VERSTEHEN IM VOLLZUG DIGITALER W/ENDEN
Impulse | 9:30 | Senatssaal
Moderation: Robert Schulz (FernUniversität in Hagen)
Peter Risthaus
Im Suchschlitz von Chat-GPT gibt sich diese KI ganz hermeneutisch, denn in ihm ist bereits die Anforderung unterlegt: ‚Stelle irgendeine Frage‘. Friedrich Schlegel hat in einem seiner Fragmente davon gesprochen, dass es einen hermeneutischen Imperativ gibt: ‚Verstehe!‘. Befehlen lassen möchte sich die KI anscheinend vorerst nichts. Gibt man ‚Verstehe‘ ohne Ausrufezeichen ein, erhält man zur Antwort: ‚Klar! Was genau möchtest du verstehen? Gib mir einfach mehr Kontext, und ich helfe dir gern weiter.‘ Handelt es sich um eine intelligente Antwort? Ergänzt man das Wort durch ein ‚!‘, gibt sich ein anderer Satz aus: ‚Super! Wenn du Fragen hast oder etwas genauer erklärt haben möchtest, sag einfach Bescheid. 😊‘. Hans Georg Gadamer hat nicht allein den Grundsatz formuliert: ‚Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache‘, sondern den Akt des Verstehens als ‚Horizontverschmelzung‘ bezeichnet. Aber hat der digitale Raum eigentlich einen Horizont?
Dennis Möbus
Verstehen – das wird in den Digital Humanities auf zwei Ebenen zum Thema: Können mit hermeneutischen Mitteln digitale Prozesse verstanden werden? Und können digitale Prozesse selbst hermeneutische Mittel werden, am Ende also selbst verstehen? Am Anfang, so scheint es, war es noch ganz einfach: imperative Programmierung, logische Schlussfolgerungen, Prozess verstanden. Nein, sagte Joseph Weizenbaum schon vor einem halben Jahrhundert, Black Boxes habe es auch vor der modernen KI schon gegeben: tausende, zehntausende, hunderttausende Zeilen Code, aufgeteilt in zig Module, geschrieben von ganzen Teams spezialisierter Entwickler:innen können von einem einzelnen Menschen nicht durchdrungen und verstanden werden. Heute können wir natürlich-sprachig mit unseren Programmen interagieren – in einer fingierten Dialogsituation wird das Verstehen simuliert, das ‚Reasoning‘ der Maschine offengelegt. Dabei spielt der Zufall – in der Geschichte der KI-Forschung immer wieder als wesentliches Kriterium für eine Künstliche Intelligenz diskutiert – eine entscheidende Rolle. Die Algorithmenkritik, die sich von der Programmcodeexegese gelöst und dem Vergleich von Output unter Veränderung einzelner Variablen zugewandt hat, stellt das vor große Herausforderungen: der Output eines LLMs ändert sich auch, wenn keine Variable geändert wird, bei jedem Programmdurchlauf. Sind wir am Ende der Kritik angelangt? Und was kann uns das über das Verstehen sagen? Sagt die notorische Lust am Un-Black-Boxing möglicherweise mehr über die wohl niemals endende Suche, das eigene Verstehen zu verstehen?
Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten
Das Erforschen mehr-als-menschlicher Lebewesen wie Pflanzen, Mikroorganismen und Pilzen sowie die multimediale Erfahrung ihrer Geschichten, sind Mittelpunkt der künstlerischen Praxis von Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten. Seit neun Jahren arbeitet das Künstler*innen-Duo gemeinsam in unterschiedlichen institutionellen Zusammenhängen und Kontexten. Ausgangspunkt der künstlerischen Projekte sind vielschichtige Ensembles menschlicher und mehr-als-menschlicher Lebewesen ihrer Gegenwart in der Technosphäre, deren Geschichten in Performances und multimedialen Installationen inszeniert werden. Diese basieren nicht selten auf einer komplexen Narration, welche von Protagonist*innen vermittelt werden, die auf eben jenen mehr-als-menschlichen Erdbewohner*innen basieren: digitalen Wesen, Hybriden aus Natur und Technik ähnelnd – abstrahiert als digitale 3D-animierte Charaktere –, die in musicalhaften Umgebungen performen.
Die Arbeiten fordern auf verschiedene Weisen zu einem Perspektivwechsel auf. So basieren die Narrationen auf umfangreichen Recherchen, die der künstlerischen Produktion vorangestellt sind. In fiktiven Welten, die auf Fakten basieren, werfen die Künstler*innen die Frage auf, wie es wieder möglich ist, Teil des Organismus Natur zu werden und welche Erzählungen es hierfür braucht, um ein empathisches Moment gegenüber der als selbstverständlich gegebenen Umwelt zu werden. Digitale Technologien ermöglichen ein spielerisches und vielgestaltiges Verstehen und schaffen einen erweiterten Möglichkeitsraum, Erzählungen erfahrbar zu machen. Gleichzeitig entwickeln sich diese Räume konstant weiter und bieten immer wieder neue Herangehensweisen, die aus unserem digitalen Alltag schöpfen.