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Forschungswerkstatt am Arbeitsbereich familiale Lebensformen, Netzwerke und Gemeinschaften

Wer kann teilnehmen?

Die Forschungswerkstatt bildet ein Format für Studierende und Promovenden, die sich für eine auf qualitativ-rekonstruktiven Verfahren basierende empirische Qualifikationsarbeit (Bachelor-, Master-, Doktorarbeit) am Arbeitsbereich der Juniorprofessur entschieden haben.

Willkommen sind empirische Arbeiten, die sich mit den „kleinen sozialen Einheiten“ wie Paar- und Familienbeziehungen, Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen, Interaktionen in professionellen Interaktionszusammenhängen, sozialen Kleingruppen allgemein befassen. Ebenso werden von uns Arbeiten betreut, die sich mit der Behandlung typisch mikrosoziologischer Gegenstände und Fragstellungen wie Sozialität, personale Identität, Biografie, Lebenslauf- und Lebensalter, Jugend und Adoleszenz befassen. (siehe mehr „Beratungsangebot“).

Voraussetzung für die Teilnahme an der Forschungswerkstatt sind grundlegende Kenntnisse in der qualitativ empirischen Sozialforschung.

Des Weiteren sind in der Forschungswerkstatt all diejenigen eingeladen, die zum Beispiel im Rahmen eines „studienbegleitenden Praktikums“ Material erhoben haben oder aus diversen Praxisfeldern kommen (Sozialarbeit, klinische Arbeit, therapeutische Praxis) und für die Analyse von Daten eine Fall-bzw. Praxisreflexion anstreben.

Was ist eine Forschungswerkstatt?

Wie die Werkstatt-Metapher schon auf den ersten Blick kenntlich macht, ist die Forschungswerkstatt ein Ort des „Werkens“, einer Praxis, und zwar einer gemeinsamen Praxis. Die Forschungswerkstatt am Arbeitsbereich der Juniorprofessur soll dazu dienen, empirisches Datenmaterial gemeinsam einem Interpretationsprozess zu unterwerfen. Damit kann zum einen erreicht werden, Unsicherheiten im Interpretationsprozess, die gerade für Anfänger sehr groß sind, zu reduzieren. Zum anderen soll durch diese Arbeitsform eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Interpretationen und damit auch das Einüben in die Analyseschritte qualitativen Datenmaterials ermöglicht werden.

Basis der Zusammenarbeit ist die gemeinsame Orientierung an einer qualitativ-rekonstruktiven Methodologie. Von zentraler Bedeutung sind die methodischen Verfahren der Objektiven Hermeneutik und der Grounded Theory. Datengrundlage für die Arbeit in der Forschungswerkstatt sind verschiedene Datensorten, zum Beispiel Transkriptionen von biografischen Interviews, von problemfokussierten Interviews, von familiengeschichtlichen Gesprächen und/oder von Paarinterviews. Weitere Datensorten sind Genogramme und Beobachtungsprotokolle, aber auch Protokolltexte wie zum Beispiel Sitzordnungen, Klingelschilder, Akten, Fotografien oder Videoausschnitte.

Unsere Erfahrung ist, dass die Teilnehmer/innen einer Forschungswerkstatt dann miteinander in einen konstruktiven und gleichberechtigten Dialog kommen, wenn es gelingt, die Orientierung auf den Lehrenden zu reduzieren, zugunsten eines gleichberechtigten Nebeneinanders verschiedener Meinungen, die am empirischen Material bestätigt oder widerlegt werden. Die Kompetenz des gleichberechtigten Stehenlassens verschiedener Lesarten erfordert zunächst einen Strukturierungsprozess von Seiten des Lehrenden. Hat sich dann erst einmal eine Forschungskultur des gemeinsamen Suchens etabliert, überträgt sich diese dann auch relativ schnell auf neu Dazukommende. Ein weiteres wichtiges Ziel der Forschungswerkstatt ist die Etablierung verlässlicher kooperativer Arbeitsbeziehungen.

Warum eine Forschungswerkstatt?

Das Angebot beruht auf folgender Erfahrung, die wir in den letzten Jahren gemacht haben: Für Studierende, aber auch Promovenden, die sich trotz mangelnder Projekterfahrung für ein qualitatives Forschungsdesign im Rahmen ihrer Qualifikationsarbeit (Masterarbeit, Doktorarbeit) entscheiden, ist die Ex-post-Einarbeitung in die qualitative Forschungssystematik mit vielen Risiken behaftet: Zeitkosten, welche den Rahmen der Bearbeitungsphase sprengen können; zusätzlich entstehen möglicherweise Fehler in der Arbeit durch mangelnde Diskussion und Problematisierung der Methoden. Häufig wird eine Unterschätzung von Aufwand und Regelhaftigkeit konstatiert, die sich in einer wenig ausgereiften Analyse widerspiegeln.

Welche Literatur ist Grundlage für ein gemeinsames Arbeiten in der Forschungswerkstatt?

  • Corbin, Juliet M.: Die Methode der Grounded Theory im Überblick. In: Schaeffer, Doris/ Müller-Mundt, Gabriele (Hrsg.): Qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Huber 2002. S. 59-70.
  • Garz, Detlef/ Kraimer, Klaus (Hrsg.): Die Welt als Text. Theorie, Kritik und Praxis der objektiven Hermeneutik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.
  • Glaser, Barney G./ Strauss, Anselm L.: Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern: Huber Verlag 1998.
  • Hildenbrand, Bruno: Methodik der Einzelfallstudie. Theoretische Grundlagen, Erhebungs- und Analyseverfahren, vorgeführt an Fallbeispielen. Studienbrief (3 Kurseinheiten, 413 S.) Hagen: Fernuniversität 1984 (2., überarbeitete Auflage 1994).
  • Hildenbrand, Bruno: Fallrekonstruktive Forschung. In: Flick, Uwe/ von Kardorff, Ernst/ Keupp, Heiner/ von Rosenstiel, Lutz/ Wolff, Stephan (Hrsg.): Handbuch qualitative Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union 1991. S. 256-260.
  • Hildenbrand, Bruno: Einzelfallforschung. In: Lexikon der Geographie. Köln: Landscape 2001. S. 291-292.
  • Hildenbrand, Bruno: Fallrekonstruktive Familienforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005.
  • Hildenbrand, Bruno: Einführung in die Genogrammarbeit. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag 2007 (2. Aufl.).
  • Kraimer, Klaus (Hrsg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000.
  • Oevermann, Ulrich: Die objektive Hermeneutik als unverzichtbare methodologische Grundlage für die Analyse von Subjektivität. Zugleich eine Kritik der Tiefenhermeneutik. In: Jung, Thomas/ Müller-Dohm, Stefan (Hrsg.): „Wirklichkeit“ im Deutungsprozeß. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. S. 106-189.
  • Oevermann, Ulrich: Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis. In: Kraimer, Klaus (Hrsg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000. S. 58-156.
  • Oevermann, Ulrich: Klinische Soziologie auf der Basis der Methodologie der objektiven Hermeneutik. Manifest der objektiv hermeneutischen Sozialforschung. In:http://www.ihsk.de/publikationen/Ulrich_Oevermann-Manifest_der_objektiv_hermeneutischen_Sozialforschung.pdf 2002.
  • Strauss, Anselm: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. München: Fink 1994.
  • Strauss, Anselm L./ Corbin, Juliet M.: Grounded Theory. Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union 1996.
  • Strübing, Jörg: Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004 (Reihe: Qualitative Sozialforschung Bd. 15).
  • Wernet, Andreas: Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. Opladen: Leske & Budrich 2000.

Falk Justin Drewitz | 17.10.2017
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