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„Global-lokal“ – Migration und Identität. Kulturtransfer und lebensgeschichtliche Erinnerung im lokalen Raum

Unter der Überschrift "Global-Lokal" haben sich Geschichtswissenschaftler des Historischen Instituts und des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen mit LehrerInnen und SchülerInnen mehrer Schulen aus Hagen und Lüdenscheid zusammen­gefunden, um gemeinsam auf historische Spurensuche im eigenen Lebensumfeld zu gehen. Ausgehend von dem Begriffspaar "Migration und Identität" strebt das Vorhaben an, sowohl Einflüsse fremder Kulturen in der Alltagsrealität aufzuspüren und ihre Bedeutung für Selbstwahrnehmung und Identitätsbildung zu bestimmen als auch erfolgreiche oder miss­lungene Integrationswege zu nachzuverfolgen. Auf der Basis aktueller historio­graphischer Forschungsansätze bedienen sich die SchülerInnen der Instrumentarien der biographischen Forschung: des (narrativen) Interviews nach der Methode der Oral History, der Recherche nach Tagebüchern, Briefen und anderen schriftlichen Dokumenten sowie nach Hinter­lassen­schaften Erinnerungsstücken und weiteren personenschichtlichen Spuren.

Das Vorhaben verfolgt vor allem zwei Ziele. Zum einen gewährt es Schülern und Lehrern einen Einblick in aktuelle geistes- und sozialwissen­schaftliche Forschung. Zum anderen betraut es Schülerinnen und Schüler mit kleineren, eigenständigen Forschungsprojekten und vermittelt ihnen auf diese Weise Fragestellungen und Methoden der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Ansätze, auf die wir zurück­greifen werden, sind zum einen das Konzept des Kulturtransfers und zum anderen die Perspektive einer transnationalen Geschichte.

Beide Konzepte lassen sich in mehrfacher Hinsicht für unser Vorhaben "Global-Lokal" und das zentrale Begriffspaar "Migration und Identität" in ihrer historischen Dimension fruchtbar machen. Kulturtransfer und Geschichte transnational wollen herausarbeiten, welche Inter­depen­denzen zwischen Binnenentwicklungen und Außenbeziehungen bestehen und wie Außenimpulse für die Gegebenheiten eigener Lebensumstände übersetzt und transformiert wurden. Der Bezugsrahmen dieser eigenen Lebensumstände muss auch bei transnationaler Geschichte nicht die Nation sein. Kleinere regionale und lokale Einheiten sind ebenso gut denkbar. Dahinter steht als Grundgedanken die These, dass Identitätsbildung im Kleinen wie im Großen nicht ohne transkulturelle Kontakte denkbar ist. Im Mittelpunkt des Interesses stehen in beiden Fällen interkulturelle Transfer- und Rezeptionsprozesse aller Art, grenz­überschreitende Bewegungen von Menschen, Gütern, Informationen oder Ideen. Das brachte und bringt Mischformen unterschiedlichster Art hervor und führt zu "Kreolisierung" und neuen Identitäten, zur bereichernden Integration von Elementen aus anderen Kulturen. Doch entstehen aus grenzüberschreitender Verflechtung auch Konfrontationen und Konflikte, die ein Bedürfnis nach Orientierung und Abgrenzung wecken. Interkulturelle Kommunikation und Kulturtransfers verlaufen nur teilweise kognitiver Ebene. Es erscheint somit sinnvoll, einen Untersuchungsansatz zu wählen, der es erlaubt, nicht nur bewusste, sondern auch verborgene, mentale Veränderun­gen ausfindig zu machen. Hierzu erscheint uns die lebensgeschichtliche Untersuchungs­perspektive besonders gut geeignet, da mit ihrer Hilfe der Prozess­haftigkeit, Vielschichtigkeit und Emotionalität von Kulturtransfer und inter­kultureller Integra­tion auf verschie­densten Ebenen nachgegangen werden kann.

Das Vorhaben hat nicht nur vom Ansatz her lebensgeschichtlichen Charakter. Alle Teil­pro­jekte suchen einen lebenswirklichen Einstieg. Sie nutzen Anknüpfungspunkte in der Alltags­realität der SchülerInnen, um die jeweiligen Themen zu entfalten und zu erschließen. Das kann die eigene Familiengeschichte sein, aber auch diejenige von Personen, die für das persönliche oder das regionale Umfeld von Bedeutung sind oder waren. Als Anknüpfungs­punkte eigenen sich aber auch Erfahrungen im Sportverein, Beobachtungen im Familienleben oder in der örtlichen Ernährungskultur, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die SchülerInnen sollen im Verlauf des Projekts mit den Konzepten von Kulturtransfer und transnationaler Gesichte und mit dem Verhältnis von Mikro- und Makrogeschichte ebenso vertraut gemacht werden wie mit den Techniken wissenschaftlichen Arbeitens. Sie sollen lernen, Fragestellungen und Recherche­strategien zu entwickeln, werden in wissenschaftlichen Bibliotheken arbeiten und wenden die Methode der Oral History an. Lernziel ist dabei auch, sich mit den grundlegenden Fragen historischer Quellenkritik auseinanderzusetzen, die sich bei schriftl­ichen biographi­schen Quellen, Tagebüchern, Memoiren, bei bildlichen Überresten wie Filmen, Fotographien oder Porträts, aber auch bei so genannten „objektive“ Quellen wie Kirchenbüchern oder Akten des Standes- bzw. Einwohnermeldeamtes ergeben. Ein weiteres Ziel unseres Vorhabens besteht darin, Wege der Identitätskonstruktion sichtbar zu machen und Bewusstsein für die Genese der eigenen Region und die Entwicklung des Selbst­­bildes ihrer Menschen in der Auseinandersetzung mit einer Vielfalt von Außenimpulsen zu ent­wickeln. Schließlich sollen die SchülerInnen Wege und Formen multimedialer Präsentation der von ihnen gesammelten Informa­tionen und gewonnenen Erkenntnisse entwickeln und realisieren.

geändert am 23.10.2008