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Call for Proposals zum Sonderheft "Politik und Verwaltung in der Corona-Krise"

[03.04.2020]

Liebe KollegInnen,

die Corona-Krise trifft uns WissenschaftlerInnen in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Ausmaß. Einige gehören zu einer sogenannten Risikogruppe und versuchen, sich so gut wie möglich vor einer Infektion zu schützen. Andere haben kleine Kinder und müssen viel Energie dafür aufwenden, diese bei Laune zu halten und dabei auch noch zumindest die dringlichste Arbeit zu schaffen. Andere kümmern sich um Menschen, die Unterstützung brauchen, und wieder andere können das unfreiwillige Homeoffice nutzen, um endlich ein paar Aufsätze, Buchkapitel oder Anträge fertigzuschreiben. In der Lehre kommen auf viele von uns neue Herausforderungen zu. Trotz aller individueller Betroffenheit sind wir alle WissenschaftlerInnen, die die aktuelle Lage auch aus fachlicher Sicht beobachten.

Wir laden Sie daher ein, sich mit Ideen für Beiträge für ein Themenheft 2/2021 der Zeitschrift der moderne Staat zum Thema „Politik und Verwaltung in der Corona-Krise“ zu beteiligen. Im Kontext der Krise stellen sich zahlreiche Fragen, die alle Dimensionen des Politischen berühren

Polity

  • Politisches System: Es stellen sich Fragen der Bund-Länder-Koordination, der Kompetenzverteilung im deutschen Föderalismus und einer möglichen Änderung dieser Kompetenzverteilung. Darüber hinaus ergeben sich Fragen nach dem Verhältnis von Legislative und Exekutive in der Krise sowie nach den Folgen der Krise für die Demokratie. In diesem Kontext kann auch die Zeitdimension in der Politik berücksichtigt werden: Die aktuelle Corona-Krise verweist auf das Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit, schnell und (möglichst) richtig oder angemessen zu handeln und den üblichen Zeitdimensionen von politischem und administrativem Handeln.
  • Administration und Organisation: Wie reagiert Verwaltung auf unterschiedlichen Ebenen auf die und in der Krise? Wie wirkt sich die Krise auf Verwaltungshandeln und die Handlungsfähigkeit von Verwaltung aus? Welche Herausforderungen (Koordination, Kooperation, Funktionsorientierung) für Verwaltungshandeln ergeben sich, sowohl mit Blick auf staatliche/öffentliche Verwaltungen auf unterschiedlichen Ebenen (Bund, Länder, Kommunen) als auch mit Blick auf parastaatliche Verwaltungsträger, die für das soziale Sicherungssystem in Deutschland charakteristisch sind (z.B. Krankenkassen, Bundesagentur für Arbeit etc.)?
  • Internationale Koordination: Welche Herausforderungen ergeben sich aus europäischen wie internationalen Verflechtungen und ihren Wechselwirkungen mit nationalstaatlichen Politiken in der Corona-Krise? Ist die Krise eine Chance zur Stärkung der europäischen Integration und Notwendigkeit zur politischen Koordination oder stehen akuten Handlungszwängen institutionenspezifische nationale oder regionale Bedingungen gegenüber?

Policy

  • Interventionen und politische Steuerung: Wie können geeignete politische Interventionen aussehen? Welche Lernmöglichkeiten (aus andern Ländern, z.B. Südkorea; aus der Vergangenheit/Bewältigung gesundheitlicher Krisen in der Vergangenheit) ergeben sich für die politischen und administrativen Akteure auf den Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen hinsichtlich der Bearbeitung und Bewältigung der Krise?
    Die Idee der Politischen Steuerung erhält in Zeiten des Regierens durch Allgemeinverfügungen möglicherweise Aufschwung. Gleichzeitig kommt dem politischen Instrument der Information in all seinen Facetten ein erheblicher Stellenwert zu, der verschiedene Aspekte umfasst: Sicherstellung verlässlicher und seriöser Information, Erreichen aller relevanten Zielgruppen, Umgang mit Fehlinformationen u.v.m
  • Verhältnis von Wissenschaft und Technologie zu politischen Entscheidungen: Es stellen sich Fragen der Evidenznutzung im Rahmen politischer Entscheidungen sowie des Verhältnisses zwischen Wissenschaft (v.a. Virologie, aber auch andere Disziplinen, z.B. Public Health) und Politik, z.B. inwiefern die bisherige Gesundheitspolitik wissenschaftliche Szenarien ausreichend berücksichtigt hat. Daneben stellen sich möglicherweise neue, nicht widerspruchsfreie Fragen des Einsatzes digitaler Technologie zur Krisenbewältigung im liberalen demokratischen Staat (Handy-Apps zur Überwachung Infizierter vs. Datenschutz).
  • Gesundheitspolitik: Die aktuellen Entwicklungen zeigen (insbesondere für Deutschland), dass eine Vernachlässigung von Prävention und einer zielgerichteten Gesundheitspolitik im Sinne der Gesundheitsförderung enorme Gefahren birgt. Die (fehlende) Verzahnung von Präventionspolitik, Public Health und gesundheitlicher Grundversorgung wirft eine Vielzahl von Fragen auf wie beispielsweise: Welche Notwendigkeit ergibt sich zur Eindämmung von Ökonomisierungsdynamiken im Gesundheitssektor? Welchen Bedarf gibt es zur Rekommunalisierung bzw. Rückabwicklung privatisierter Versorgungsbereiche in staatliche Hand? Zugleich stellen sich bereits bekannte reformpolitische Fragen im Hinblick auf die Organisation des gesundheitlichen Versorgungssystems neu: Inwieweit lassen sich große gesundheitliche Krisen wie die Corona-Krise auf der Grundlage des aktuellen reaktiv ausgerichteten beitragsfinanzierten Sozialversicherungssystems bewältigen? Welche Rolle spielt der öffentliche Gesundheitsdienst in der Krise? Welche Lehren für seine Rolle lassen sich aus der Krise ziehen?
  • Wirtschafts- und Sozialpolitik: Es stellen sich in der Wirtschaftspolitik z.B. die Fragen, wie es politisch und administrativ gelingen kann, im Kleinen wie im Großen die schlimmsten wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Krise aufzufangen und wie es danach weitergehen kann. U.a. durch staatliche Beteiligung an großen Unternehmen soll eine Stabilisierung der Wirtschaft gelingen. Was bedeutet das mittelfristig für das Verhältnis von Markt und Staat?
  • Andere Politikfelder: Es entstehen auch in vielen anderen Sektoren Probleme und Steuerungsbedarfe, so im Bereich der schulischen und universitären Bildung. Wie werden diese bewältigt und wie erklären sich auch Unterschiede in der Bewältigung?

Politics

  • Politik und Gesellschaft: Krisenphänomene erzeugen Angst und können Panik auslösen – daher stellt sich die Frage, wie Politik diesen Phänomenen begegnet, um gesellschaftliche Stabilität sicherzustellen. Es stellen sich Fragen nach der Bedeutung gesellschaftlicher Gruppen und Partizipationsformen im Krisenmodus nicht nur in Bezug auf ihre Bedeutung für gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf Prävention von Isolation (erst recht in Extremsituationen, die Organisationen vor neue Herausforderungen stellen wie bspw. das Paradigma der sozialen Distanz), sondern auch im Sinne einer wirksamen Bewältigung von Krisenkonsequenzen (ökonomische Schäden, Versorgungsengpässe etc.).
  • Politische Ideologien: Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf politische Parteien und ihre Konfliktlinien? Wie reagieren populistische Parteien auf die Debatten und welche Veränderungen gibt es in Bezug darauf, wie sie ihre Anliegen durchsetzen können?
  • Treten politische Konflikte und Differenzen in der Corona-Krisenpolitik zurück? Welche Rolle spielen Partei- und Interessenpolitik für die Entscheidungsfindung in unterschiedlichen Krisenzeiten in zentralen Politikfeldern (Gesundheitspolitik, Sozial- und Beschäftigungspolitik, Wirtschaftspolitik)?

Wir bitten Sie um Zusendung eines Abstracts (ca. 500 Wörter) bis zum 8. Mai an annette.toeller@fernuni-hagen.de, da die Deadline für die Einreichung eines Special Issue der 31. Mai ist und wir ggf. Beiträge auswählen und daraus ein Proposal schreiben möchten. Die fertigen Beiträge müssen etwa Anfang Januar 2021 vorliegen, da das Begutachtungsverfahren (1. Runde) spätestens zum 1. Februar 2021 gestartet werden sollten. Redaktionsschluss für das Heft 2/2021 wäre im Oktober 2021. Eine Entscheidung über die Annahme des Themenheftes trifft die Redaktion bis Ende Juni 2020.

Mit besten Grüßen – und bleiben Sie gesund,

Sonja Blum,
Kathrin Loer,
Renate Reiter &
Annette Elisabeth Töller
Paul-Philipp Schnase | 03.04.2020