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Forschung

Forschungsprojekt „Taxonomien des Selbst. Zur Genese und Verbreitung kalkulativer Praktiken der Selbstinspektion“

Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft | Projektbeginn September 2015

Die Genese des modernen Kapitalismus war immer schon mit Innovationen im Feld der Kalkulation verbunden (Sombart 1987[1916], Weber 1920, Vormbusch 2012). In der Soziologie ist Kalkulation bislang vor allem anhand von Steuerungsinstrumenten wie Kennziffern und Benchmarking untersucht worden. Diese verbreiten sich seit dem 19. Jahrhundert zunächst im ökonomischen Kern moderner Gesellschaften. Seit den 1990er Jahren dehnen sie sich in noch nicht durchökonomisierte Felder wie Bildung und Gesundheit aus. Das New Public Management ist hierfür ebenso ein Beispiel wie internationale Bildungsvergleiche (PISA). Seit wenigen Jahren können wir einen dritten Schub der Quantifizierung beobachten, sichtbar an der Entwicklung von derzeit noch sehr heterogenen Taxonomien und Bewertungspraktiken, die die Alltagswelt, den menschlichen Körper und das Subjekt erfassen. Im Unterschied zu den ersten beiden Phasen sind nun nicht nur Märkte, Organisationen und systemische Prozesse Objekt kalkulativer Bewertungen. Es sind die Subjekte selbst, die neuartige Praktiken einer quantifizierenden Selbstbeobachtung zu entwickeln beginnen: Von der Messung des Schlafverhaltens, der sportlichen und sexuellen Aktivität über die Auswertung von Gefühlsschwankungen und der Arbeitsproduktivität bis zum ‚Sharing‘ dieser Daten im Internet bildet sich ein breites Spektrum kalkulativer Wissenspraktiken. Das Projekt untersucht solche Praktiken der Selbstvermessung und -optimierung, die bislang in beschränkten sozialen Kreisen von ‚Self-Trackern‘ und ‚Self-Quantifiern‘ zu beobachten waren und aktuell auf dem Sprung zu ihrer gesellschaftlichen Verallgemeinerung stehen. Diese Formen der Selbstinspektion werden anhand der Genese einschlägiger Bewertungssysteme (Taxonomien) und alltäglicher Selbstvermessungspraktiken untersucht. Dabei steht das individuelle Sich-Vermessen als ein alltägliches Kultur- und Praxisphänomen im Zusammenhang sowohl der entgrenzten Leistungsanforderungen in der modernen Arbeit als auch der entstehenden Massenmärkte für Selbstvermessungsprodukte. Durch die Analyse dieser Zusammenhänge soll ein soziologisches Verständnis der Taxonomien des Selbst in der Gegenwartsgesellschaft erlangt werden. In drei Teilprojekten konzentriert sich das Projekt auf zwei allgemeine Fragen: Erstens wird anhand des vernetzten und kalkulierten Selbst die Kulturbedeutung der Kalkulation analysiert und damit eine Leerstelle der soziologischen Gegenwartsdiagnose gefüllt. Zweitens werden die Widersprüche des dritten Schubs der Quantifizierung herausgearbeitet, insofern Selbstvermessungspraktiken einerseits emanzipative Potentiale des ‚Sich-selbst-Entdeckens‘ beinhalten, andererseits die Gesamtheit individueller Lebensvollzüge einer instrumentellen Rationalität unterworfen zu werden droht.

‚The Quantified Self‘ ist die Bezeichnung für ein globales Netzwerk von Selbstvermessern, Entrepreneuren, Entwicklern und Anwendern mobiler und netzgestützter Technologien der Selbstinspektion. Deren aufklärerisches Motto lautet „self knowledge through numbers“ (http://quantifiedself.com/about/).

Mittels einer quantifizierenden Selbstbeobachtung sollen Erkenntnisse in Hinblick auf den Status (Gesundheitszustand, Stimmungen, Leistungsfähigkeit), die Bedürfnisse (Schlaf, Nahrung, Sexualität), die alltäglichen Lebensführungsmuster sowie die Optimierungsmöglichkeiten des Selbst gewonnen werden. Selbstvermessungspraktiken basieren auf technischen Artefakten (Aktivitätsarmbänder, Körpersensoren, Smartphones, netzbasierte Diagnosetools) und sollen zu einer vertieften reflexiven Steuerung des Verhaltens mit dem Ziel der Heilung von chronischer Krankheit, der Erkenntnis und Kontrolle von Gefühlen, der Antizipation von Risiken, aber auch der Steigerung der (beruflichen) Leistungsfähigkeit führen. Die Selbstvermesser treffen mit ihrer Verbindung von radikaler Subjektivität, Selbstkontrolle und -rationalisierung einerseits, ihrem ihr Selbstverhältnis prägenden Zahlengebrauch zwei zentrale Entwicklungen der Moderne: die Freisetzung des Subjekts aus traditionalen Bindungen und die Kontrolle gesellschaftlicher Leistungs- und Lebensprozesse mittels organisierter Zahlenwelten. Verschiedene für das moderne Subjekt konstitutive Momente wie emotionale Expressivität und Lust an der Selbstdarstellung einerseits, die Internalisierung von Selbstoptimierungsvorstellungen und eine gesteigerte „Sorge um sich“ (Foucault 1993) andererseits gehen mit technisch mediatisierten Körperpraktiken einher. Gleichzeitig finden sich hier Elemente des von Boltanski/Chiapello (2003) beschriebenen „neuen Geistes des Kapitalismus“ wie Selbstverwirklichung, Autonomiesteigerung und Vernetzung. Selbstvermessung basiert dabei auf medial vermittelten Praktiken der „Präsentation und Sichtbarmachung des eigenen Selbst“ (Bublitz 2010: 27), z.B. durch das netzbasierte Teilen von Performanz- und Intimdaten. Die QS-Bewegung ist Teil eines sozialen Feldes, in dem technische, kulturelle und ökonomische Innovationen so miteinander verknüpft werden, dass hieran mögliche Entwicklungspfade des digitalen Kapitalismus ablesbar werden. Mittlerweile ist eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Benutzern und Entwicklern von Selbstbeobachtungswerkzeugen zu beobachten: Sowohl Startups als auch große Unternehmen aus der Gesundheits-, der Technologie- und der Netzindustrie investieren in diesen Bereich, um neue Produkte und „Erlebnismärkte“ (Schulze 1992) zu entwickeln und marktfähig zu machen. Das Projekt untersucht die Ausweitung kalkulativer Bewertungspraktiken auf die bislang unkalkulierbaren Bereiche der Subjektivität, des Alltags und des menschlichen Leibes demzufolge im Spannungsfeld von Kultur und Ökonomie des Gegenwartskapitalismus, d.h. von Selbstsorge und alltäglicher Lebensführung einerseits, der Etablierung neuer Produkte und Märkte andererseits.

Literatur

Boltanski, L.; Chiapello, È. (2003): Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK

Bublitz, H. (2010): Im Beichtstuhl der Medien. Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis, Bielefeld: transcript

Foucault, M. (1993, Original: 1988): Technologien des Selbst. In: Luther H. Martin u.a. (Hrsg.), Technologien des Selbst. Frankfurt/M.: 24-62

Schulze, G. (1992): Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M., New York: Campus

Sombart, W. (1987) [1916]: Der moderne Kapitalismus, Band II: Das europäische Wirtschaftsleben im Zeitalter des Frühkapitalismus, München: Deutscher Taschenbuch Verlag

Vormbusch, U. (2012): Die Herrschaft der Zahlen. Zur Kalkulation des Sozialen in der kapitalistischen Moderne, Frankfurt/New York: Campus

Weber, M. (1920): Vorbemerkung, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)



30.03.2016
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