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Der manipulierbare Embryo: Ein Experten-Workshop im Regionalzentrum Frankfurt rührt an heiße Eisen

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In Deutschland schützen vor allem zwei Gesetze die Identität und Integrität menschlicher Embryonen: das Embryonenschutzgesetz von 1990 sowie das Stammzellgesetz von 2002. Embryonen und embryonale Stammzellen dürfen nach diesen Gesetzen nicht für Forschungszwecke in Deutschland erzeugt, sie dürfen auch nicht für eine Chimärenbildung (die Vermischung von menschlichem und tierischem Erbmaterial) benutzt werden, und auch im Ausland erzeugte embryonale Stammzellen dürfen nur unter Auflagen für die Forschung herangezogen werden.

Allerdings haben sich Molekularbiologie und Biotechnologie in den letzten Jahren rasant entwickelt. So ist es heute möglich, durch Reprogrammierung aus einfachen Körperzellen totipotente Zellen – sogenannte iPS-Zellen – zu erzeugen, die embryonalen Stammzellen zumindest ähnlich oder gar gleichwertig sind. Diese iPS-Zellen wiederum können tierischen Embryonen injiziert werden, um so zum Beispiel die Entwicklung menschlicher Organe in Tieren zu veranlassen. Ebenso kann mit der CRISPR/Cas9-Technik – der sogenannten „Genschere“ – menschliches Erbgut auf tierische Embryonen übertragen werden, ohne daß dabei ein menschlicher Embryo geopfert werden müßte. Inzwischen ist sogar eine vollständig synthetische Erzeugung menschlicher Embryonen denkbar. Es würde sich dabei um Wesen handeln, die mit keinem existierenden Menschen in einem Abstammungsverhältnis stünden, sich aber gleichwohl von Menschen ihren molekularbiologischen Eigenschaften nach nicht unterschieden. Da die deutsche Gesetzeslage zu diesen und ähnlichen Szenarien schweigt, stellt sich die Frage, ob aktuell an eine Ausweitung des Embryonenschutzes gedacht werden sollte oder in anderer Hinsicht Grenzen durch den Gesetzgeber zu ziehen sind.


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Mit dieser zunehmend drängenden Frage beschäftigte sich ein Experten-Workshop, der am 10. und 11. Januar 2019 im Regionalzentrum Frankfurt der FernUniversität Hagen stattfand. Der Workshop wurde im Rahmen einer Kooperation des Lehrgebiets Philosophie II (Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann) mit dem an der Katholischen Universität Eichstätt angesiedelten BMBF-Projekt „Der manipulierbare Embryo“ realisiert, in dem es speziell um die Klärung des gesetzgeberischen Handlungsbedarfs angesichts der neuen biotechnologischen Möglichkeiten geht. Dabei schlug der Bonner Verfassungsrechtler Prof. Dr. Christian Hillgruber vor, „eine Ausdehnung des Embryonenschutzes für die Fälle zu erwägen, in denen sich bloße Pluripotenz in Totipotenz verwandeln läßt“ – dies würde die Arbeit mit iPS-Zellen betreffen. Sein Passauer Kollege Prof. Dr. Hans-Georg Dederer sah darin eine verfassungsrechtlich zwar zulässige, aber nicht zwingende Normierung, insbesondere, wenn Totipotenz mit iPS-Zellen nur vorübergehend gegeben sei. Ein ethisches Problem, das vollkommen synthetisch erzeugte Embryonen stellen würden, stellte das Mitglied des Deutschen Ethikrats, Prof. Dr. Reinhard Merkel (Hamburg) zur Diskussion: zeigt sich an diesen „Entitäten“ nicht, so Merkel, daß für den Schutz des menschlichen Embryos überhaupt „spezifische Eigenschaften“ und nicht „die biologische Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies“ entscheidend sind? In diesem Zusammenhang erinnerte dann freilich Merkels vormaliger Kollege aus dem Ethikrat, der Mediziner und Philosoph Prof. Dr. Dr. Thomas Heinemann (Vallendar), daran, daß eine normative Differenz zwischen dem „natürlichen menschlichen Embryo“ und einem „artifiziell erzeugten“ bestehen bliebe und eine Gefahr hauptsächlich dann drohe, „wenn die neuen Manipulationsmöglichkeiten unser lebensweltliches Verständnis vom Embryo in Frage stellen würden“.

Auf der Tagung informierte der Bochumer Biologe Prof. Dr. Klemens Störtkuhl die Teilnehmer – auch an Hand eigener Arbeiten – sehr anschaulich über die technisch-praktische Seite der Frage nach der Chimären- und Hybridbildung oder der Erzeugung synthetischer Embryonen. Dabei wurde deutlich, daß neben dem Erkenntnisinteresse besonders die Erschließung der Möglichkeiten einer Organzucht für den Menschen in Tieren das leitende Motiv bildet. Der Eichstätter Tagungsleiter, Prof. Dr. Markus Rothhaar, plädierte zuletzt angesichts der neuen Möglichkeiten dafür, den spezifischen Schutz der menschlichen Lebensform nicht aus dem Auge zu verlieren und dabei auch den Aspekt der individuellen natürlichen Selbsterhaltungstendenz menschlichen Lebens als Kriterium heranzuziehen. Dieser Schutz, so Rothhaar, wäre allenfalls auch auf künstlich erzeugte Wesen auszudehnen, wenn diese sich typischerweise wie der natürliche Mensch auf Personalität hin entwickeln sollten. Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann, der unter anderem über die biopolitischen Folgen einer „entgrenzten öffentlichen Verfügung über das biotische Substrat menschlicher Existenz“ gesprochen hatte, zeigte sich mit dem Ertrag des Workshops sehr zufrieden: „In interdisziplinärer Arbeit haben wir ein hochdifferenziertes Problembewußtsein entwickelt. Dabei sind Eckdaten deutlich geworden, die eine künftige Gesetzgebung nicht übergehen kann, wenn sie den Stand der Wissenschaft wie auch den Menschenwürdeschutz ernstnehmen will“, so Hoffmann. Die Tagungsergebnisse sollen in absehbarer Zeit publiziert werden.

Helge Köttgen | 13.02.2019
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