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Distrust your measures - über Fallstricke in der unreflektierten Anwendung (in-)direkter Messverfahren

[12.06.2019]

Einladung zum Vortrag von Prof. Dr. Roland Imhoff (JGU Mainz) im Rahmen des Fakultätskolloquiums


Herr Prof. Dr. Roland Imhoff ist zu Gast im Lehrgebiet Psychologie II und wird im Rahmen des Fakultätskolloquiums einen Vortrag zum Thema Messverfahren halten.

Abstract des Vortrags:

Allzu häufig unterliegen PsychologInnen der Versuchung, ein "gemessenes" Konstrukt, einmal benannt und mit einem Etikett versehen, für eine Quantifizierung eben dieses Konstrukts zu halten. Dies führt zu einer Reihe von Problemen schon bei einfachen Fragebögen, ist aber im Kontext indirekter Messverfahren mit vermeintlich noch undurchsichtigerer Messlogik zuweilen noch weitreichender. Im Vortrag wird es deshalb einen Fokus auf indirekte Messverfahren geben, die sich wachsender Beliebtheit nicht nur in grundlagenorientierten, sondern zunehmend auch in angewandten Fächern der Psychologie erfreuen. Statt auf die Fähigkeit und Bereitschaft zur Introspektion zu vertrauen, erschließen indirekte Verfahren die Ausprägung bestimmter psychologischer Variablen auf Verhaltensdaten wie Reaktionszeiten, Fehlattributionen oder physiologische Maße. Insbesondere die Existenz heißer, affektiver Prozesse wird dabei häufig ungeprüft vorausgesetzt, so z.B. in der Affect Misattribution Procedure (AMP). Hier ist die Annahme, dass kurz dargebotene Prime Bilder eine affektive Reaktion auslösen (positiv/negativ), die die anschließende Bewertung eines chinesischen Schriftzeichens als angenehm oder unangenehm kongruent einfärbt. Ein anderes Beispiel für die Annahme eines heißen Prozesses liefern die auch in der forensischen Diagnostik eingesetzten Betrachtungszeiten (Viewing Time VT). Während Probanden vermeintlich die sexuelle Attraktivität dargebotener Stimuli bewerten, ist die zentrale AV die dafür benötigte Reaktionszeit. Der Effekt längerer Latenzen für sexuell präferierte Stimuli wird zumeist implizit zurückgeführt auf heiße Prozesse sexueller Appetenz. Im Vortrag wird die Annahme zugrundeliegender affektiver Einflüsse kritisch überprüft. Drei Studien belegen, dass die kalte Aktivierung eines semantischen Konzepts AMP-Effekte besser erklären kann als die Misattribution affektiver Reaktionen. Die Ergebnisse von fünf VT-Studien zeigen konsistent, dass längere Latenzen für sexuell präferierte Stimuli lediglich aufgabeninduzierten Verarbeitungsaufwand reflektieren: Targets des nicht-präferierten Geschlechts (oder Alters) können als unattraktiv abgelehnt werden, ohne sie individuell zu verarbeiten. Abschließend wird die Plausibilität heißer affektiver Prozesse in indirekten Messverfahren und Implikationen daraus kritisch diskutiert.

Alle interessierten Hochschulmitglieder sind herzlich eingeladen.

Termin: Mittwoch, 26.06.2019 13.00 - 14.30 Uhr

Raum: Gebäude 2 (KSW), Raum 4/5

Fakultät für Psychologie | 12.06.2019