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Aktuelles

Im Februar ist am Lehrgebiet Politikfeldanalyse das vom BMBF finanzierte, dreijährige Drittmittelprojekt „Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie – BIO-ÖKOPOLI – “ gestartet.

[28.03.2017]

BMBF-Verbundprojekt FernUni Hagen und OVGU Magdeburg): Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie – BIO-ÖKOPOLI

Bioökonomie ist ein programmatischer Begriff der deutschen und internationalen Innovationspolitik. Dieser Begriff beschreibt die Förderung, Entwicklung und Etablierung von Techniken, Verfahren und Produkten, mit denen insbesondere im Bereich der industriellen Produktion und der Energiegewinnung fossile Rohstoffe durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. Die Betrachtung entlang der gesamten Wertschöpfungsketten vom Anbau der Rohstoffe über die Verarbeitung und Veredelung biobasierter Produkte bis zur ressourceneffizienten Nutzung biogener Rest- und Abfallstoffe ist dabei Kern des bioökonomischen Konzeptes. Zentrales Ziel in diesem Zusammenhang ist die dauerhafte Sicherstellung der Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft mit erforderlichen Rohstoffen (Versorgungssicherheit). Als weitere Ziele werden die Stärkung Deutschlands und der EU als technologischer Innovationsstandort, die Sicherung der globalen Lebensmittelversorgung und der Schutz des Klimas und der Biodiversität genannt. Das Forschungsprojekt setzt als Verbundprojekt hier an zwei für die Weiterentwicklung der deutschen Bioökonomiestrategie wichtigen Wissenslücken an:

  • Das Verhältnis zwischen bioökonomischen Verfahren und Umweltschutzzielen ist bislang unterbelichtet.
  • In der wissenschaftlichen Forschung fehlt es bislang an empirisch fundierten theoriegeleiteten Studien über politische Prozesse zur Nutzung, Förderung oder Regulierung bioökonomischer Verfahren.

Programmatische Dokumente zur Bioökonomie, wie etwa die nationale Forschungsstrategie Bioökonomie 2030, verfolgen einerseits die oben genannten Ziele, räumen jedoch andererseits ein, dass es konkret zu Zielkonflikten kommen kann, und sehen die Thematisierung dieser Konflikte sowie die Entwicklung von Möglichkeiten zu ihrer Lösung oder Entschärfung als ein wichtiges Thema der sozio-ökonomischen Forschung. Tatsächlich lässt die Anwendung vieler bioökonomischer Verfahren und Produkte im Kontext der Energieerzeugung, der industriellen Produktion sowie der Anwendung und Entsorgung Effekte auf die Umwelt (z. B. Klima, Biodiversität, Wasser und Boden) erwarten. Diskutiert werden einerseits positive Effekte, insbesondere die Einsparung von klimaschädigenden CO2-Emissionen, andererseits negative Effekte der Bioökonomie auf die Umwelt (z. B. durch eine veränderte und intensivierte Landnutzung zur Biomasseerzeugung).

Zwar kann die Forschung verschiedener Fachdisziplinen dazu beitragen, die möglichen ökonomischen Nutzen einerseits und die zu erwartenden oder schon identifizierbaren Umweltauswirkungen eines Verfahrens andererseits zu ermitteln und zu bewerten. Eine Entscheidung über die Akzeptabilität eines jeweils spezifischen Verhältnisses zwischen ökonomischen und ökologischen Auswirkungen sollte allerdings im Rahmen geeigneter „gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse“ erfolgen. Innerhalb demokratischer politischer Prozesse werden po­litische Maßnahmen (Policies) zur Einsetzung, Förderung oder Regulierung der bioökonomischen Ver­fahren oder Produkte verhandelt und ggf. beschlossen. Diese Prozesse finden im politischen Mehrebenensystem zwangsläufig auf verschiedenen territorialen Ebenen (von der kommunalen bis zur internationalen Ebene) und in deren Zusammenspiel statt.

Vorliegende Studien zur Bioökonomie thematisieren jedoch insbesondere Fragen der technologischen Innovation, Herausfor­derungen der praktischen Umsetzung oder allenfalls Fragen der Regelungsstruktur („Governance“). Die (mitunter kontroversen) logisch und zeitlich dazwischen liegenden politischen Entscheidungen über die Förderung, den Einsatz, die politischen Rahmenbedingungen oder die Regulierung dieser Techniken oder Verfahren bleiben dabei bislang weitgehend ausgeblendet.

Das Projekt befasst sich daher mit der Bioökonomie unter zwei Prämissen: Anknüpfend an die oben skizzierten Wissenslücken geht es (erstens) nur um solche Verfahren und Produkte, die einen möglichen Effekt auf die Umwelt (als Oberkategorie für den Schutz von Wasser, Luft und Boden, Klima und Natur) haben, wobei die Art dieses Effektes auf die Umwelt (positiv, negativ, ambivalent, unklar) und sein Ausmaß zunächst offen bleiben müssen, da diese üblicherweise Gegenstand politischer Prozesse und dort auch unterschiedlicher Wahrnehmungen und Deutungen sind. Diese Einschränkung auf umweltrelevante Verfahren der Bioökonomie nehmen wir vor, weil wir aufgrund unserer Verankerung in der Umweltpolitikforschung mögliche im Zusammenhang mit bioökonomischen Verfahren auftretende Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und anderen Zielen, wie der dauerhaft sicheren Versorgung der Industrie mit Rohstoffen, der globalen Sicherung der Nahrungsversorgung oder der Förderung der ökonomischen Innovation am Standort Deutschland, für besonders relevant halten und diese zugleich aus politikwissen­schaftlicher Sicht bislang wenig erforscht wurden.

Zweitens soll es um Fragen der politischen Gestaltung gehen, die bislang – wie aufgezeigt – wissenschaftlich noch unterbelichtet sind, wozu die Politikfeldanalyse jedoch wichtige konzeptionelle und theoretische Instrumente anzubieten hat. Es geht im Projekt daher folgerichtig um politische Entscheidungen zur Förderung, zum Einsatz oder zur Regulierung der Bioökonomie, also um Maßnahmen einer Bioökonomie-Policy im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie. Unser Fokus liegt auf Bioökonomiepolitik in Deutschland; dazu muss man aber, wie wir weiter unten erläutern, Entscheidungen auf verschiedenen territorialen Ebenen betrachten. Die verfolgten Fragen sind:

  1. Welches sind typische Rahmenbedingungen solcher politischer Prozesse zur Bioökonomie im Hinblick auf Problemstrukturen, Akteure und ihre Interessen, auf Institutionen und Instrumente und wie, d. h. über welche kausalen Mechanismen, wirken sich diese auf den Verlauf dieser Pro­zesse und auf die politischen Ergebnisse (Bioökonomie-Policies) aus?
  2. Welche Rolle spielen Umweltauswirkungen bioökonomischer Verfahren (positiver, negativer, ambivalenter oder unklarer Art) in den politischen Prozessen zur Bioökonomie und welche Arten von Konflikten ergeben sich hier und wie werden sie entschieden?
  3. Wo ergeben sich Ansatzpunkte, um solche Konflikte im Sinne einer aktiven Gestaltung der Trans­formation zur Bioökonomie aufzulösen oder zu entschärfen? Welche konkreten Empfehlungen, etwa für die Einbeziehung von Akteuren, für die Wahl der Handlungsebene, die Gestaltung der Entscheidungsverfahren oder die Wahl der Instrumente lassen sich hieraus entwickeln?
  4. Wie können die gewonnenen Erkenntnisse dauerhaft in den sozialwissenschaftlichen Diskussionen, in den Diskussionen natur- und technikwissenschaftlichen Fächer, in der universitären Lehre sowie in der wirtschaftlichen und politischen Praxis verankert werden?

MitarbeiterInnen in der Hagener Projektgruppe sind: M.A. Alexander Bollmann, Dr. Daniela Perbandt und Dipl. Pol. Thomas Vogelpohl, die Projektleitung hat Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller.

29.03.2017
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Fakultät KSW, Institut für Politikwissenschaft, 58084 Hagen