Präsenzveranstaltung

Thema:
Merleau-Pontys Spätphilosophie
Adressatenkreis:
BA KuWi: Modul P3; MA Phil: Modul IV; Modul VI;
Ort:
Berlin
Termin:
28.01.2022 bis
30.01.2022
Leitung:
Dr. Ulrich Dopatka
Anmeldefrist:
10.01.2022
Anmeldung:
Das Seminar ist ausgebucht.

Die Phänomenologie der Wahrnehmung von 1945 ist das wohl mit Abstand wirkmächtigste Buch von Merleau-Ponty und eines der Hauptwerke der Phänomenologie. Thema dieses Buches ist der mit der Welt unlösbar verbundene und verschränkte Leib, in dessen präreflexive anonyme Sphäre sich Sinnstrukturen diesseits von Subjekt und Objekt bilden. So innovativ die phänomenologische Konzeption des französischen Philosophen auch ist und sich darin mit dem Leib eine Entität etabliert, die seitdem aus dem phänomenologischen Diskurs nicht mehr wegzudenken ist, ganz zufriedenstellend ist der vorgestellte Entwurf nicht. Letztendlich sind die Sinnstiftungen der leiblichen Existenz den Akten eines thetischen Bewusstseins nur vorgängig, so, dass der cartesianische Dualismus nicht überwunden wird.

Ab Mitte der 50er Jahre setzt eine Neuorientierung und eine allmähliche Radikalisierung der Ontologie bei Merleau-Ponty ein, die in seinem fragmentarischen Werk Das Sichtbare und das Unsichtbare ihren Höhepunkt und Abschluss findet. Mit dem Fleisch (frz. la chair) wird eine neue, dem Sichtbaren zugrunde liegende Seinsstruktur eingeführt, durch die sich Leib, Welt und die Dinge durch die Figur des Chiasmus als miteinander verflochten zeigen. Dieser Text wird neben Das Auge und der Geist im Mittelpunkt unseres Seminars stehen. Das durch den plötzlichen Tod Merleau-Pontys unvollendet gebliebene Buch besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil ist eine erste, noch rohe Fassung der ersten Kapitel. Der zweite Teil besteht aus Arbeitsnotizen des französischen Philosophen. Da wir also die endgültige Ausarbeitung nicht kennen, überlässt uns der überlieferte Text sowohl einige Leerstellen als auch einige schwierige Passagen. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken. Dessen ungeachtet lässt der Entwurf Merleau-Pontys eine neue, an die Grenzen des Denkbaren stoßende Ontologie erkennen, die sowohl den metaphysischen Dualismus überwinden will als auch über die Phänomenologie hinaus auf die Postmoderne weist.

Wir werden in der Präsenzveranstaltung ausgewählte Kapitel der Primärtexte analysieren und diskutieren. Für eine erfolgreiche Durchführung des Seminars ist es deshalb unbedingt erforderlich, dass alle Teilnehmer die unten aufgeführte Primärliteratur einmal komplett durchgearbeitet haben. Weiter setzt die Teilnahme am Seminar die Bereitschaft voraus, sich aktiv an Gruppenarbeit und close reading-Sequenzen zu beteiligen.

Nach erfolgreicher Anmeldung geht Ihnen bis Mitte November eine Liste für mögliche Referate zu, die dann zu Hausarbeiten ausgebaut werden können.

Primärliteratur

Merleau-Ponty, Maurice (32004): Das Sichtbare und das Unsichtbare, gefolgt von Arbeitsnotizen. München: Wilhelm Fink Verlag.

Merleau-Ponty, Maurice (32004): Das Auge und der Geist: Philosophische Essays. Hamburg: Meiner Verlag.

Merleau-Ponty, Maurice (2007): Zeichen. Hamburg: Meiner Verlag.

Lesen Sie bitte aus diesem Buch die Aufsätze

  • Von Mauss zu Claude Lévi-Strauss
  • Der Philosoph und sein Schatten

Fakultativ: Merleau-Ponty, Maurice (1996): Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter, dritter Teil/1. Kapitel: Das cogito, S. 419-466.

Sekundärliteratur

Orlikowski, Anna (2012): Merleau-Pontys Weg zur Welt der rohen Wahrnehmung. München: Fink Verlag

Faust, Wolfgang (22012): Abenteuer der Phänomenologie. Philosophie und Politik bei Maurice Merleau-Ponty. Würzburg: Königshausen & Neumann (hier vor allem Kap. IX).

Evans, Fred; Lawlor, Leonard (2000): Chiasms. Merleau-Ponty´s Notion of Flesh. New York: State University of New York Press.

Für eine erste Orientierung

Die entsprechenden Kapitel über Merleau-Ponty in:

Bedorf, Thomas; Röttgers, Kurt (Hrsg.) (2009): Die französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Ein Autorenhandbuch. Wbg.

Waldenfels, Bernhard (1987): Phänomenologie in Frankreich. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Christoph Düchting | 13.01.2022