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Forschung

Hier finden Sie einen Überblick über die Forschungsprojekte des Lehrgebiets III, Praktische Philosophie: Technik, Geschichte, Gesellschaft.

Theorien der Anerkennung (Bedorf, Herrmann)

Theorien der Anerkennung leisten heute einen zentralen Beitrag zur theoretischen Erschließung sozialer Relationen inner- und außerhalb von Institutionen. Die Forschungen des Lehrgebiets zielen in diesem Zusammenhang weniger auf eine Beantwortung der noch offenen Fragen dieses ausdifferenzierten Theoriefeldes, sondern auf die prinzipielle These, daß Theorien der Anerkennung, die zumeist die Symmetrie der sich Anerkennenden bereits voraussetzen, vom asymmetrischen, verkennden Verhältnis von Selbst und Anderem her verstanden werden müssen. Werden Anerkennungsverhältnisse an einer Theorie der Alterität gemessen, so wird man sich vom Optimismus normativen Fortschritts der meisten Anerkennungstheorien verabschieden müssen.


Aus dem Zusammenhang des Projektes ist bereits erschienen:

  • Thomas Bedorf, Verkennende Anerkennung. Über Identität und Politik, Berlin: Suhrkamp 2010.

Symbolische Verletzbarkeit. Die doppelte Asymmetrie des Sozialen (Herrmann)

Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, die Konstitution menschlicher Subjektivität im Ausgang vom Phänomen der symbolischen Verletzbarkeit zu verstehen. Das Phänomen soll dabei grundlegend in zwei Richtungen analysiert werden: Zum einen soll im Anschluss an die Theorien der Anerkennung gezeigt werden, dass Subjekte für ihre Selbstverwirklichung fundamental auf Andere angewiesen sind. Diese Angewiesenheit hat eine existenzielle Asymmetrie zur Folge, die Subjekte für symbolische Verletzungen empfänglich macht. Zum anderen soll im Anschluss an die Theorien der Alterität gezeigt werden, dass Subjekte eine grundlegende Empfänglichkeit für die symbolischen Verletzbarkeit von anderen besitzen, die auf ihre moralische Verletzbarkeit zurückgeht. Diese Offenheit für die Abhängigkeit von anderen zeigt sich zunächst in Form einer moralischen Asymmetrie, in der das Subjekt bedingungslos verantwortlich ist. Als Ergebnis dieser zweifachen Analyse soll abschließend die Idee profiliert werden, dass sich unsere sozialen Beziehungen durch die chiastische Verschränkung zweier Asymmetrien auszeichnen: Die Asymmetrie der Anerkennung auf der einen und die Asymmetrie der Verantwortung auf der anderen Seite.

Agonale Vergesellschaftung (Herrmann)

Spätestens seit der Moderne und dem mir ihr verbundenen ethischen Pluralismus stellt sich die Frage, was Gesellschaften zusammenhält. Auf der einen Seite finden wir dabei das liberale Paradigma, welches den Geltungszusammenhang des Rechtsstaates als ausreichend für die Vergesellschaftung der Individuen begreifen, auf der anderen Seite das kommunale Paradigma, das substantielle Gemeinsamkeiten als notwendig erachtet. In diesem Projekt soll sozialer Zusammenhalt weder ausgehend von der Vorstellung einer nur formell verbundenen Vielheit konzipiert werden – da diese die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendigen Integrationskräfte nicht in den Blick bekommt –, noch ausgehend von der Vorstellung kommunitärer Einheit – da diese der Pluralität von Lebensentwürfen nicht gerecht zu werden vermag. Als Alternative wird ein Modell ›agonaler Vergesellschaftung‹ entwickelt, das weder von atomaren Einzelnen noch von einem substantiellen Ganzen ausgeht, sondern von einem Prozess des Sich-Unterscheidens. Soziale Bindung wird hier im Ausgang von Nietzsche als Effekt von sozialer Differenzierung gedacht, so dass dasjenige, was die Individuen voneinander trennt, paradoxerweise genau das ist, was sie miteinander verbindet. Agonale Vergemeinschaftung, so wird zu zeigen sein, beruht auf etwas, was sich mit der Althistorikerin Nicole Loraux als ›Band der Teilung‹ beschreiben lässt.

Aus dem Zusammenhang des Projektes ist bereits erschienen:

  • Steffen Herrmann, »Agonale Vergemeinschaftung. Normative Grundlagen des Gabentausches nach Marcel Mauss«, in: Thomas Bedorf und Steffen Herrmann (Hg.), Das soziale Band. Geschichte und Gegenwart eines sozialtheoretischen Grundbegriffs, Frankfurt am Main: Campus 2016, S. 124-146

Politische Gefühle

Gib es politische Gefühle? Und falls ja: Wie lassen sie sich von anderen unterscheiden? Diese Fragen nach dem Begriff stellen sich vor einem spezifischen theoretischen Hintergrund. Die Fragestellung entspringt der theoretischen Unterscheidung, die sich in den letzten 15 Jahren in der Theoriebildung der politischen Philosophie durchgesetzt hat: jener zwischen dem Politischen und der Politik. Damit wird der in die (von der Politikwissenschaft vielfach diagnostizierte) Krise geratenen Politik „das Politische“ entgegengesetzt, das das Stiftungsmoment politischer Ordnungen bezeichnet. Eine andere Ordnung der Politik wird in dieser Perspektive nicht durch eine universale normative Begründung etabliert, sondern geht aus partikularen Störungen und Unterbrechungen der herrschenden Ordnung hervor.

Wo Begründungen nicht mehr allein oder überhaupt transformationsmotivierend sind, kommt den öffentlichen Affekten eine neue, politiktheoretisch zu klärende Rolle zu. Gibt es Affekte, die das gesellschaftlich Imaginäre in Gang setzen, seine Gründung motivieren? Sind nicht – auch historisch – die Ereignisse des Politischen stets affektiv grundiert? Oder gar mehr noch: Sind es nicht die Affekte, die eine andere ‚Aufteilung des Sinnlichen’ (Rancière) oder ein anderes ‚Wahrheitsereignis’ (Badiou) erst möglichen machen, weil Gründe nicht nur nicht hinreichend, sondern gar nicht ausschlaggebend sind? Wie lässt sich umgekehrt die spaltende Kraft der Affekte in der politischen Gegenwart reflektieren? Würde man dies versuchsweise als die Konstitution einer neuen politischen Subjektivität durch eine Ansteckung, eine Affizierung bezeichnen wollen, stellt sich die Folgefrage, wie sich in diesem Sinne politische Gefühle von anderen politischen Motivationszusammenhängen und von anderen Affekten unterscheiden ließen.


Vorliegende Arbeiten:

  • Das Politische und die Politik (hg. mit K. Röttgers), Berlin: Suhrkamp 2010
  • „Politische Gefühle“, in: Thomas Bedorf u. Tobias Nikolaus Klass (Hg.), Leib – Körper – Politik. Untersuchungen zur Leiblichkeit des Politischen, Weilerswist: Velbrück 2015, 249-265 (= Kulturen der Leiblichkeit, Bd. 2)

Praktische Körper (Gerlek, Bedorf)

Das durch die DFG geförderte Projekt "Praktische Körper" nahm – in Person der Projektmitarbeiterin Selin Gerlek – im Oktober 2015 die Arbeit auf. Inhaltlich widmet sich das Projekt der Arbeit am innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften ab Mitte des 20. Jahrhunderts vollzogenen practice turn, der einen Wandel im theoretischen Zugriff auf Beschreibungen des Sozialen abbildet und in einer Abkehr von dualistischen Theorieansätzen seinen Ausgang nimmt. Die Betrachtung der Praktik als 'kleinste Einheit des Sozialen' steht dabei für den Versuch, Engführungen mentalistischer oder strukturalistischer Ansätze zu umgehen und so dem Sozialen in seinem Vollzug selbst näherzukommen. Neben einer Fokussierung auf eine implizite Logik der Praxis und Orientierung entlang der Wiederholung und Verschiebung von sozialen Praktiken steht die Körperlichkeit bzw. Materialität im Zentrum der theoretischen Aufmerksamkeit. Aufgrund dieser noch jungen Theoriebewegung wird jedoch insbesondere die Körperlichkeit von Praktiken als Problemtitel sichtbar, da sich bislang über den Körper als Analysekategorie noch kein Konsens herausgebildet hat. Das Projekt sieht daher eine Grundlagendiskussion dieser Analysekategorie als Voraussetzung dafür an, ein praxistheoretisches Forschungsprogramm auch für die Zukunft produktiv nicht nur für die Sozial- und Kultur-, sondern auch für die Geisteswissenschaften zu machen. Die aus phänomenologischen Ansätzen bekannte Unterscheidung von Leib und Körper stellt der (wie im cartesischen Geist-Materie-Dualismus) Gegenständlichkeit des Körpers differenziell eine Erfahrungsdimension zur Seite, die nicht selbst dichotomisch motiviert ist. Denn Leib und Körper bezeichnen nicht zwei "Dinge", sondern zwei Perspektiven auf "dasselbe", in denen dem Leib die Rolle als Möglichkeitsbedingung der Erfahrung von Sozialität zufällt. Das Projekt verfolgt daher in zwei Projektteilen das Ziel, die begrifflichen Strategien und Operationen im Hinblick auf die Körperkonzepte zu untersuchen: Im ersten Projektteil werden proto-kanonische Theorien des 20. Jahrhunderts zum Untersuchungsgegenstand, die für zeitgenössische Praxistheorien wegweisend sind und an deren Körperbegriffe angeschlossen wird (Pierre Bourdieu, Judith Butler und Michel Foucault). Im zweiten Projektteil werden heutige Praxeologien zum Gegenstand, die in ihrer Forschungspraxis auch empirisch am Körper interessiert sind. Die genuine philosophische Aufgabe besteht darin, eine Begriffsreflexion vorzunehmen, die von der empirischen Soziologie selbst nicht zu leisten ist. Mit diesen Forschungen ist schließlich die Erwartung verbunden, dass praxistheoretische Einsichten auch für die Phänomenologie selbst begrifflich-methodische Neuerungen ergeben, die die Phänomenologie als Praxistheorie verstehen lassen.


Publikationen im Rahmen des Projektes finden sich unter folgendem Link:

https://www.fernuni-hagen.de/praktische_koerper/Publikationen.shtml

Laufende Dissertationsprojekte

  • "Das Problem der absoluten Subjektivität bei Husserl und die Möglichkeit einer phänomenologischen Theorie des präreflexiven Bewusstseins“ (Ulrich Dopatka)
  • "Die Rolle der Technik in der Frage nach dem sozialen Band: ein blinder Fleck der Sozialphilosophie?" (Sven Hasperger)
  • "Wie schreiben? Maurice Blanchot und die Krise der Philosophie" (Lilian Peter)
  • "Vollzug des Körpers – vollziehender Leib. Maurice Merleau-Ponty und Pierre Bourdieu in praxistheoretischer Perspektive" (Selin Gerlek)
  • "Tierheit, Tier-Werden und TierWort. Eine vergleichende Analyse des Themas Tier im Denken von Maurice Merleau-Ponty, Gilles Deleuze und Jacques Derrida" (Cynaida Rank)
  • "Akteure, Medien und Leiblichkeit. Ein leibphänomenologischer Beitrag zu einer Akteur-Medien-Theorie" (Dennis Clausen)
  • "Phänomenologie der alltäglichen Moral" (Wonbin Choi)
  • "Geistige Erfahrung" (David Jöckel)
  • "Der Bildungsbegriff in Phänomenologie und Pragmatismus" (Thomas Middeke)
  • "»Eschatologie ohne mich«. Versuch einer Ethik im Kontext des Anti-Social Turn in den Queer Studies im Anschluss an Emmanuel Lévinas" (Anne Fleischer)

Abgeschlossene Dissertationsprojekte

  • "Die politische Ökonomie im deutschen Idealismus" (Sven Ellmers)

09.11.2017
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Fakultät KSW, Institut für Philosophie, 58084 Hagen