{"id":13,"date":"2022-04-12T17:20:48","date_gmt":"2022-04-12T15:20:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/?p=13"},"modified":"2022-05-16T01:38:48","modified_gmt":"2022-05-15T23:38:48","slug":"panel2-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/panel2-1\/","title":{"rendered":"Panel 2: Verstehende Algorithmen \u2013 Algorithmen verstehen"},"content":{"rendered":"<p><p>Veranstalter*innen: Prof. Dr. Claudia de Witt, Dr. Christian Leineweber, Vanessa Meiners<\/p>\n<p>Eine Hermeneutik, die sich als digital begreifen und profilieren m\u00f6chte, verweist ganz wesentlich auf die Methode, sprachlich kommunizierten und maschinell berechneten Sinn zu verstehen. Mensch und Maschine treten so in ein Netzwerk von kommunizierten und kommunizierbaren Verst\u00e4ndnissen. Dies setzt nicht mehr nur ein Verstehen der Welt, sondern dar\u00fcber hinaus auch verstehende Algorithmen und ein Verstehen der Algorithmen voraus. Unser Panel widmet sich diesem \u203aDoppelspiel\u2039 mit dem Ziel, die Beziehung zwischen menschlichem und maschinellem Verstehen in unterschiedlichen Facetten zu (de-) konstruieren.<\/p>\n<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gibt es bleibende Unterschiede zwischen Informationsverarbeitung und Sinnverstehen?<\/h2>\n\n\n\n<p style=\"font-size:18px\">Prof. Dr. Matthias Kettner (Universit\u00e4t Witten\/Herdecke)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnen wir das Verh\u00e4ltnis von Informationsverarbeitung und Sinnverstehen verstehen, wie theoretisch aufschl\u00fcsseln? Ich w\u00e4hle als Bezugsproblem die Funktion(en) von Welterschlie\u00dfung und erprobe folgende Kontrasthypothese: w\u00e4hrend die prim\u00e4re Funktion von Welterschlie\u00dfung durch Maschinenlesbarkeit die <em>algorithmisierbare Informationsverarbeitung<\/em> ist, ist die prim\u00e4re Funktion von Welterschlie\u00dfung durch Sinnverstehen die<em> kommunizierbare Situationsorientierung<\/em>. Wenn es im Rahmen steil naturalistischer Positionen von Computer- und Kognitionswissenschaft so erscheint, als sei menschliches Sinnverstehen letztlich \u201eauch nur eine Form von Informationsverarbeitung\u201c, erscheint dies von der Warte einer Hermeneutik-Theorie, die Sinnverstehen als Zug\u00e4nglichwerden fremden mentalen Lebens unter Lebewesen mit mentalem Eigenleben und gemeinsamer Sprache (d.h. unter Personen, nicht Maschinen) begreift, absurd reduktionistisch. Beides ist zu einfach. L\u00e4sst sich diskurspragmatisch differenzierter \u00fcber Unterschiede von Information und Sinn nachdenken?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Matthias Kettner<\/em> ist Professor f\u00fcr Philosophie und Diplompsychologe. Er hat bei bei Karl-Otto Apel und J\u00fcrgen Habermas mit einer Schrift zu Hegel in Frankfurt promoviert und sich mit einer Schrift \u00fcber Perspektiven der Diskursethik habilitiert. Seit 2002 hat er den Lehrstuhl f\u00fcr Praktische Philosophie an der Universit\u00e4t Witten\/Herdecke inne und seit 2021 ist er Seniorprofessor in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Analog\/digital \u2013 (wie) spricht der Zettelkasten Niklas Luhmanns?<\/h2>\n\n\n\n<p style=\"font-size:18px\">Dipl.-Soz. Johannes Schmidt (Universit\u00e4t Bielefeld)<\/p>\n\n\n\n<p>Niklas Luhmann (1927\u20131998) war einer der letzten Gro\u00dftheoretiker der Soziologie. Er hat \u00fcber 30 Jahre lang kontinuierlich an einer universalen Theorie der modernen Gesellschaft gearbeitet. Letztlich kann man nahezu alle Publikationen Luhmanns \u2013 und das waren bereits zu Lebzeiten mehr als 50 B\u00fccher und 500 Aufs\u00e4tze \u2013 als Beitr\u00e4ge zu diesem Werk verstehen. Die Grundlage seiner wissenschaftlichen Arbeit war eine schlie\u00dflich ca. 90.000 Zettel umfassende Notizensammlung, die Luhmann zwischen 1952 und 1997 anlegte und in der er seine Lekt\u00fcreergebnisse und Theoriefortschritte dokumentierte. Diese Sammlung war aber nicht nur eine Ged\u00e4chtnisst\u00fctze \u00fcber Gelesenes, sondern zugleich ein Denkapparat und eine Publikationsmaschine. Der Zettelkasten wird nun im Rahmen eines Nachlasseditionsprojekts transkribiert und digitalisiert (niklas-luhmann-archiv.de).<\/p>\n\n\n\n<p>Luhmann bezeichnete die heterarchisch organisierte Sammlung als ein \u201ekybernetisches System\u201c; seine Selbstauskunft war, dass nicht er, sondern der Zettelkasten seine vielen Texte schreiben w\u00fcrde. Dieses (Under)Statement war f\u00fcr den analogen Kasten wenig \u00fcberzeugend: der Kasten ben\u00f6tigte, um als Textgenerator zu funktionieren, ganz offenkundig einen Operateur, der eine Einstiegsfrage formulierte, die Zettel heraussuchte und die darauf zu findenden Argumente schlie\u00dflich in eine sinnvolle und lineare, textkompatible Ordnung bringen musste. \u00c4ndert sich etwas an dieser Abh\u00e4ngigkeit von einem sinnverstehenden Au\u00dfenhalt, wenn der Kasten nun digitalisiert wird? F\u00fchrt die Edition also \u00fcber eine (nur) digitale Rekonstruktion des analogen Vorbilds hinaus, indem sie die Sammlung auf eine andere Weise mit sich selbst ins Gespr\u00e4ch bringt? Wird der Kasten also erst jetzt zu einem kybernetischen System, das neue Formen des Sinnverstehens erm\u00f6glicht?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Seit 2015 ist <em>Dipl.-Soz. Johannes Schmidt<\/em> wissenschaftlicher Koordinator des Akademieprojekts \u201eNiklas Luhmann \u2013 Theorie als Passion. Wissenschaftliche Erschlie\u00dfung und Edition des Nachlasses\u201c (<a href=\"https:\/\/niklas-luhmann-archiv.de\">https:\/\/niklas-luhmann-archiv.de<\/a>) an der Universit\u00e4t Bielefeld.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der R\u00fcckschlag der Apparate auf das Bewusstsein: Vil\u00e9m Flusser, Don Ihde und eine erweiterte Hermeneutik<\/h2>\n\n\n\n<p style=\"font-size:18px\">Dr. Daniel Irrgang (Weizenbaum Institut\/Universit\u00e4t der K\u00fcnste, Berlin)<\/p>\n\n\n\n<p>Flusser stand mit seinen Thesen zu den Funktionen von Apparaten nicht nur neueren medientheoretischen Positionen (u.a. Galloway, Morozov) nahe, sondern auch den Science Studies, die in den letzten rund 30 Jahren die Rolle von Instrumenten und Materialit\u00e4ten f\u00fcr Verstehen und Erkenntnis von einer funktionalistischen Peripherie ins Zentrum der Debatten verschoben haben. In diesem Vortrag soll Flussers Apparat-Begriff mit Theorien aus den Science Studies aufgeschlossen werden, insbesondere mit den postph\u00e4nomenologischen Schriften Don Ihdes. In seinem <em>instrumental realism<\/em> geht dieser davon aus, dass (wissenschaftliche) Erkenntnis in einem doppelten Sinne verk\u00f6rpert ist: einerseits durch den K\u00f6rper des Instruments, welches das epistemische Objekt ph\u00e4nomenotechnisch (Rheinberger\/Bachelard) erm\u00f6glicht, andererseits durch den K\u00f6rper der\/des Forschenden selbst, der r\u00e4umlich\/sozial\/kulturell verortet ist. Beide \u201eK\u00f6rper\u201c bestimmen also ma\u00dfgeblich die Darstellung und Interpretation gesammelter Daten. Um diese doppelte K\u00f6rperlichkeit als Bedingung von Verstehen anzuerkennen und kritisch diskutieren zu k\u00f6nnen, schl\u00e4gt Ihde eine <em>expanded hermeneutics<\/em> vor. Eine Hermeneutik, die einerseits von Sprache und Text auf Instrumente und ihre Darstellungen erweitert wird und die andererseits, angereichert mit ph\u00e4nomenologischen Perspektiven, der K\u00f6rperlichkeit des Verstehens Rechnung tr\u00e4gt. Um es mit Ihde zu formulieren: \u201eIt is at this very point, in the analogization of human embodiment with artifactual embodiment, that an expanded hermeneutics is called for.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Dr. Daniel Irrgang<\/em>ist Medienwissenschaftler und stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe \u201eUngleichheit und digitale Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c am Weizenbaum-Institut f\u00fcr die vernetzte Gesellschaft in Berlin, die der Universit\u00e4t der K\u00fcnste (UdK) Berlin zugeordnet ist. Er hat \u00fcber Diagrammatik und <em>Expanded-Mind-<\/em>Theorien promoviert und war zwischen 2016 und 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent des Rektors an der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Gestaltung (HfG) Karlsruhe und zwischen 2013 und 2016 wissenschaftlicher Leiter des Vil\u00e9m Flusser Archivs an der UdK Berlin. Daniel Irrgang ist Affiliated Researcher am Center Art as Forum an der Universit\u00e4t Kopenhagen (Marie Sk\u0142odowska-Curie Fellowship).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es bleibende Unterschiede zwischen Informationsverarbeitung und Sinnverstehen? Prof. Dr. Matthias Kettner (Universit\u00e4t Witten\/Herdecke) Wie k\u00f6nnen wir das Verh\u00e4ltnis von Informationsverarbeitung und Sinnverstehen verstehen, wie theoretisch aufschl\u00fcsseln? Ich w\u00e4hle als Bezugsproblem die Funktion(en) von Welterschlie\u00dfung und erprobe folgende Kontrasthypothese: w\u00e4hrend die prim\u00e4re Funktion von Welterschlie\u00dfung durch Maschinenlesbarkeit die algorithmisierbare Informationsverarbeitung ist, ist die prim\u00e4re Funktion [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":361,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,4],"tags":[],"class_list":["post-13","post","type-post","status-publish","format-gallery","has-post-thumbnail","hentry","category-panel2","category-tag1","post_format-post-format-gallery"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":461,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13\/revisions\/461"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/media\/361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/digitale-hermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}