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Teilprojekt II

Migrationserfahrungen im persönlichen, schulischen und nachbarschaftlichen Umfeld

1. Projekt des Albrecht-Dürer-Gymnasiums

Das Projekt wurde von 31 Schülern der Klasse 10a durchgeführt. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten an dem Thema Migration und Wanderungsbewegungen der Familien der Klasse. Herausgearbeitet wurde, wo die einzelnen Familien geographisch ihre Wurzeln hatten und wie sie nach Hagen gekommen waren. Dazu wurden zunächst Stammbäume der einzelnen Familien erarbeitet. Bei einem Wochenendseminar in der Jugendherberge an der Glörtalsperre wurden auf Grund dieser Angaben Karten angefertigt. Drei Karten konnten erstellt werden: eine Welt-, eine Europa- und eine NRW-Karte. Als Ergebnis konnte festgehalten werden, dass nahezu jeder in der Klasse aus einer Familie stammt, die einen Migrationshintergrund hat. Keiner der Schülerinnen und Schüler jedoch begreift sich als Migrant, so dass man hier insgesamt durchweg von einer geglückten Integration sprechen muss. Mit Hilfe der Techniken des narrativen Interviews, die Frau Dr. Ochs bei anderer Gelegenheit den Schülerinnen und Schülern vermittelt hatte, wurden unter der Überschrift „Flucht und Emigration“ ältere Menschen befragt, die selber nach Ende des Zweiten Weltkrieges Fluchterfahrungen gemacht hatten. Die Ergebnisse wurden in Form einer PowerPoint-Präsentation zusammengestellt und während der Veranstaltung vorgeführt. Für die nächsten Wochen und Monate sind zum einen eine Exkursion ins Auswandererhaus nach Bremerhaven vorgesehen sowie die Optimierung der PowerPoint-Präsentation. Vor allem soll stärker auf die Migrationshintergründe eingegangen und die politischen Verhältnisse mit berücksichtigt werden. Außerdem ist angestrebt, die Wanderungsbewegungen nach Generationen aufzuschlüsseln.

2. Projekt des Ricarda-Huch-Gymnasiums

Die Gruppe des Ricarda-Huch-Gymnasiums hat ihr Migrationsprojekt unter die Überschrift „Flucht, Vertreibung, Exil“ gestellt. Als Einstieg diente die Anwesenheit afghanischer Schüler am Gymnasium sowie die Patenschaft, die zwischen dem Ricarda-Huch-Gymnasium und einer afghanischen Schule in der Provinz Herat besteht. Gelesen wurde deshalb der Roman von Suzanne Fisher Staples „Die Sterne über Peschawar“. In dem Roman geht es um Krieg und Vertreibung, und im Mittelpunkt stehen Kinder. Daran anknüpfend stand nicht nur der Besuch im Planetarium in Bochum auf dem Programm, sondern auch eine Auseinandersetzung mit dem „Zug der Erinnerung“, der auch auf dem Hagener Hauptbahnhof Station machte. Ein erster Besuch in der Fernuniversität diente der Vorstellung von Recherchemöglichkeiten und einem allgemeinen Ansprechen der Migrationsproblematik. Frau Ochs vermittelte in der Schule die Techniken des narrativen Interviews, und umgesetzt wurde das in Gesprächen mit einem Überlebenden der NS-Zeit und dem Interview von Frau Dadshani, einer in Hagen lebenden Afghanin. Der Besuch im Auswandererhaus in Bremerhaven, in dem auch Flucht und Vertreibung als Auswanderungsmotivation thematisiert werden, diente erneut einer breiteren Kontextualisierung. Die Schüler schlüpfen dort in die Biographien unterschiedlicher Auswanderer, lernen deren Motivation und weiteren Lebensweg kennen. Poster mit den einzelnen Lebensläufen wurden während der Veranstaltung präsentiert. Während des Ausstellungsbesuchs sind Fragebögen auszufüllen, die dann später im Unterricht ausgewertet und verglichen wurden. Zukünftig will sich die Gruppe besonders mit der Problematik der Flucht aus Afghanistan beschäftigen und dabei auch die Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland beleuchten. Eine Reihe von weiteren Interviews in diesem Kontext ist geplant.

3. Rachel-Varnhagen-Kolleg

Die Gruppe des Rachel-Varnhagen-Kollegs befasste sich ganz explizit mit einem Aspekt der Migrationsgeschichte, der einen engen lebenswirklichen Bezug hat, nämlich mit Hochzeiten, Festen und Bräuchen. Auch hier wurde mit der Technik des narrativen Interviews versucht, bei Klassenkameraden, Freunden, Verwandten oder Bekannten Traditionen und deren Wandel zu erhellen. Es galt, das Bekannte im Fremden und das Fremde im Bekannten aufzudecken, und das ist auch in einer Reihe von Fällen gelungen. Besonders deutlich wurde dieser Aspekt bei dem Besuch einer Ausstellung im Dortmunder Haus der Kulturen, die den Titel „Evit, ja ich will“ trägt. Dabei geht es um deutsche und türkische Hochzeiten. Für den weiteren Verlauf dieses Schuljahres ist eine Auseinandersetzung mit der Problematik „Zwangsheirat“ geplant.

Migration und Identität – Kulturtransfer und lebensgeschichtliche Erinnerung im lokalen Raum am 8. April 2008

Das Pelmke-Kulturzentrum stellte die Räumlichkeiten um die Begegnung zu verwirklichen: Schüler und Schülerinnen des Rahel-Varnhagen-Kollegs und der Gesamtschule Haspe trafen sich mit Vertretern und Vertreterinnen der vielfältigen Zuwanderergruppen in Hagen. Ziel war es dabei, miteinander ins Gespräch zu kommen und einen Einblick zu gewinnen in die Migrations- und Integrationserfahrungen der Menschen in der gemeinsamen Heimatstadt Hagen.

Das Treffen bildete die Auftaktveranstaltung des Projektes „Migration und Identität – Kulturtransfer und lebensgeschichtliche Erinnerung im lokalen Raum“, das vom Historischen Institut der FernUniversität in Hagen in Zusammenarbeit mit vier Hagener Schulen durchgeführt wird. Gefördert wird dieses Projekt vom Programm „Denkwerk“ der Robert-Bosch-Stiftung, die damit den Austausch von Universitäten und Schulen im Bereich der Geisteswissenschaften fördern möchte. Die Schüler und Schülerinnen sollen im Laufe des Projekts in die Lage ersetzt werden, selbständig ein kleines Forschungsprojekt im Bereich der Oral History, der mündlichen Geschichtsforschung, durchzuführen. Befragt werden sollen Angehörige in der eigenen Familie oder in der Nachbarschaft bzw. im Stadtteil zu ihren Erfahrungen der Auswanderung aus der Heimat und der Eingewöhnung in Deutschland.

Dabei sollen Menschen aus unterschiedlichen Generationen interviewt werden, um einen historischen Überblick über die Veränderungen der Zuwanderungerfahrungen in Hagen zu bekommen.

Organisiert von Kemal Ertan von der RAA in Hagen waren am Dienstagvormittag zehn Vertreter und Vertreterinnen ausländischer Gruppen aus vier Herkunftsländern in die Pelmke gekommen: Aus der Türkei, Griechenland, dem ehemaligen Jugoslawien und aus Togo. Zunächst gab Kemal Ertan einen Überblick über die spezielle Hagener Situation. Von den knapp 200.000 Einwohnern in Hagen sind ca. 29.000 Ausländer; weitere 7.000 sind eingebürgerte Zuwanderer und Zuwanderinnen. Die größte Gruppe sind türkischer Nationalität, ein weiteres Drittel stammt aus EU-Mitgliedsländern wie z.B. Italien, Griechenland oder Portugal; ein weiteres Drittel stellen aus Osteuropa Zugewanderte. Zunächst kamen nach Hagen wie anderswo in Deutschland in den 50er Jahren Italiener als Arbeitsmigranten, seit Beginn der 60er Jahre auch Zuwanderer türkischer Nationalität. Zogen sie zunächst alleine hierher, wurden im Laufe der siebziger Jahre immer mehr auch die Familien nachgeholt. Heute lebt hier die dritte Generation der Einwanderer; für die türkische Nationalität existieren in Hagen 11 Moscheen, 20 türkische Sportvereine und ein alevitischer Verein. Eine solche kulturelle Vielfalt existiert auch für die Angehörigen anderer Nationalitäten. Kemal Ertan zieht aber keine durchweg positive Bilanz: Nach seinen Erfahrungen war das soziale Klima und die Integrationsbedingungen für Zuwandererfamilien in den 70er Jahren wesentlich besser als heute. Dafür sprächen nicht zuletzt auch die Kürzungen im städtischen Etat für die Integrationsarbeit in Hagen.

Die 35 Schüler und Schülerinnen hatten nun in einer kurzen Vorstellungsrunde die Gelegenheit, die unterschiedlichen Einwanderungserfahrungen der Anwesenden Migranten und Migrantinnen kennen zu lernen. Es wurde gleich deutlich, wie unterschiedlich die Motive sein konnten, nach Deutschland zu kommen. Arbeitsmigration, politische Verfolgung, Neugier aber auch das Finden der großen Liebe konnten Gründe sein, die Heimat zu verlassen. Deutlich wurde auch, wie schwierig für viele die Anfangsbedingungen waren, als sie sich mit geringfügigen Deutschkenntnissen einer Flut von Formularen und oft alles andere als wohlmeinenden Behördenvertretern gegenüber sahen.

Nach diesen ersten Eindrücken gab es im Pelmke-Kino eine Filmvorführung eines Dokumentationsfilm über die Dortmunder Nordstadt. In diesem sozial schwachen Stadtteil leben Menschen von über 70 Nationalitäten zusammen. Danach bot sich für die Schülergruppen die Gelegenheit zu ausführlicheren Gesprächen mit den teilnehmenden Ausländervertretern und –vertreterinnen. An den Tischen wurde das Informationsgespräch aber bald auch zum Dialog. Fast Dreiviertel der Schüler und Schülerinnen haben selbst einen Migrationshintergrund und berichteten den älteren Gesprächspartnern auch über ihre persönlichen Sichtweisen von Integration und der Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurden Verabredungen getroffen, um den Kontakt aufrecht zu erhalten und intensivere Befragungen nach wissenschaftlichen Methoden durchzuführen. Dafür ist auch schon der nächste Schritt geplant: ein Wochenende in der Jugendbildungsstätte Berchum, bei dem die Schüler und Schülerinnen in der mündlichen Geschichtsforschung mittels lebensgeschichtlicher Interviews (Oral History) geschult werden.

Bericht über die Veranstaltung „Einführung in das narrative Interview“ in der Jugendbildungsstätte Berchum am 22./23.04.2008

Die Veranstaltung begann um 9.30 mit der gemeinsamen Busfahrt zur Bildungsstätte. Beteiligt waren drei Gruppen: Die Klasse von Michael Vollmer (10. Klasse, Rahel-Varnhagen-Kolleg, 10 Personen, Abendschule), die Klasse von Frau Alexandra Müller (10.Klasse, R-V-Kolleg, 22 Personen, Vormittagsschule) und die Arbeitsgruppe von Jürgen Teichert (Gesamtschule Haspe, sechs SchülerInnen).

Zum Auftakt gab es eine kurze Einführung zur mündlichen Geschichtsforschung. Dabei wurde auf die Problematik des sich Erinnerns und der subjektiven Erzählungen aufmerksam gemacht und in die grundlegende Methodik des narrativen, lebensgeschichtlichen Interviews eingeführt.

Die folgenden Einheiten sollten nun anhand von praktischen Übungen ein Gefühl für die Problematik des sich Erinnerns und der Befragung vermitteln. Zunächst wurde für die gesamte Gruppe eine gemeinsame Übung zum Thema „Mein erster Schultag“ durchgeführt. SchülerInnen und LehrerInnen berichteten dabei von ihren Erinnerungen vom Tag der Einschulung, dabei wurde u.a. die Bedeutung von tiefer gehenden Emotionen für die Plastizität der Erinnerung deutlich.

Die zweite Übungsaufgabe war darauf ausgerichtet, in Partnerinterviews zu vorgegebenen Themen (mein erster Arbeitstag (f.d. Schüler des zweiten Bildungsweges), meine Fahrprüfung, meine erster Kuss etc.) sich abwechselnd in die Rolle des Befragten und in die Rolle des Fragenden hineinzuversetzen. Die Ergebnisse der Partnerinterviews und die Probleme wurden im Anschluss im Plenum vorgestellt und besprochen.

Die letzte Übung des ersten Veranstaltungstages beinhaltete nun die Durchführung eines längeren (eine Viertelstunde) Interviews zu einem lebensgeschichtlichen Thema (Kindheits- und Jugenderinnerungen), in der die ersten beiden Phasen des narrativen Interviews geübt werden konnten. Dazu stellten sich die Betreuer den jeweiligen Gruppen zur Verfügung. Die Interviews wurden mit Aufnahmegeräten aufgenommen. In einer zweiten Phase sollte in Gruppenarbeit versucht werden, nach Abhören des Bandes die Inhalte in eigenen Worten wiederzugeben und eine Erzählung auszuwählen, die als besonders aussagekräftig und prägnant empfunden wurde. Der erste Veranstaltungstag endete mit der Präsentation und Diskussion der Gruppenarbeiten im Plenum.

Abends organisierten die älteren SchülerInnen einen Grillabend für alle Beteiligten.

Der erste Arbeitsblock des zweiten Tages war ersten Interpretationsübungen gewidmet. Dazu wurden Auszüge eines Interviews verteilt, die in Gruppenarbeit bearbeitet wurden. Aufgabenstellung war dabei, eine Inhaltsangabe der ca. ein- bis zweiseitigen Textpassagen zu verfassen und diese im Anschluss zu interpretieren. Als Hilfestellung wurde eine Kurzbiographie der interviewten Person verteilt. Bei der Bearbeitung innerhalb der verschiedenen Gruppen erhielten die SchülerInnen Hilfestellungen von ihren LehrerInnen.

Der Arbeitsblock endete mit der Präsentation der Ergebnisse der Interpretationsübungen.

Im letzten Block der Veranstaltung wurde ein Fragebogen entwickelt, der die Grundlage für die nun anstehenden Interviews durch die Schulergruppen darstellen soll. Es wurden Themenbereiche bearbeitet, zu denen die InterviewpartnerInnen befragt werden und mittels derer die Gesamtthematik des Projekts „Migration, Integration und Identität“ aufgeschlüsselt werden könnte, z.B. Wandel der Esskultur, Feste und Familienfeiern, Religion, Vereinsleben, Sprache, Nachbarschaftsbeziehungen.

Probleme und Erkenntnisse:

Es hat sich gezeigt, dass die Arbeit in einer so großen und heterogenen Schülergruppe teilweise schwierig und schwerfällig war. Bis die Aufgabenstellungen für alle Gruppen verteilt und erläutert waren, verstrich zum Teil sehr viel Zeit. Negativ wirkte sich aus, dass der Veranstaltungsraum in der Jugendbildungsstätte für vierzig Beteiligte zu klein war, was zu Stress und Unruhe führte.

Ebenso spielte das unterschiedliche Leistungsniveau eine Rolle; ein Teil der Schülergruppen begriff die Arbeitsanweisungen wesentlich schneller als die anderen, musste aber warten, bis die Aufgabenstellung von allen verstanden wurde.

Einige Schüler sind es auch nicht gewohnt, über einen längeren Zeitraum in Arbeitsgruppen selbständig eine Aufgabe zu bearbeiten.

Es scheint so, dass eine intensivere Vermittlung von Interviewmethoden besser in kleineren, beweglicheren Gruppen durchgeführt werden kann. Ebenso muss es die Möglichkeit geben, stärker auf leistungsschwächere Gruppen eingehen zu können. Das Schulungsprogramm muss besser angepasst werden auf die Leistungsfähigkeit unterschiedlicher SchülerInnentypen.

Perspektiven:

Im Unterricht soll der Fragebogen fertig gestellt werden und die Durchführung von Interviews im Rahmen des Projekts festgelegt werden. Dazu werden den SchülerInnen die für das Projekt bestellten Aufnahmegeräte zur Verfügung gestellt.

Für die anschließende Projektphase wird ein weiteres Treffen geplant, bei dem die Auswertung der Interviews angeleitet werden kann und die Formen der Präsentation besprochen werden können.

geändert am 22.06.2010