Präsenzveranstaltung

Thema:
Moralistik
Veranstaltungstyp:
Präsenzveranstaltung
Adressatenkreis:
BA KuWi: Modul L3; Modul L5; MA EuMo: Modul 4L;
M.A. Neuere deutsche Literatur im medienkulturellen Kontext
Ort:
Nürnberg
Adresse:
Regionalzentrum Nürnberg
Termin:
29.11.2019 bis
30.11.2019
Zeitraum:
Fr. 29.11.2019 16:00-20:00 Uhr
Sa. 30.11.2019 10:00-18:00 Uhr
Leitung:
Prof. Dr. Uwe Steiner
Anmeldefrist:
06.11.2019
Auskunft erteilt:
E-Mail: Prof. Dr. Uwe Steiner , Telefon: +49 2331 987-2517
E-Mail: Frau Pektas (Sekretariat) , Telefon: +49 2331 987-4882

Unter der Bezeichnung „Moralistik“ kann man spezifisch literarische Formen und Verfahren verstehen, das Menschlich-Allzumenschliche zu erkunden. Dabei geht es gerade nicht darum, Moral zu predigen oder Leser und Leserinnen zu besseren Menschen zu erziehen. Moralistische Literatur zeigt sich vielmehr skeptisch, wenn jemand die Moral zu vertreten beansprucht. Auf das französische moeurs zurückgehend, umfasst der Begriff Formen, in denen die „mores“, Sitten und Gebräuche, mit literarischen Mitteln beschrieben werden. „Moralistik“, so das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, bezeichne daher „in unsystematischer From präsentierte, auf explizite moralische Belehrung verzichtende Darstellungen menschlicher Verhaltensweisen“. In diesem Sinne pflegt die Moralistik eine Haltung des Enthüllens, sie blickt hinter die Fassade der Moral- oder anderer Prätentionen, sie beschreibt mit Vorliebe die Kluft, die im sozialen Leben so oft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Auftreten und Motiven, Schein und Sein klafft. Sie benennt die Täuschungen und Selbsttäuschungen, denen wir im Verhältnis zu anderen und zu uns selbst unterliegen.

Ein Kind der Neuzeit, entsteht die Moralistik mit Michel de Montaignes Essais. Sie neigt seither zur kleinen Form, etwa, wie bei den klassischen Moralisten La Rochefoucauld, Pascal oder La Bruyère, zum Aphorismus. Auch in der Form bekundet sich ihre skeptische Haltung gegenüber theoretischen Großentwürfen, religiösen oder weltlichen Heilslehren oder systematischen Morallehren. Moralistik steht damit für eine Haltung, die noch die Modewissenschaft des 18. Jahrhunderts, die Anthropologie, maßgeblich prägen wird. Auch diese misstraut den großen Erzählungen und setzt, statt auf Deduktionen, auf die Erfahrung.

Die Präsenzveranstaltung möchte zunächst die Geschichte der Moralistik erkunden, und zwar exemplarisch an Texten von Montaigne über La Rochefoucauld bis hin zu Nietzsche und Adorno. Aber auch der Aufklärer Wieland, so die These, weist starke Bezüge zur Moralistik auf.

Nicht zuletzt aber soll es darum gehen, die Aktualität der Moralistik befragen. Inwiefern stehen Autoren wie Max Goldt oder Harald Martenstein in ihrer Tradition? Zumal sie mit der Kolumne eine einschlägig kleine Form, und mit ihr typische Haltungen des Witzes und der skeptischen Alltagszugewandtheit pflegen. Wie verhält sich gegenwärtige Moralistik zu den heutigen großen Erzählungen? Zuletzt soll Michel Houellebecqs jüngstes Buch die Bedeutung der Moralistik auch für die Form des Romans aufzeigen.

Auf dem Programm stehen u.a. die folgenden Texte:

  • Michel de Montaigne: Von der Reue
  • Ausgewählte Aphorismen klassischer Moralisten von François de La Rochefoucauld bis hin zu Friedrich Nietzsche und Theodor W. Adorno
  • Christoph Martin Wieland: Musarion. Versepos (1768; als Reclam-Heft erhältlich)
  • Max Goldt: Mademoiselle 25 Watt und das Verschwinden des Befeuchtens der Finger vorm Umblättern, Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren u.a. Texte
  • Ausgewählte Kolumnen von Harald Martenstein
  • Adam Soboczynski: Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder Die Kunst der Verstellung, Berlin 2008.
  • Michel Houellebecq: Serotonin. Roman, Köln: Dumont 2019.

Wielands Musarion, Houellebecqs Roman und Soboczynskis Buch sollten angeschafft werden. Für die anderen Texte wird Ihnen ein elektronischer Reader zur Verfügung stehen.

Zur Einführung:

Peter Werle: Moralistik, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hg. von G. Braungart u.a., Bd. II, Berlin/New York 2007, S. 633-636.

Leyla Pektas | 20.11.2019