Präsenzveranstaltung

Thema:
Genre and Race

Mediale Interdependenzen von Ästhetik und Politik

Veranstaltungstyp:
Tagung
Adressatenkreis:
BA KuWi: Modul L2; Modul L4;
Ort:
Hagen
Adresse:
FernUniversität in Hagen
Gebäude 8 (AVZ) Raum B 121
Universitätsstraße 21
58097 Hagen
Termin:
22.11.2018 bis
24.11.2018
Zeitraum:
22.11.18, 15 Uhr bis
24.11.18, 15 Uhr
Leitung:
Jun. Prof. Dr. Irina Gradinari
Prof. Dr. Ivo Ritzer
Anmeldefrist:
15.11.2018
Auskunft erteilt:
E-Mail: Irina Gradinari , Telefon: +49 2331 987-4202
E-Mail: Silvana Dorothea Schmidt

4. Jahrestagung der AG Genre Studies der GfM

Die Kategorie Race gewinnt aktuell wieder stärker an politischer Bedeutung. Im Zuge des Decolonizing der Gender Studies, aber auch durch eine neue Welle von Migration und Flucht, durch Seiteneffekte der Globalisierung sowie die Entwicklungen von und in neuen Medien (soziale Medien, Chats, Fernsehserien usw.) wird Race zur zentralen Diskursfigur. An der Kategorie der Fremdheit entfalten sich dabei politische Kontroversen, welche die westlichen Gesellschaften zunehmend spalten. Auch die Debatten um die Gender Studies in Europa müssen vor dem Hintergrund eines ‚neuen’ Rassismus’ und einer grassierenden Xenophobie einer Revision unterzogen werden, da die Rückwendung zu Familienwerten, Reproduktion und Heterosexualität vor allem der Stärkung und ‚Reinheit’ der Nation und der Ausgrenzung von Geflüchteten dienen soll. Betrachtet man zum Beispiel das Internet oder neue Fernsehserien, so erscheint gerade Race als Problem, während sich Gender (vorwiegend dasjenige weißer Figuren) immer stärker differenziert. Queere Identitäten sind in den okzidentalen Kulturindustrien und in politischen (Selbst-)Repräsentationen mittlerweile gang und gäbe (auch wenn diese Emanzipation freilich nicht immer reibungslos verläuft), während ethnische und rassifizierende Zuschreibungen tendenziell problematisch bleiben. Vor diesem Hintergrund gilt es auch ein Projekt der Provinzialisierung des Westens gegenüber den Medienkulturen in Afrika, Asien und Lateinamerika voranzutreiben, die ihrerseits eigene Diskursivierungen der Kategorien von Race und Gender leisten.

Spätestens seit der einschlägigen Studie von Judith Butler, Bodies that Matter (1993), gelten Gender-Prozesse in der Subjektivierung nur noch als eine unter vielen Differenzierungen und Zuschreibungen, werden Identitäten als diskursives Geflecht anderer (auch paradoxer und widersprüchlicher) sozialwirksamer Einflüsse verstanden. Subjektivität wurde als Effekt verschiedener Diskurseinschreibungen (Butler), als regelrechte Verknotung (Bronfen) begriffen, aus der heraus ein hybrides Subjekt (Bhabha) als Effekt einer dreifachen Unterdrückung (hooks, Meulenbelt) oder intersektioneller Einwirkungen (Crenshaw, Degele/Winker) entstehe. Inspiriert von den Postcolonial Studies und der Antisemitismusforschung haben vor allem Black Studies, Migrationsforschung, Diaspora Studies und Critical Whiteness Studies auf den blinden Fleck bestehender Gender- und Identitätstheorien hingewiesen und Race aus verschiedenen Perspektiven kritisch reflektiert. Nichtsdestotrotz erscheinen die Kategorien Race, Ethnizität und Nationalität in der Theorie häufig immer noch als ein intersektionelles Anhängsel von Gender-Zuschreibungen. Auch das Verhältnis zwischen Genre als ästhetisch-kognitiver sowie epistemologischer und Race als historisch-politischer sowie institutioneller Kategorie bleibt ungeklärt, während sich der konstitutive Wechselbezug zwischen Genre und Gender mittlerweile als ein prominenter Forschungsgegenstand der Film- und Medienwissenschaft etabliert hat (zur Einführung z.B.: Liebrand/Steiner 2004, Braidt 2008). Genres gelten dabei selbst als zentrale Formen von Medialität in der populären Kultur, in denen sozial-politische Subjektivitäten herausgebildet und artikuliert werden (Hall, Neale, Gledhill u.a.).

Mit der 4. Jahrestagung der Arbeitsgruppe Genre Studies der deutschen Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) möchten wir uns dieser Forschungslücke widmen, um über Genre als wandelbare mediale Form der Wahrnehmung und Konstruktion von Race, Ethnizität und Nationalität nachzudenken. Wir möchten dabei die intersektionelle Kategorie Race im engeren (etwa als rassistische, institutionelle und historische Zuschreibung) und weiteren Sinne (Spezies) als Ausgangspunkt ästhetischer, mentaler und generell medialer Wahrnehmungsdispositionen und diskursiver Sinnstiftungsprozesse betrachten. Grundsätzlich gehen wir dabei davon aus, dass audiovisuelle Medien und das Internet bestehende Differenzvorstellungen verschoben oder neugestaltet haben, wobei sie von rassistischen hierarchischen Beziehungen nicht frei sind. In diesem Zusammenhang sei zum Beispiel auf das erhöhte Interesse der Kulturwissenschaften an medienspezifischen Untersuchungen des Exotismus oder Primitivismus hingewiesen (Kohl 1998, Schüttpelz 2005). Die Vorstellungen von Selbst und Anderen sind medial bedingt. Auch ungeklärt bleibt bis heute das Verhältnis der ‚feinen Differenzen’ zwischen Race und Ethnizität, Staatsangehörigkeit und Nationalität. Gleichzeitig sind verstärkt vor allem in Filmen/Serien neue Spezies jenseits der ‚human race‘ hervorgebracht worden, wie es für die Sci-Fi oder das Horror-Genre typisch ist: Vampire, Zombies, Werwölfe (und andere Mischwesen), Hobbits, Zwerge und Elfen sowie Cyborgs und Aliens. Die neuen Arten gehen dabei als Projektionsflächen der bestehenden Ethnizitäten und Nationalitäten in diskursanalytischen oder dekonstruktivistischen Lesarten nicht ganz auf, haben also ihre eigene mediale Existenz entwickelt. Sie wirken jedoch auf Vorstellungen bestehender rassifizierender Differenzen zurück.


Mögliche Fragen und Perspektiven sind:

- eine Revision der bestehenden Theorien der Gender, Queer, Postcolonial, Black und Diaspora Studies im Hinblick auf ihre Nützlichkeit und Erweiterung für die Race-Genre-Forschung.

- die Literazität und Audio-Visualität von Race; das Verhältnis von Genre und Race in verschiedenen Medien (auch hinsichtlich ihrer Produktion und Rezeption, Konsumtion und Vermarktung); mediale Unterschiede in Genres.

- das Verhältnis von Race und anderen Differenzen in Bezug auf die Genre-Forschung.

- Genres in Nationalkinematographien, Third Cinema, World Cinema, Autorenfilm und Hollywood-Mainstream.

- europäisches Kino und das Verhältnis von Genre und Race.

- verschiedene Fernsehformate und Race.

Irina Gradinari | 28.11.2018