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Der Feldzugang in der Krise? - Workshop des Arbeitskreises „Interpretative Organisationsforschung“ der Sektion Wissenssoziologie in der DGS, FernUniversität in Hagen, 09.-10. Juli 2021

[03.05.2021]

Call for Papers.
Die Vorschläge für einen Beitrag (max. drei Seiten) bitte bis zum 25. Mai 2021 einreichen.


Call for Papers

Cornerville was right before me and yet so far away.

William Foote Whyte, Street Corner Society

Dass das, was einem leicht zu erreichen scheint, doch weiter entfernt ist als man an­ge­no­mmen oder zumindest gehofft hat, das kommt im Leben oft vor. In der empi­ri­schen Or­gani­sa­tions­for­schung geschieht es an­dau­ernd: Das Ziel ist hier, einen be­stimm­ten Ort, eine Situ­ation oder Gele­gen­heit, eine be­stimm­te Person oder Gruppe von Personen zu erreichen. Eigentlich müsste man nur hingehen, so könnte man annehmen, und wenn man das Forschungs­design hinreichend bedacht, die Vorauswahl perfekt getroffen und die Anfrage freundlich genug formuliert hat, dann müsste es gelingen, das For­schungs­feld betreten zu können. Genau das erweist sich in der Realität qualitativer Feld­forschung vielfach aber als erhebliches Problem. Eigentlich ist klar, wer oder was beforscht werden soll, eigentlich steht es den Forscher*innen vor Augen, aber gleichzeitig herrschen Unsicherheit und Ahnungs­losigkeit darüber vor, ob und wie ein Zugang gelingen oder scheitern wird. Dass der Zugang gelingt, gelingen muss!, ist eine Voraus­setzung, die nicht außer Kraft gesetzt werden kann – wenn kein Feld­zugang möglich ist, ist auch die geplante Forschung nicht möglich. Besonders augen­scheinlich ist dieses Problem derzeit, weil die äußeren Bedin­gun­gen den Eintritt ins Feld limitieren. Ein Feldzugang kann aber auch aus anderen Gründen scheitern: Er kann an den Kompetenzen der Forscher*innen scheitern, an den Eigenheiten des Gegenstandes und/oder aus der Situation heraus. Dies gilt nicht nur für besonders „exotische“ oder randständige Bereiche, sondern im Gegenteil auch für sehr verbreitete und vermeintlich leicht zugängliche For­schungs­ge­ge­nstände und For­schungs­felder. Gerade Organi­sationen stellt man sich zum Beispiel als ganz nah und leicht erreichbar vor – sie sind aber, das zeigt nicht nur die eigene For­schungs­erfah­rung, oft sehr viel weiter weg als gedacht. Der Feldzugang kann also leicht zur Krise werden: wenn äußere Bedingungen ihn erschweren oder verhindern, wenn Situationen zu komplex werden oder wenn der Gegenstand sich seiner Untersuchung sperrt. In Krisenzeiten gilt das in besonderem Maße, hier wird das Problem besonders deutlich und als solches thematisiert. Gleichzeitig ist der Zugang zum Forschungsfeld aber ein grund­sätzliches Problem für den*die Feldforscher*in, denn ein solcher Zugang hat immer die Eigenschaft, krisenhaft zu sein oder werden zu können. Diesen Sachverhalt möchten wir mit Blick auf drei Schwerpunkte diskutieren:

der Feldzugang in Zeiten der Krise

Die Organisations­forschung ist eines der Felder, in dem der Fortgang der Forschung nicht nur auf elaborierte Theorien, sondern auch auf eine empirische Fundierung angewiesen ist. Insbesondere der Anspruch, theoretische Modelle empirisch zu unterfüttern, ist ein traditionsreicher Bestandtei des professionellen Selbst­verständ­nisses. In einer Krisen­situation wie aktuell der Covid-19-Pande-mie wird daher oftmals besonders deutlich, was ohnehin ein Problem für die empirische Organi­sations­for­schung ist: Überall dort, wo sie auf Teilnahme am organisationalen Alltag und auf Interaktion mit Organi­sations­mitglie­dern angewiesen ist, stehen Forschende erschwerten Bedingungen gegenüber: So führen zum Beispiel allgemeine Maßnahmen des Gesund­heits­schutzes und/oder die je spezifische Situation in Unternehmen, Verwaltungen und anderen Organisationen (Über- oder Unterbelastung durch die wirtschaftliche Lage, Kontakt­beschrän­kungen, veränderte Praktiken wie z.B. Homeoffice o.a.) dazu, dass der Feldzugang vorausset­zungs­voller und höherschwelliger wird. Eine große Heraus­forderung ist also heraus­zufinden, wie eine Erhebung qualitativer Daten unter diesen veränderten und erschwerten Rahmen­bedingungen weiterhin möglich ist.

der Feldzugang als krisenhafter Prozess

Für die Forschenden stellt sich der Feldzugang vielfach als ein persönliches Problem dar. Ihre Aufgabe ist vordergründig, in Form von alltäglicher Kommunikation Kontakte aufzubauen, Beziehungen zu etablieren, wechsel­seitiges Vertrauen zu schaffen und Überzeu­gungs­arbeit zu leisten. Eine solche lebensweltlich gerahmte Kommunikation ist beim Zugang zu Organisationen aber nicht hinreichend: Verbreitet ist die Vorstellung, man müsse es als Forscher*in nur richtig machen und Schritt für Schritt die fremde Welt kennenlernen (wie ein Kind sprechen und gehen lernen (Park), wie Kulturfremde die Etikette lernen (Frake), wie ein ordentlicher Mensch essen, trinken und reden(Girtler)). Neben basalen sozialen Fähigkeiten und den Kompetenzen der Methoden­anwendung bildet aber auch die Sozialisation im Vorfeld der Organisation die Basis eines gelungenen Feldzugangs. Im Zugang zur Organisation liegt genau hier ein Problem: Die symbolische Ordnung und die Praktiken der Organisation kennenzulernen, ist eine Voraus­setzung, um anschluss­fähig inter-agieren und kommunizieren zu können. Der Zugang zum Feld scheitert aber vielfach, bevor überhaupt die Möglichkeit besteht, die Praktiken der Organisation kennenlernen zu können. Das bedeutet, dass das Problem des Feldzugangs nicht nur eine persönliche Krise der Forschenden dar-stellt. Es ist vielmehr eine Krise, die daraus entsteht, dass personale, professionelle und organisationale Dimensionen in einem hoch komplexen Prozess der Interaktion aufeinandertreffen – und es muss genauer betrachtet werden, welche Dimensionen wie zusammen­wirken, damit ein Feldzugang gelingen kann.

der Feldzugang als Krise für den Forschungsgegenstand?

Für die Organisation als Gegenstand der Forschung ist es eigentlich immer eine Krisensituation, wenn Forscher*innen um Zugang bitten: Es ist ein Problem der Grenz­ziehung, der Bearbeitung von Unsicherheit und des Umgangs mit Fremdheit in der Interaktion zwischen Internen und Externen. Solche Probleme werden in Organisationen vielfach durch strukturelle Aus­diffe­ren­zie­rungen zu lösen versucht, beispiels­weise durch das Etablieren von Abteilungen, die als Grenzstellen spe-zifische Aufgaben der Kommunikation mit der Umwelt bearbeiten sollen. Es handelt sich dabei aber auch um grundsätzliche Prozesse und Praktiken innerhalb der Organisation, die das Überwinden von Grenzen, das Einander­bekannt­machen von Insidern und Outsidern, das Treffen und Rechtfertigen von Entscheidungen und das Übernehmen von Verantwortung betreffen. Der be-sondere Anlass von Feldzugangs-Anfragen wird also immer bearbeitet im Rahmen einer lokalen Ordnung und auf der Basis von alltäglichen Praktiken des Arbeitens und Organisierens. Um die Frage zu klären, wie Organisationen mit „Krisen“ der Bearbeitung von Ungewissheit, Grenzzie hung und Fremdheit umgehen, könnte man einerseits versuchen, die Bedingungen eines gelungenen Feldzugangs zu rekonstruieren und zu reflektieren, warum und wie ein Zugang zustande gekommen ist. Andererseits könnte man grundlegende organisationale Phänomene der Grenzziehung, der Konstruktion von Zugehörigkeit oder der Verant­wortungs­über­nahme heranziehen und versuchen, sie auf die Situation des Feldzugangs zu übertragen. Die Problematik des Feldzu-gangs könnte dann darüber erörtert werden, dass man die Krise des Feldzugangs als krisenhafte Situation innerhalb der Organisation versteht und aus der Perspektive organisationaler Prozesse und Praktiken zu verstehen versucht.

Solche unterschiedlichen Dimensionen der „Krisenhaftigkeit“ des Feldzugangs möchten wir im Rahmen eines Workshops (wenn möglich vor Ort, und per Zoom) mit Ihnen diskutieren. Wir freuen uns über Vorschläge für einen Beitrag (max. drei Seiten) bis zum 25. Mai 2021. Für den Arbeitskreis „Interpretative Organisationsforschung“: Prof. Dr. Sylvia Marlene Wilz (E-Mail: sylvia.wilz) und Max Kaufmann, M.A. (E-Mail: max.kaufmann), Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, FernUniversität in Hagen.

13.08.2021