensionalen Diskriminierungen sowie Privilegierungen könnte stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, wobei die eben beschriebene Maskulinitätenforschung hierfür sinnvolle Impulse liefern kann.19 Die Mechanismen der Naturalisierung und Universalisierung bestehender Vormachtstellungen können ins Blickfeld rücken. Dominanzpositionen können verdeutlicht statt verschleiert werden, wie Klinger (2012) das für die gegenwärtige Entwicklung der Intersektionalitätsforschung befürchtet. Mit einem ausgewogenen intersektionalen Ansatz kann sowohl nach den Mechanismen der Machtreproduktion als auch nach denen des Widerstands gefragt werden und danach, in welchem Verhältnis diese zueinander stehen.

Um dies zu leisten, ist es notwendig, die Mainstream-Psychologien verstärkt um einen machtkritischen, struktur-, kultur- bzw. kontextsensiblen Ansatz zu erweitern, statt ausschließlich individuumsbezogene Konstrukte und Variablen zu verfeinern. Historische, politische, ökonomische, soziale, kulturelle, religiöse und sonstige Einbettungen von Individuen, deren Überzeugungen, Entwicklungswünsche, Tugenden, Verhaltensweisen und Fähigkeiten sollten verstärkt berücksichtigt werden. Die Verschränkung dieser Kontexte und Überlegungen, wie diese möglicherweise zum Ausschluss oder zur Bereicherung Einzelner oder bestimmter Gruppen führen, können mit Hilfe eines machtkritischen Ansatzes ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.20

Möchten Psycholog_innen also die Mikroebene in ihrer Forschungspraxis erweitern, so bietet sich in diesem Zusammenhang an, sich mit relevanten institutionellen Rahmenbedingungen vertraut zu machen (wie beispielsweise dem Asylrecht und Gleichstellungspolitiken), sich mit relevanten aktuellen medialen Diskursen zu beschäftigen (beispielsweise anhand entsprechender regionaler und überregionaler Tageszeitungen, Talkshows sowie Belletristik)
und auch entsprechende Forschungsergebnisse aus anderen Disziplinen zur Hand zu nehmen (national erhobene Statistiken und soziologisch-orientierte Diskursanalysen), um sich ein kontextualisiertes, historisches und ganzheitliches Bild zu machen. Das bedeutet, einen multiperspektivischen Zugang zum Untersuchungsphänomen zu schaffen und den Kontext bzw. die Strukturen und deren Verschränktheit in die Analysearbeit sowie in die
Ergebnispräsentation einzubeziehen und kritisch zu reflektieren.21

Die Situational Analysis von Adele Clarke (2005), eine postmoderne Weiterentwicklung der Grounded Theory, zeigt mögliche Wege auf, sich einen breit angelegten, induktiv erarbeiteten Phänomenzugang zu verschaffen. In Anlehnung an Clarke lässt sich fragen, inwiefern strukturbezogene „Situationselemente“ (als institutionelle Rahmenbedingungen, rechtliche Grundlagen, ökonomische Verhältnisse, die Repräsentanz in politischen Entscheidungsgremien, diverse Normen und soziokulturelle Praktiken) sich auf die Erfahrung der oder des Einzelnen oder einer Gruppe auswirken. Inwiefern beeinflussen diese Situationselemente die Identitätswahrnehmung, Überzeugungen und das Alltagshandeln? Welche Auswirkungen haben diese alltäglichen sozialen Praxen, Interaktionen, Selbstverständnisse und persönlichen Ziele bzw. Wünsche wiederum auf die Strukturen und Institutionen sowie auf die entsprechenden normativen Ordnungen und Repräsentationen? Wie werden Differenzen bewertet? Was wird abgewertet, indem es als etwas Anderes, Abweichendes deklariert wird? Was wird dadurch zur herrschenden Norm erhoben, wenngleich diese möglicherweise unausgesprochen bleibt? Insofern kann eine sozioökonomisch, genderspezifisch und anderweitig bedingte Ungleichheit oder Übervorteilung als alltägliche soziale Praxis verstanden werden, die ebenso in soziokulturellen Strukturen verankert ist wie sie sich historisch-biographisch herausgebildet hat. Diskriminierung sowie Privilegierung finden sich also in den politischen und
ökonomischen Dimensionen des Lebens und sind gleichermaßen in die psychische Verfassung der Menschen eingeschrieben.

Die methodische Umsetzung, das heißt das Berücksichtigen mehrerer Analyseebenen, das multiperspektivische Erfassen mehrdimensionaler Erfahrungsebenen, entsprechender Normen, Strukturen und Kontexte, ist allerdings zeitaufwendig. Zudem besteht die Gefahr, dass die Komplexitätsproduktion zu einer unübersichtlichen, unstrukturierten Vielfalt führt. Daher bietet es sich an, als Psycholog_in (je nach Untersuchungsgegenstand und Fragestellung) zunächst bei der Mikroebene zu beginnen und dann schrittweise weitere Ebenen einzuschließen.

Bevor der Beitrag in Form eines Resümees geschlossen wird, möchte ich auf die methodische Umsetzbarkeit der kontinuierlichen selbstreflexiven Praxis zurückkommen. Das Intersektionalitätsparadigma eignet sich dazu, die Positionsgebundenheit aller Forschungsbzw. Praxisbeteiligten immer wieder aufs Neue zu beleuchten und zu hinterfragen.22 Laut Katharina Walgenbach (2012) kritisieren Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland, dass die „Messung des Grades an ‚Emanzipation’ so genannter ‚Dritte-Welt-Frauen’ an einem westlich definierten ‚feministischen Bewusstsein’ (Apostolidou 1980: 143; Camlikbeli 1984: 19; Tesfa 1984: 38; Uremović/Oerter 1994: 9f.)“ (ebd.) als Messlatte ausgerichtet ist. Einem ähnlichen Problem sieht man sich gegenüber, wenn man als westlich geprägte deutsche, säkulare „weiße“ Feministin Gendergerechtigkeitsvorstellungen und Selbstverständnisse von
Muslimen und Muslimas in einem javanischen Dorf erfassen möchte. Differenzfeministische, wertschätzende philosophische Ansätze wie der von Luce Irigaray (1979, 1989, 1991) können in diesem Beispiel neben internationalen Forschungssupervisionen und einem verschriftlichten Reflexionsteil wichtige Bausteine darstellen, um den islamisch gefärbten
Verständnisweisen der Frauen und Männer vor Ort gerecht zu werden. Unter einem verschriftlichten Reflexionsteil verstehe ich, die eigene feministische Haltung zu betrachten und für Lesende offenzulegen, die zugeschriebenen und eingenommenen Rollen im Forschungsfeld zu berücksichtigen sowie den Versuch, die Selbstkonstruktionen der Gesprächspartner_innen zu erkunden. Dabei geht es mir vor allem darum, die eigene Machtstellung und -ausübung während des gesamten Forschungsprozesses zu berücksichtigen und mögliche Einflüsse auf den Verlauf der Erkenntnisgewinnung transparent zu machen.23
Für eine Bewusstwerdung der eigenen Kulturgebundenheit, für eine Kontextualisierung und zugleich Relativierung können auch die Auseinandersetzung mit der lokalspezifischen, historischen Entwicklung feministischer Bewegungen und mit den aktuellen Gendermainstreaming-Bemühungen im Land hilfreich sein, sowie die Kenntnis aktueller Statistiken bezüglich Bildungsstand, Gesundheit, Arbeit usw. und international vergleichbarer Indizes wie Human Development Index (HDI), Gender-related Development Index (GDI), Gender Empowerment Measure (GEM) und Gender Poverty Index (GPI).

5. Resümee

In diesem Beitrag war ich darum bemüht, mögliche Bereicherungen durch neue Konzepte, die anderen Disziplinen entstammen, für den psychologischen Kontext auszuloten. Meine Ausführungen zeigen beispielhaft auf, dass durch „reisende“ Konzepte die eigenen disziplinären Grenzen und blinden Flecken deutlicher hervortreten können.

So schlägt Elizabeth Cole (2009) diverse Fragen vor, die sich Psycholog_innen vermehrt stellen sollten, wenn sie intersektional forschen, unter anderem diese: Wer ist in einer bestimmten Kategorie eingeschlossen, wer nicht? Diese Frage soll dafür sensibilisieren, dass das sample nur partikulare Aussagen, keine universalistisch anmutenden Fazits erlaubt und sie soll auf die Diversität innerhalb eines samples verweisen. Inwiefern sind zum Beispiel Verwitwete, Obdachlose, Jugendliche, Geschiedene oder Kinderlose abgebildet und inwiefern sind diese Facetten theoretisch relevant? Diese Art des Denkens erinnert an das Vorgehen beim theoretical sampling nach Strauss und Corbin (1990) und ist für das axiale und selektive Kodieren nötig. Für qualitativ Forschende sind dies insofern keine neueren Erkenntnisse oder Forschungspraktiken. Vielmehr können meine Ausführungen als Appell verstanden werden, diese selbstreflexiven und kritischen Überlegungen in stärkerem Maße auch als Werkzeug für die quantitative Forschungslandschaft nutzbar zu machen. Im Grunde geht es um das Eingeständnis, dass „Wissensproduktion stets ‚situiert’ und ‚partikular’ verläuft (Haraway 1991)“ (Walgenbach 2012). Oder mit den Worten der Engländerin Nira Yuval-Davis (2010) ausgedrückt: „Wir müssen die Vorannahmen sowohl von fallorientierten und variablenorientierten Methodologien auf den Prüfstand stellen, jede Naturalisierung von sozial konstruierten Ungleichheiten zurückweisen und jede Priorisierung irgendeiner Ungleichheitskategorie, sei es Klasse oder Geschlecht, kritisch hinterfragen“ (ebd. S. 198 f.). Insofern könnte die im Rahmen dieses Beitrags ausgeführte Forschungspraxis der kontinuierlichen kritischen Selbstreflexion die Validität gängiger Forschungsinstrumente, das Designen von neuen Forschungsinstrumenten und generell die epistemologische Theoriebildung bereichern. Elizabeth Cole (2009) führt einige quantitativ angelegte, psychologische Forschungsarbeiten in ihrem Artikel beispielhaft auf, in denen die Verschränktheit mehrerer unabhängiger Variablen, deren Interaktions- und Haupteffekte, berücksichtigt wurden (mittels der sogenannten multivariaten Analysemethoden bzw. der mehrfaktoriellen Varianzanalyse ANOVA). Allerdings kann hierbei das mit dem quantitativen Paradigma häufig verknüpfte (und unter Punkt zwei ausgeführte Problem) der tendenziellen Individualisierung bestehen bleiben: „Treating race and gender as independent variables suggests that these social categories are primarily properties of individuals rather than reflections of macrolevel social practices linked to inequality (Weber & Parra-Medina, 2003)“ (ebd. S. 178).

Ein vermehrt selbstreflexiver Ansatz müsste bei intersektionalen, psychologischen Studien also auch dazu führen, dass in stärkerem Maße kontextualisiert geforscht wird. Es sollten kontextinkludierende sowie strukturkritische Aussagen möglich werden, wie dies die feministischen, die Gemeinde-, Befreiungs- und Kulturpsychologien und zum Teil auch die Sozialpsychologien bereits versuchen. „A researcher’s philosophical or “qualitative stance” (Marecek 2003, p. 49) exemplified by an epistemological commitment to “situating ...investigations in specific historical, social, and cultural contexts” (Marecek 2003, p. 56) is paramount; not whether the questions they ask to measure intersectionality are qualitative or quantitative“ (Bowleg 2008,S. 317). So können auch quantitativ Forschende neben ihrem primären Datensatz auf einer Mikroebene vermehrt und systematischer auf soziokulturelle, politische, ökonomische und historische Informationen zurückgreifen, um ihre Daten zunehmend intersektional und kontextualisiert zu interpretieren. Auf diese Weise würden verstärkt Bezüge zwischen individuellen Erfahrungsinhalten und soziokulturellen, historischen und strukturellen Dimensionen des Lebens hergestellt. Diesen kontext- oder
kultursensiblen Ansatz um eine machtkritische Haltung zu erweitern, käme meines Erachtens einer gelungenen „Ankunft“ des Intersektionalitätskonzepts innerhalb der Mainstream- Psychologien nahe. Die individuellen Narrative und Subjektivitäten können dann in stärkerem Maße mit strukturell und symbolisch verfestigten Strukturen der Ungleichheit analytischinterpretativ verbunden werden. Als Forschende nähme man somit ausdrücklich eine gesellschafts-kritische Haltung ein. Es wird sich zeigen, inwiefern sich ein Konzept wie das der Intersektionalität dazu eignet, neue Impulse in die sich zunehmend vereinheitlichende, universalistisch anmutende Psychologienlandschaft zu bringen und inwiefern Erkenntnisse feministischer und kritischer Psychologien Einzug in die Mainstream-Psychologien erhalten
können.

Wird das Intersektionalitätsparadigma die „typischen“ oder angewöhnten Reaktionsweisen der Mainstream-Psycholog_innen, die Stephanie Shields (2008) so anschaulich ernüchternd beschrieben hat, zugunsten eines Erkenntnisgewinns im Sinne eines Intersektionalitätsparadigmas ändern können?24 Die schwedische Psychologin Eva Magnusson (2011) führt einen Zuwachs an Artikeln über Diversity25 in der weltweit führenden Datenbank PsycINFO für die psychologischen und angrenzenden Disziplinen seit den 70er Jahren an. Die von ihr aufgezählten kritischen und kontextsensiblen Subdisziplinen26 sind allerdings bislang eher randständig und haben nur einen äußerst begrenzten Input für die
Mainstream-Psychologien leisten können. Positiv festzuhalten bleibt jedoch, dass es Artikel wie der von Eva Magnusson (2011) und Elizabeth Cole (2009) geschafft haben, in einschlägigen Journalen veröffentlicht zu werden. Auch die Sonderausgabe des USamerikanischen Journals Sex Roles im September 2008 bezüglich Intersektionalität und sozialer Identitäten sehe ich als ein positives Zeichen.

Festzuhalten bleibt, dass „reisende“ Konzepte den Anstoß dazu geben können, eine Art „discipline reflexivity“ (Magnusson 2011, S. 95) zu betreiben, das heißt historisch gewachsene akademische Gewohnheiten innerhalb der Mainstream-Psychologien kritisch zu reflektieren. Es bleibt zu hoffen, dass die transdisziplinären Impulse – wie sie vom Intersektionalitätsparadigma ausgehen – zu neuen, produktiven Vorhaben bewegen, die entlang der oben aufgezeigten „Reiserouten“ verlaufen könnten: Eine kontinuierliche Selbstreflexivität aller Beteiligten sowie eine kontextinkludierende und struktur- bzw. herrschaftskritische methodische Herangehensweise. Die Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster, die uns in unserem psychologischen Wissenschafts- und Praxisalltag selbstverständlich erscheinen, werden hierdurch bewusst und damit auch hinterfragbar. Umgekehrt wird die disziplinäre Übersetzungsarbeit von intersektionalen Grundgedanken in die psychologischen Grundlagen- und Anwendungsfächer auch das Intersektionalitätskonzept verändern. Konzepte entwickeln sich nicht zuletzt durch ihre spezifische disziplinäre Verwendung im „Kampf der Bedeutungen“ (Smykalla und Vinz 2011, S. 11), wobei der psychologische Mainstream bislang vornehmlich mit Erkenntnissen über die (intrapsychische)
Mikroebene in der Diskussion um Privilegierung und Diskriminierung bereichern kann.27

Zur Autorin

Dipl.-Psych. Silke Schwarz ist seit 2005 für Feldforschungen nach Java, Indonesien, gereist. Ihre daraus hervorgegangene Diplomarbeit wurde bei dem Verlag regiospectra veröffentlicht (Schwarz 2011) (Inhaltsbeschreibung: http://www.regiospectra.com/fachbuch_pub_indo.htm).2008-2011 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im internationalen Forschungsprojekt „Individuelle und kollektive langfristige Bewältigung von extremem Leid
und externer Hilfe nach einer Naturkatastrophe – Sinngehalte und Emotionen“ unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Zaumseil (Internationale Akademie für Pädagogik, Psychologie und Ökonomie gGmbH an der Freien Universität Berlin, Deutschland) und Prof. Johana Endang Prawitasari-Hadiyono (Psychologische Fakultät, Universitas Gadjah Mada, Yogyakarta, Indonesien) (Projektbeschreibung: www.ewi-psy.fuberlin.de/v/ina/arbeitsbereiche/igkf/index.html). Eine Publikation bei New York Springer mit dem Titel „Cultural psychology of coping with disasters. The case of an earthquake in Java / Indonesia” ist 2013 geplant. Im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts schrieb sie ihre Dissertation über das Gendermainstreaming in einem Katastrophenkontext an der Freien Universität Berlin (Schwarz 2012) (Projektbeschreibung: http://portalintersektionalitaet.de/forschungsprojekte/schwarz/). Email: silke.schwarz[at]fu-berlin.de.

Anmerkungen:

  1. Häufig wird auch die Combahee River Collective Gruppe (1977/1995) als Ursprung des Intersektionalitätsparadigmas angeführt, eine Vereinigung afroamerikanischer Feminist_innen, die im Jahr 1977 den Gedanken der Mehrfachdiskriminierung ausführten. Deila Aguilar (2012) wählt einen historischen Ansatz und zeichnet die globalen und US-amerikanischen Entwicklungsstränge, die zum heutigen Intersektionalitätsparadigma führten, über vier Jahrzehnte nach. Auch in der feministischen Theoriebildung Deutschlands und Europas ist die Argumentationslinie einer verschränkten Diskriminierung nichts Neues (Rommelspacher 2009). Ina Kerner (2011) bewertet lediglich den begrifflichen sogenannten intersectional turn in Deutschland als neueres Phänomen seit den Nullerjahren.
  2. Ich verwende den Begriff der Mainstream-Psychologien, um allgemeinere Trends in der psychologischen Fachdisziplin zu bezeichnen, die sich unter anderem an den universitären Curricula, der inhaltlichen Gestaltung von Lehrbüchern, der Vergabe von Forschungsgeldern und an internationalen Wissenschaftspublikationen ablesen lassen. Ich verstehe den Begriff der Mainstream-Psychologien relational, das heißt in Abgrenzung zu den eher randständigen Subdisziplinen wie beispielsweise den feministischen Psychologien, die erneut vielfältige Unterströmungen zu verzeichnen haben. Für einen Überblick feministischer Psychologien siehe beispielsweise Anna Sieben und Julia Scholz (2012) und Anna Sieben (2010). Die Pluralverwendung Psychologien soll auf die Diversität innerhalb einer Disziplin bzw. Subdisziplin verweisen.
  3. Mit einem vergleichbaren epistemologischen Problem müssen sich allerdings auch qualitativ Forschende auseinandersetzen, siehe beispielsweise das Konzept-Indikator-Modell der Grounded Theory und die Diskussion um Induktion, Deduktion und Abduktion beschrieben bei Jörg Strübing (2004)
  4. Katharina Walgenbach (2012) bevorzugt den Begriff Interdependenz, um einer Essentialismuskritik zu entgehen bzw. um soziale Kategorien als heterogen herauszustellen. Insofern ginge es nicht mehr um Interdependenzen zwischen Kategorien, sondern um interdependente Kategorien an sich, argumentiert Katharina Walgenbach. Nira Yuval-Davis (2010) schlägt den Begriff Konfigurationen vor, um fließende, miteinander verwobene Stränge zu bezeichnen statt fixe und rigide Kategorien. Dennoch erscheint es sinnvoll, an bedeutungsvolle Worte und Konzepte anzuknüpfen: „[Der Begriff Intersektionalität] ist so verbreitet, dass man trotz all dieser Vorbehalte davon ausgehen kann, dass intuitiv verstanden wird, worum es geht, sobald er auftaucht“ (Yuval-Davis 2010, S. 188).
  5. PsycINFO ist die weltweit führende Datenbank für die psychologischen und angrenzenden Disziplinen. Die Datenbank beinhaltet über 3,3 Millionen Zitate und Zusammenfassungen von Zeitschriftenartikeln, Büchern, Buchkapiteln, Dissertationen und Forschungsberichten. Fast 2 500 Zeitschriften aus circa 50 Ländern werden ausgewertet. Die Datenbank wird von der American Psychological Association (APA) erstellt und wächst jährlich um circa 65 000 Literaturnachweise (http://www.apa.org/pubs/databases/psycinfo/index.aspx, Zugriff: 14.09.2012).
  6. Lisa Bowleg (2008) problematisiert zum Beispiel quantitative Verfahren stärker als Elizabeth Cole (2009): „Most of our statistical methods are implicitly additive, even when testing for interactions. In an ANOVA for example, interactions are contingent on the size of main effects. For example, when significant main effects exist, the probability of finding significant first order (a two-way interaction) or higher order interactions (three, four and n-way interactions) decreases because the significant main effects account for the bulk of the variance in the dependent variable (say, discrimination; Landrine et al. 1995). Thus, when the effects sizes of main effects are large, the probability that no interaction effect will be found is greater. When there are no main effects or just a few, predicting whether an interaction will be found and the magnitude of the interaction becomes virtually impossible (Kerlinger 1973 as cited in Landrine et al. 1995)“ (Bowleg 2008, S. 319). Für eine grundlegende Kritik am quantitativen Forschungsparadigma, das nicht nur in den Mainstream-Psychologien dominant ist (sondern auch in medizinischen oder soziologischen Untersuchungen), verweise ich beispielhaft auf Morus Markard (2010).
  7. Die Insel Java ist der ökonomische und politische Mittelpunkt Indonesiens. Im Vergleich zu den anderen indonesischen Inseln sind Infrastruktur, die medizinische Versorgung und der sozioökonomische Status auf Java besser ausgeprägt. In Indonesien leben insgesamt circa 225 Millionen Menschen. Circa 85 Prozent der indonesischen Bevölkerung bekennen sich zum Islam, wodurch es zu dem Land mit dem höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil weltweit wird (Badan Pusat Statistik und Macro International 2008).
  8. Auch Kimberlé Crenshaw (1989/2010) führt die gruppenspezifischen Erfahrungswelten von afroamerikanischen im Vergleich zu kaukasischen US-Amerikanerinnen und entsprechende gesellschaftliche Anspruchshaltungen an, um Universalismus-Utopien zu zerschlagen.
  9. Die US-Amerikaner_innen Peter Glick und Susan Fiske (1996) würden zum Beispiel komplementäre Gendergerechtigkeitsvorstellungen als wohlwollenden Sexismus bezeichnen.
  10. Leslie McCall (2005) prägte die Unterscheidung in intra-, inter- und antikategoriale Intersektionalitätsforschung. Bei der intrakategorialen Intersektionalität geht es um eine zunehmende Differenzierung innerhalb einer Kategorie, beispielsweise der der Frauen. Interkategoriale Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung verschiedener sozialer Konfigurationen, wie „Rasse“, Gender, Klasse usw., und wie diese konkretes soziales Verhalten oder die Verteilung von Ressourcen beeinflusst (Yuval-Davis 2010). Eine anti-kategoriale Intersektionalitätsforschung knüpft an ein dekonstruktivistisches Verständnis von Kategorien an.
  11. Im Bereich der soziologischen Gesundheitsforschung ist die quantitative Arbeit der US-Amerikanerin Sarah Rosenfield (2012) beispielhaft zu nennen, in der die psychische Gesundheit entlang der Intersektion Klasse, Gender, und „Rasse“ – bzw. wie sie es nennt: entlang sozialer Schichtungen – untersucht wird. Im Bereich der qualitativen Sozialforschung, die ein Nischendasein in den Mainstream-Psychologien führt, sind intersektionale Forschungsvorhaben häufiger. Zum Beispiel untersuchen Rashmi Singla und Dagny Holm (2012) den Lebensalltag von inter-ethnischen Lebenspaaren, die in Dänemark leben, und leiten daraus Vorschläge für die psychotherapeutische Praxis ab.
  12. Ein von Davina Coopers entworfener Terminus, mit welchem das „Dazwischen“ und das Dynamische besser erfasst werden soll im Vergleich zum „Kategorien“-Begriff (siehe Rommelspacher 2009).
  13. Eine kontinuierliche selbstkritische Haltung wurde von Leslie McCall (2005) missverständlich als antikategorial bzw. als ein Ablehnen jeglicher Art von Kategorisierung bezeichnet: „Bei Foucaults Gegendenken [geht es] nicht um das Ablehnen, sondern um die kritische Reflexion aktuell gebräuchlicher Kategorien durch sich genealogisch rückwärts bewegendes und dadurch unsere gegenwärtigen Gewissheiten relativierendes Historisieren“ (Kerchner 2012, S. 157).
  14. Häufig wird einer zunehmend differenzierten, dekonstruktivistischen Herangehensweise unterstellt, sie entpolitisiere und führe zu immer neuen Ausschlüssen. Mit dem Intersektionalitätsparadigma wird allerdings auch eine prinzipiell gegenteilige, das heißt eine nicht zergliedernde Strategie möglich, nämlich die des Koalierens: „Activists’ narratives suggest intersectionality is not only a tool for understanding difference, but also a way to illuminate less obvious similarities“ (Cole 2008, S. 443).
  15. Cornelia Klinger (2012) argumentiert, dass es „gravierende politische und gesellschaftliche Folgen“ (ebd.) hätte, würde man die Strukturgeber der Differenz nicht genau beschreiben und festlegen können. Lediglich auf der Mikroebene, auf der Ebene von Subjektivitäten, plädiert sie für ein exploratives Herangehen.
  16. Wenngleich die Diskurstheorie und -methodologie vielfältig ist, so ist „jedoch der Gedanke, dass ‘wir’ nicht naturgegeben existieren, sondern in Prozessen des Fremdzuschreibens sowie der kritischen Selbstdefinition als Subjekte und Gruppen überhaupt erst hervorgebracht, produziert oder konstituiert werden“ (Krechner 2011, S. 148), prägend.
  17. Raewyn Connell fokussiert wie Bourdieu auch auf die Ebene sozialer Praxen und Interaktionen, statt sich wie Butler tendenziell auf Sprachakte zu beschränken. Raewyn Connell (2012) klassifiziert ihren Ansatz selbst als relational und grenzt ihn von poststrukturalistischen Herangehensweisen, wie die von Foucault oder Butler, ab. Sie begründet ihre Ablehnung vornehmlich mit der politischen Zerfaserung bei derartigen Vorhaben.
  18. Erstere sind wie folgt definiert: „Hegemonic masculinity was understood as the pattern of practice (i.e., things done, not just a set of role expectations or an identity) that allowed men`s dominance over women to continue. [...] It embodied the currently most honored way of being men, it required all other men to position themselves to it, and ideologically legitimated the global subordination of women to men. [...] Hegemony did not mean violence, although it could be supported by force; it meant ascendancy achieved through culture, institutions, and persuasion” (Connell und Messerschmidt 2005, S. 832). Zu den untergeordneten Maskulinitäten zählt Connell (1995) beispielsweise Homosexuelle (Genderzugehörigkeit und sexuelle Orientierung werden hier zu organizing principles deklariert). Arme sowie Angehörige ethnischer Minderheiten werden hingegen als marginalisierte Maskulinitäten bezeichnet (hier gelten sozioökonomischer Status und ethnische Zugehörigkeit neben der Genderzugehörigkeit als organizing principles). Bereits Kimberlé Crenshaw (1989/2010) wies auf diese männlichen Herrschaften hin, auf die Komplizenschaften, die insbesondere die untergeordnete Maskulinität der Hegemonialen zugesteht, um an der „patriarchalen Dividende“, wie es Connell nennt (1995) teilzuhaben: „Dies bedeutet, dass andere, nicht-dominante Männer an dem Verhalten, den Glaubensinhalten oder den Handlungen, die zur Debatte stehen, womöglich nicht teilhaben und ihrerseits selbst Opfer „männlicher“ Machtausübung sein können. In anderen Kontexten jedoch können auch nicht-weiße [nonwhite] Männer „männliche Herrschaft“ ausüben, insbesondere im privaten Bereich“ (ebd. S. 45).
  19. Ein Beispiel ist die Studie von Bethany Coston und Michael Kimmel (2012).
  20. Eine machtkritische Perspektive auf Strukturen der Ungleichheit ist meist politisch aufgeladen und mit „Kampfbegriffen“ (Klinger 2012) wie Patriarchat, Nationalismus oder Kolonialismus besetzt. Diese politische Färbung trägt unter Umständen dazu bei, dass dieser Ansatz in wissenschaftlichen Kreisen weniger legitim, neutral und „wissenschaftlich korrekt“ erscheint und daher auf Widerstände stößt.
  21. Ein ähnliches Vorgehen bietet sich auch für den Beratungs- und Therapiealltag von Psycholog_innen an. Anstatt ausschließlich individualpsychologische Problemdeutungen und Lösungen zu erkunden, könnte man zudem gesamtgesellschaftliche und normativ-kritische Bezüge gemeinschaftlich erarbeiten. Ein Beispiel hierfür sind feministische Therapien, siehe www.psychotherapienetzwerk.de/infobuero/therapie/humanistische/feministische/feministische.htm (Zugriff: 22.09.2012).
  22. Darüber hinaus ist das Arbeiten in anderen Kulturen, wie Bourdieu (2005) bereits feststellte, ein besonders passendes Werkzeug, sich selbstkritisch zu hinterfragen und die eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zu explizieren.
  23. In meiner Dissertationsschrift war ich darum bemüht, diese Aspekte selbstkritisch offenzulegen (Schwarz 2012). Ein weiteres anschauliches Beispiel für diesen Ansatz ist der Artikel des schweizerischen, in Amerika lebenden, homosexuellen Historikers und Anthropologen Stephan Mieschers (2008), in welchem er seine Rolle als Forscher in anderen kulturellen Kontexten kritisch und intersektional reflektiert: „As researchers, we are not just gendered beings. Other social categories such as age, marital status, class, and race are crucial in our reception and perception” (ebd. S. 229). Auch in dem Beitrag von Ulrike Schultz (2011) wird, angelehnt an die diversen Phasen eines qualitativen Forschungsprojekts, die eigene Ethnizität anschaulich intersektional reflektiert.
  24. Eine typische Reaktion bestehe darin, intersektionale Fragestellungen als außerhalb der psychologischen Disziplin liegend zu verstehen („Damit sollten sich die Soziolog_innen beschäftigen!“). Eine weitere bestehe darin, intersektionale Fragestellungen auf ein ungewisses Später zu verschieben, auf einen Zeitpunkt, zu welchem angemessene Theorien und Methodologien bestehen („Ich bin mir der Wichtigkeit des intersektionalen Ansatzes bewusst; leider kann ich das aber nicht angemessen berücksichtigen, da entsprechende Umsetzungsmöglichkeiten noch fehlen.“). Derartige Eingeständnisse werden gerne abschließend bezüglich der Grenzen der eigenen Untersuchung genannt. Und schließlich würden Psycholog_innen auch dazu tendieren, die Komplexität, die mit einem intersektionalen Ansatz einhergeht, erneut zu reduzieren (Shields 2008).
  25. Sucht man in der PsycINFO-Datenbank nach intersectionality werden allerdings keine Treffer angezeigt. Erst durch Hinzunahme weiterer Datenbanken wie JSTOR, PsychCRITIQUES, PSYNDEX oder Project Muse wird man fündig. Zum Verhältnis von Intersektionalität und Diversity als theoretische Konzepte verweise ich auf das von Sandra Smykalla und Dagmar Vinz (2011) herausgegebene Sammelwerk „Intersektionalität zwischen Gender und Diversity“. Im Grunde geht es bei Intersektionalität explizit um Macht, Herrschaft und Dominanz. Bei Diversity geht es allen voran um Vielfalt und deren Anerkennung.
  26. „There are now fields such as cultural psychology; socio-cultural psychology; cross-cultural psychology; narrative psychology; feminist psychology; masculinity studies in psychology: lesbian, gay, trans and queer psychologies; critical psychology; discursive psychology; discourse analysis in psychology; post-colonial psychologies; psychological disability studies; critical race studies in psychology; critical theoretical studies of psychotherapy; narrative and feminist approaches to psychotherapy; psychology approaches to intersectionality theory“ (ebd. S. 89).
  27. Ich danke Dipl.-Psych. Michael Aerts für die Korrekturen und das Lektorat dieses Beitrags.

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06.10.2021