Rückbau, Steinstraße

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3.2.1 Beschreibung der Umbaumaßnahme Steinstraße

Mit Hilfe der Analyse wurde deutlich, daß die Steinstraße und ihr unmittelbares Umfeld die größten Probleme innerhalb des Quartiers aufweisen. Der untere Teil der Steinstraße gilt in der öffentlichen Meinung geradezu als Synonym für die Probleme des Gebietes Gotha Ost. Gerade dieser Teil wird als Grund für eine ablehnende Haltung dem Viertel gegenüber genannt. Daher haben wir uns mit der Straße und der beiderseitigen Bebauung genauer beschäftigt. Die Umgestaltung und Aufwertung der Steinstraße und vor allem ihres Images kann unserer Meinung nach eine Art Initialzündung für das Viertel bewirken. Investitionen in dieses unmittelbare Gebiet sollten sich daher um ein Vielfaches auszahlen.
Charakteristisch für den Straßenraum ist seine Enge und graue Trostlosigkeit. Es gibt hier kein Grün oder eine andere Farbigkeit. Die Straße weist einen hohen Anteil an Durchgangsverkehr auf. Die Anwohner parken auf dem Bürgersteig. Wie das Foto zeigt, ist eine Besonnung der unteren Bereiche auch zur Mittagszeit nicht gegeben. Problematisch ist vor allem die südliche Seite der Straße. Die Grundrisse der Wohnungen orientieren sich nach Norden, so daß alle Wohnräume auf der Nordseite, der Straßenseite liegen. Wie bereits beschrieben, kann bei der Steinstraße nicht von einer hochwertigen Gründerzeitbebauung gesprochen werden. Die Häuser im Mietskasernenstil haben meist einfache, kleine Wohnungen ohne Bad.
Die ersten Maßnahmen zum Start einer Umgestaltung des Steinstraßenquartiers müssen die Steinstraße direkt betreffen. Zunächst schlagen wir eine Abtrennung der Straße von Langensalzaer Straße (B 247) vor.



Der Straßenraum gehört damit nur noch den unmittelbaren Anwohnern. Am westlichen Ende wird eine Wendemöglichkeit eingebaut. Im Zuge einer Umgestaltung der Oberflächen von Straße und Gehwegen erfolgt ein Rückbau der Straßenbreite auf 5,50 m nach Süden hin. Auf der nördlichen Seite entsteht eine straßenbegleitende Baumreihe aus mittelgroßen Bäumen (z. B. Kugelahorn). Die Bäume erhalten so eine ausreichende Belichtung. Die Bewohner der verschatteten Südseite (Fassade und Wohnräume nach Norden) sehen auf hell erleuchtetes Grün. Zwischen den Bäumen ist ausreichen Platz für Parkmöglichkeiten der Anwohner der Nordseite. Zusätzlicher Parkraum könnte als Parksystem in der Baulücke Langensalzaer Straße 28 / Steinstraße 1 entstehen.

Für die Behandlung der Bebauung schlagen wir eine differenzierte Betrachtung der beiden Straßenseiten vor.


Schnitt durch die Umbauplanung Steinstraße

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1. Nordseite der Steinstraße

Die Steinstraße entstand in ihrer heutigen Form in den Jahren 1895 bis 1905. Die Nordseite der Straße besitzt ihre Schaufassade und damit die Haupträume der Wohnungen nach Süden. Die Ausrichtung ist damit generell günstiger als die der südlichen Straßenseite. Die Fassaden der Nordseite sind durchgängig aus Backstein und zum Teil aufwendig gestaltet. Es besteht eine sehr abwechslungsreiche und bewegte Fassadenlandschaft. Im Vergleich mit den Zeichnungen aus der Erbauungszeit stellt man fest, daß ein großer Teil der Substanz erhalten ist.
Wir schlagen daher vor, auf dieser Straßenseite nicht in den Bestand einzugreifen. Der Zustand der Häuser läßt eine problemlose Sanierung und Modernisierung zu. Für den Straßenraum ist diese geschlossene Gründerzeitbebauung wichtig. So kommt es bei einer Fassadensanierung darauf an, sich an den ursprünglichen Zustand der Fassaden weitestgehend anzunähern. Zu erwähnen wären in diesem Zusammenhang beispielsweise die Aufteilung von Fenstern und der Haustür, der Verzicht auf Sattelitenschüsseln und Werbeanlagen und die Erhaltung der Backsteinoberflächen.
Die Wohnungen bedürfen einer Modernisierung. Hierzu zählen vor allem der Einbau von Zentralheizung und Bädern. Die Wohnungsgrundrisse müssen eventuell den heutigen Anforderungen angepaßt werden. Zur Verbesserung der Wohnqualität zählen auch die günstigeren Besonnungsverhältnisse infolge der Rückbaumaßnahmen auf der Südseite der Steinstraße.
Zu Beginn der Steinstraße, im Bereich der heutigen Schuppen (Langensalzaer Straße 28), ist ein Neubau in Abmessungen und Proportionen der Nachbarbebauung vorstellbar.


Nordseite um 1900


Nordseite Bestand

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2. Südseite der Steinstraße

Bei der Behandlung der problematischen Südseite der Steinstraße geht es um eher um einen generellen Weg der Behandlung einer gründerzeitlichen Straßenbebauung. Gesucht ist ein beispielhafter Umgang mit weniger werthaltiger historischer Substanz. Das Straßenbild der Südseite wird im Wesentlichen durch einen Haustyp geprägt. Somit entstand ein sehr monotones Bild einer viergeschossigen Backsteinfassade mit Satteldach.

  Bestand Planung
Anzahl der Häuser 6 6
Anzahl der Wohnungen 48 18
Wohnfläche gesamt 2600 m² 1750 m²
Wohnfläche/ Wohnung Ø 54 m² Ø 97 m²

In diesem Sinne haben wir uns auf der Südseite zum Eingriff in die Fassadenstruktur und die Wohnungsgrundrisse entschlossen. Gleichzeitig erfolgt damit ein Rückbau an Wohnungen und Wohnfläche. Der Eingriff hat das Ziel, die Größe und Qualität der Wohnungen, sowie das Erscheinungsbild der Straßenansicht zu verbessern. Gesucht ist ein aufgelockertes Fassadenbild ähnlich dem der gegenüberliegenden Nordseite. Durch den Abriß von ein bzw. zwei Geschossen wird die Belichtungssituation der Steinstraße wesentlich verbessert.
Der Rückbau soll dabei durchaus unter Akzeptanz und Wahrung der gründerzeitlichen Bauten stehen. Als neue Gebäudekanten bzw. Trauflinien wurden so beispielsweise vorhandene Gesimse oder Backsteinverzierungen gewählt. Mit einer Fassadenreinigung und einer Orientierung an ursprünglichen Fenster- und Türaufteilungen soll an den gründerzeitlichen Eindruck angeschlossen werden.
Umbau und Modernisierung der Häuser stehen unter der Zielsetzung möglichst flexibler Wohnungsgrundrisse. Damit ist zum einen die einzelne Wohnung mit einer modernen Grundrißlösung gemeint. Zum anderen soll aber auch die Art und Größe der Wohnungen im Haus den Anforderungen des Wohnungsmarktes Rechnung tragen. Beispielhaft schlagen wir hier eine Haus-in-Haus Lösung mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von Eigentumsbildung vor. Dabei werden zunächst das alte Satteldach und in einer Abstufung ein bzw. zwei Geschosse des alten Gebäudes rückgebaut. Auf dem Torso wird ein neues Geschoß mit Dachaufbau und ein Sichtschutz errichtet. Die Anzahl der Wohnungen verringert sich von zunächst acht auf drei. Somit erhöht sich automatisch die jeweilige Wohnungsgröße. Im Haus erhält man zwei Wohnungen über zwei Etagen (W2 und W3) sowie eine kleine Wohnung auf einer Ebene (W1). Die Wohnungen über zwei Etagen bekommen eine separate, innenliegende Erschließung.
Jegliche andere Aufteilung des Hauses bleibt möglich. Zum Beispiel:
fünf kleine Wohnungen auf einer Ebene oder eine Wohnung auf zwei Etagen und drei kleine auf einer Ebene


Südseite um 1900


Südseite Bestand


Südseite Umbauplanung

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Hofansicht von Süden mit Umbauplanung

Zu den Wohnungen:
Wie bereits beschrieben, erhalten die Häuser der Steinstraße einen stark vergrößerten Garten- und Hofbereich durch den Rückbau der Industriebrache. Im Schnitt auf Seite 24 sieht man die Ausnutzung des vorhandenen Höhenunterschiedes zur Bildung eines ebenerdigen Gartenzuganges der Erdgeschoßwohnungen. Mit der Errichtung einer Stützmauer und eines begrünten Carports entsteht ein abgeschlossener Gartenbereich. Die Erschließung für Autos und Fahrräder erfolgt über die neue Stichstraße im Blockinnenhof. Nahe am "eigenen Haus" können beide abgestellt werden. Über einen mittig gelegenen Weg gelangt man in das Gebäude. Der traditionelle Eingang in der Steinstraße bleibt offizieller Zugang. Entsprechend der inneren Aufteilung und der Rückbausituation erhalten die Gebäude eine neue Hoffassade mit veränderten Öffnungen und einer veränderten, kleinteiligeren Farbgebung. Der neue Aufbau in der zweiten Etage bleibt als solcher deutlich erkennbar. Die neuen Dachterrassen werden begrünt.

W1 (ca. 50 m²)
Im Erdgeschoß entsteht eine kleinere Wohnung auf einer Etage für junges Wohnen oder als seniorengerechte Wohnung. Die Zweizimmerwohnung erhält ein neues Bad. Aus der Küche tritt man ebenerdig in den Garten.

W2 (ca. 110 m²)
Wohnung 2 ist eine Art Reihenhaus und besitzt ebenfalls einen Gartenanteil. Im Erdgeschoß betritt man die Wohnung über einen kleinen Windfang. Hier befindet sich ein Gäste WC. Die große Wohnküche mit Eßbereich bildet den Mittelpunkt der Wohnung. Von hier aus tritt man in den Garten. Im Erdgeschoß befindet sich ebenfalls ein Kinder- oder Gästezimmer. Über die neu eingebaute filigrane Holztreppe erreicht man das Obergeschoß. Hier befindet sich das Wohnzimmer. Mit einer zweiflügeligen Tür läßt sich ein kleinerer Bereich abtrennen. Ein großes Bad und das Elternschlafzimmer orientieren sich mit einem französischen Fenster zum Garten.


Grundriß Erdgeschoß


Grundriß Obergeschoß


Grundriß Dachgeschoß

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W3 (ca. 130 m² ohne Terrasse)
Die dritte Wohnung beginnt im Obergeschoß. Hier liegen Kinderzimmer, Schlafzimmer und das neue Bad. Über die interne Treppe gelangt man in die großzügige Wohnetage. Neben einem kleinen Arbeitszimmer gibt es eine große Küche mit Eßbereich. Beide sind durch den neuen Aufbau der Wände großzügig verglast. Der neue Wandaufbau stellt sich nach Außen mit einer horizontalen Holzbeplankung auch als solcher dar.
Über öffenbare Glastüren ist die Terrasse zuschaltbar. Sie kann stark begrünt werden und bietet im Norden einen Sichtschutz zu Straße und gegenüberliegender Bebauung. Der Wohn- und Rückzugsbereich liegt nach Norden mit der ursprünglichen Backsteinwand und Fenstergestaltung.


Fassadenausschnitt zur Steinstraße


Fassadenausschnitt zum Innenhof

Quelle: Integriertes Stadtenwticklungskonzept, Juni 2002, Stadtteilkonzept Steinstraße, S. 19-23