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Studie mit Daten aus 19 Ländern zeigt: Wie Menschen auf Normverstöße reagieren, ist kulturabhängig

[10.12.2018]

Soziale Normen - implizite oder explizite Regeln, die ein Verhalten ohne Gesetzeskraft regeln - sind wichtige Leitprinzipien für Menschen, die in Organisationen zusammenarbeiten oder in Gesellschaften zusammenleben. Aber soziale Normen werden auch regelmäßig gebrochen. Wie reagieren Menschen auf Verstöße gegen Normen?


Die bisherige Forschung hat herausgefunden, dass es zwei Möglichkeiten gibt, wie Menschen darauf reagieren können. Einerseits können NormverletzerInnen aufgrund des Ausdrucks von Autonomie und mangelnder Konformität, in den Augen der BeobachterInnen mächtig erscheinen. Andererseits können Menschen NormverletzerInnen als unmoralisch empfinden. Dies könnte zu einer schlechteren Meinung über sie führen. In dieser Studie haben wir uns mit diesem Paradox befasst und den kulturellen Kontext betrachtet, in dem die Normverletzung auftritt. Wir haben uns dabei auf die kulturellen Dimensionen Individualismus-Kollektivismus und der sog. „Tightness“ (Straffheit) fokussiert.

Individualismus-Kollektivismus bezieht sich auf das Ausmaß, in dem Menschen in einer bestimmten Kultur die Pflichten und Aufrechterhaltung der Gruppenharmonie sicherstellen wollen, oder die individuelle Einzigartigkeit und ihre Unabhängigkeit betonen möchten. Tightness ist eine weitere Dimension, in der Kulturen sich unterscheiden. Diese Dimension bezieht sich auf die Bedeutung, die der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung beigemessen wird. Tightness geht mit einer geringeren Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten einher, wodurch der Verhaltensbereich eingeschränkt wird, der für Situationen als angemessen erachtet wird. Wir haben erwartet, dass in mehr kollektivistischen und „strafferen“ Ländern Verstöße gegen Normen weniger Reaktionen der Machtwahrnehmung und stärker Reaktionen moralischer Empörung hervorrufen.

In einer Fragebogenstudie, die in 19 Ländern durchgeführt wurde, wurde den Teilnehmenden ein Szenario präsentiert, in dem ein Mitarbeitender die für Organisationstreffen typischen Normen entweder verletzt oder eingehalten hat. Zum Beispiel kam die Person zu spät an, unterbrach andere während des Sprechens usw. Die Ergebnisse zeigten, dass NormverletzerInnen in allen untersuchten Kulturen moralische Empörung hervorrufen. Das Ausmaß, in dem Individuen diese negativen moralischen Emotionen erleben, hängt dabei von der Kultur ihres Landes ab: Je kollektivistischer die Kultur ist, desto mehr moralische Empörung erleben Personen als Reaktion auf Normverstöße. Diese Gefühle sind mit dem Widerstreben verbunden, Menschen, die Normen missachten, als Führende anzuerkennen. Die reduzierte Unterstützung für NormverletzerInnen ist in kollektivistischeren Ländern stärker ausgeprägt. Hier werden Normverletzende als weniger mächtig empfunden als Menschen, die die Norm befolgen. In eher individualistischen Ländern ist eine schwächere reduzierte Unterstützung für NormverletzerInnen zu beobachten. Hier werden Normverletzende als mächtiger betrachtet. Schließlich steht die Neigung, NormfolgerInnen als Führerende zu unterstützen, in direktem Zusammenhang mit der kulturellen Tightness: Je „straffer“ die Kultur, desto mehr werden Normfolgende als Führende unterstützt.


Dr. Marieke van Egmond

Lehrgebiet Community Psychology

E-Mail: marieke.vanegmond

Telefon: +49 2331 987-2557

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Oliver Baentsch | 10.12.2018