YOU AND I ARE I AND YOU
Residency 2 des Dortmunder U | 13:30 | Foyer
Manuel Talarico
Moderation: Anna Rumeld (Dortmunder U)
Abstract
Welche Wende – welches Ende droht durch Deepfake-Technologie?
Digitale Masken wie Deepfakes und KI-Avatare verändern Identität und Vertrauen grundlegend. Nach dem weltweit ersten Streik gegen KI-Nachbildungen in Hollywood 2023 und Dänemarks neuem Gesetzentwurf, der äußere Merkmale persönlicher Identität – Stimme, Gesicht, Körper – urheberrechtlich schützt, drängt sich die Frage auf: Wo bleibt Empathie in einer Welt, in der alles manipulierbar ist?
You and I are I and You (AT) forscht an der Schnittstelle von Medienkunst, Performance und Virtual Production. Performer*innen tauschen in Live-Experimenten Gesicht und Stimme mittels Face Swapping, Motion-Capture und Deepfake-Technologie. Ein zweiter Ansatz bezieht sich auf Dan Grahams Spiegel-Performances zur Betrachtung und Beschreibung des Verhaltens der Zuschauenden sowie seinen Time Delay Room (1974), der mediale Zeit erfahrbar macht.
Während Spiegelungen flächig und seitenverkehrt sind, erzeugen Deepfakes eine punktgenaue, dreidimensionale Identitätsüberlagerung. Dieser ‚erweiterte Spiegelmoment‘ irritiert visuell und körperlich, destabilisiert Selbstbild und leibliches Gedächtnis. Das Projekt fragt: Fördert diese radikale Spiegelung Empathie – oder zerstört sie sie?
Der Vortrag wirft einen spekulativen Blick auf die ästhetische und ethische Ambivalenz dieser Technologien und lädt ein zur Diskussion über digitale Dis/Kontinuitäten.
Bio
Manuel Talarico studierte Freie Kunst an der Kunstakademie Münster in den Klassen von Aernout Mik und Daniele Buetti, der ihn 2014 zum Meisterschüler ernannte. Seine künstlerische Praxis bewegt sich transdisziplinär an den Schnittstellen von Performance, Film/Video und Theater. In seinen Arbeiten erforscht er Narrative, Figuren und Bühnenkonzepte im Spannungsfeld zwischen persönlichen, popkulturellen und historischen Referenzen. Elemente seiner wissenschaftlichen Ausbildung in Biologie (Studien in Münster und Cambridge) fließen punktuell in seine Projekte ein.
Seine Arbeiten wurden europa- und asienweit gezeigt, u. a. in der Bundeskunsthalle Bonn, im Landtag Düsseldorf, in der Kunsthalle Münster, im Kunstverein Ulm, im Ringlokschuppen Ruhr, in der Hilger BrotKunsthalle, bei Add+Art Barcelona und im Lian Art Space Shanghai. 2023 zeigte der Kunstverein Kreis Gütersloh seine erste umfassende Einzelausstellung. Für die Video-Performance 11 12 13 erhielt er 2021 den NRW.Bank.Kunstpreis. 2025 wurde ein Kurzfilmstoff von Talarico für eine Entwicklungsförderung von der Filmwerkstatt Münster ausgewählt.
Aktuell erforscht Talarico mit einem Medienkunst-Fellowship des Landes NRW die Möglichkeiten, KI im Kontext von Deepfakes als Empathie-Generator nutzbar zu machen. Seit dem Wintersemester 2024/25 hat er einen Lehrauftrag zu Performance im digitalen Raum an der Kunstakademie Münster. Parallel arbeitet er als Bühnen- und Kostümbildner für Theater und Film und ist als Performer u. a. in der Grimme-Preis-prämierten Serie Haus Kummerveldt (WDR/ARTE) zu sehen. Talarico lebt und arbeitet in Berlin.