Stadtbildverändernde Baumaßnahmen von 1945 bis heute

Stadtbildverändernde Baumaßnahmen in Gotha 1945 bis heute - Ein Katalog

von Dipl.-Ing. Roland Adlich

Vergeblich wird das Bemühen sein, die Stadt Gotha mit Worten beschreiben zu wollen.
Man könnte schreiben wieviele Stufen die treppenartig angelegten Gehwege am Schlossberg aufweisen, welches Maß die Bögen der Arkadengänge im Schlosshof haben, mit was für Dachziegel die Dächer gedeckt sind; doch all dies wäre, als sagte man nichts.
Nicht daraus besteht die Stadt, sondern aus Beziehungen zwischen ihren räumlichen Abständen und den Geschehnissen ihrer Vergangenheit: die Breite der Schlossrampe und die Kutschen des Hofstaates, die diesen Weg nahmen; die Weite eines Platzes und das lebendige Markttreiben auf ihm; die enge Gasse und die sich aus dem Fenster lehnenden und schwatzenden Frauen; das offene Kellerfenster und das Hindurchschlüpfen einer Katze.

Eine Beschreibung Gothas, wie es heute ist, müsste Gothas gesamte Vergangenheit enthalten.
Aber eine Stadt sagt nicht ihre Vergangenheit, sie enthält sie wie die Linien einer Hand, geschrieben in die Straßenränder, die Fenstergitter, die Brüstungen der Treppengeländer, die Blitzableiter, die Fahnenmasten, jedes Element seinerseits schraffiert vom Kratzen, Sägespuren, Einkerbungen.
Alles auszutauschen, zu erneuern hieße die Vergangenheit wegzuwerfen. Andererseits braucht eine Stadt die Veränderung, denn sie lebt mit ihren Bewohnern.
Es sind heute nicht mehr die gleichen Menschen, die in der Kutsche die Schlossrampe befuhren; ihre täglichen Einkäufe an den zahlreichen Marktständen tätigten; aus dem Fenster lehnend einen Schwatz mit der Nachbarin hielten.
Eine Stadt, die sich nicht verändert, hat aufgehört zu leben. Sie wird in ihrer Verharrung zu einem musealen Ausstellungsstück.

Oft sind wir geneigt, alte Ansichtskarten zu betrachten, die Gotha zeigen, wie es früher war und mit der heutigen Situation zu vergleichen.
Vom Betrachter wird erwartet, dass er die Stadt auf der alten Postkarte lobt und sie der heutigen vorzieht. Dabei wird vergessen, dass es diese Stadt auf der alten Ansichts- karte schon längst nicht mehr gibt, weil sich die Menschen in ihr verändert haben.
Unnütz also die Frage, ob die heutige Stadt besser ist als die alte oder umgekehrt.

Es ist auch die Stimmung dessen, der sie ansieht, die der Stadt ihre Gestalt gibt.
Gehst du pfeifend hindurch, die Nase in der Luft, erlebst du sie von unten nach oben:
Fenstergesimse, frischer Blumenschmuck, Springbrunnen. Gehst du hindurch mit dem Kinn auf der Brust, die Faust in der Tasche vergraben, verfangen sich deine Blicke den Boden entlang an Rinnsteinen, Gullys, Papierabfällen, Zigarettenkippen.
Manch Zeitgenosse wundert sich, wenn er Tag für Tag dieselben Straßenabschnitte durchläuft, dass er morgens die üble Laune vom Vortag zu Füßen der Wände verkrustet wiederfindet. Man kann nicht sagen, dass ein Bild der Stadt wahrer ist als das andere; aber wir können uns bemühnen ab und zu den Kopf zu heben, um beide Bilder in uns aufzunehmen.

Dieser Beitrag enthält sich bewusst jeder Bewertung. Er stellt nur fest. Es soll der Beginn einer Dokumentation sein, die hilft, unser Zeitgefühl für die Veränderungen im Stadtbild Gothas etwas besser zu justieren. Es wird dem Leser selbst überlassen, den jeweiligen zeitlichen Bezug zu gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen in unserer Stadt herzustellen.
Auch stellt die Auswahl eines Objektes in dieser Dokumentation keinesfalls eine Wertung seiner Bedeutung für das Stadtbild dar. Wie bereits erwähnt, hat ohnehin fast jeder eine andere Wahrnehmung dieser Stadt. Oft ist einfach das nicht ermittelbare Baujahr Grund für die Nichtaufnahme.
Insofern bittet der Autor an dieser Stelle dringend um Hinweise zur Ergänzung dieses Kataloges. Als Zeitraum der Betrachtung wurde 1945 bis 2002 gewählt, weil gerade für diese jüngere Vergangenheit besonderer Nachholebedarf an Dokumentation erkennbar ist. Hinzu kommt, dass in der Zeit ab 1990 das Stadtbild an besonders vielen Stellen gleichzeitig einer eingreifenden Veränderung unterworfen war, so dass eine genaue zeitliche Zuordnung aus dem Gedächtnis bereits heute schwer fällt. Als Quellen dienten am verlässlichsten Luftbildauswertungen und datierte Stadtpläne. Alte Bauakten, soweit auffindbar, sind ebenfalls ausgewertet worden. Aber auch Befragungen von Zeitzeugen flossen mit in die Ausarbeitung ein. Trotz des Bemühens nur verlässliche Angaben in den Katalog aufzunehmen, sind deshalb geringfügige Ungenauigkeiten nicht unbedingt auszuschließen.

Als besonders markant erwies sich für die Zeit von 1957 bis 1985 die Erweiterung des bebauten Stadtgebietes in westliche Richtung. Deshalb erfährt dieser Bereich auch eine gesonderte Betrachtung. Das Wachstum dieses Stadtteils lässt sich an Hand der in Tabelle 1 gesammelten Daten nachvollziehen. Sie enthält alle auffindbaren Baugenehmigungen und Gebrauchsabnahmen. Liegen Gebrauchsabnahmen nicht vor, kann die Bauzeit nur an Hand des Baugenehmigungstermines geschätzt werden.
Anschaulicher wird die Darstellung der Entwicklung dann in der Karte "Entwicklung von Gotha-West" dargestellt. Ausgehend vom Gebäudebestand 1956, der aus einem Luftbild aufgenommen wurde, wird die bauliche Entwicklung farblich markiert in jeweils Fünf-Jahres-Abschnitte dargestellt. Zur Kontrolle wurde ein Luftbild aus dem Jahr 1970 herangezogen.

Im Wesentlichen war die Entwicklung von Gotha-West 1985 abgeschlossen. Es folgte lediglich 1986 - 1987 eine Nachverdichtung durch die drei Wohnblöcke Humboldtstraße 57 - 99, bei der erstmals in Gotha-West so genannte "Funktionsunterlagerungen" für Dienstleistungseinrichtungen gebaut wurden.

Entwicklung Gotha-West, 1956-1987

Wohn-
gebiet
Standort Vorhaben Baugenehmigung sonstige Belege
1 Brunnenstraße Wohnstraße 29.11.1957  
1 Romillystraße 2-6 Block 3 31.05.1960 Gebrauchsabnahme: 06.08.1962
1 Romillystraße 7-11/13-17 Block 4, 5 03.05.1961  
1 Romillystraße 1-5 Block 6 30.12.1959 Gebrauchsabnahme: 12.10.1962
1 Romillystraße 14-18 Block 1, 2 10.03.1961 Gebrauchsabnahme: 06.11.1964
1 Carl-von-Ossietzky-Str. 37-41 Block 4 19.01.1960 Rohbauabnahme: 15.09.1960
1 Carl-von-Ossietzky-Str. 17a-17c Block 5 28.02.1962 Gebrauchsabnahme: 30.09.1964
1 Carl-von-Ossietzky-Str. 20 Block 6 08.01.1962 Gebrauchsabnahme: 12.10.1962
1 Carl-von-Ossietzky-Str. Wohnstraße 21.04.1959  
1 Dr. Hans-Loch-Straße 3 Blöcke 31.08.1962
11.04.1963
Gebrauchsabnahme: 31.12.1963
1 Schumannstraße 22-30 Block 1 16.03.1962  
1 Kantstraße 31-37/23-29 Block 1, 2 05.04.1963  
1 Kantstraße 15-21 Block 3 05.04.1963  
1 Schumannstraße 1-5 Block 4 05.04.1963  
1 Schumannstraße 7-11 Block 5 05.04.1963 Gebrauchsabnahme: 30.06.1964
1 Humboldtstraße Ausbau der verlängerten Humboldtstr. 02.01.1964  
1 Humboldtstraße 11-23 Block 13 07.11.1963  
1 Humboldtstraße 26-37 Block 17-22 15.03.1965  
1 Humboldtstraße Teilobjekt Zufahrt und Parkflächen Block 19-22 12.11.1968  
1 Humboldtstraße Kinderkrippe/ Kindergarten 26.09.1969 Gebrauchsabnahme: 24.11.1971
1 Humboldtstraße Freiflächengestaltung Kinderkrippe/ Kindergarten 17.10.1969  
1 Von-Hoff-Straße 1-47 Block 123-125 23.12.1969  
1 Humboldtstraße Freiflächengestaltung Turnhalle der POS 04.02.1972  
2 Humboldtstraße/ Stölzelstraße 1-11/2-12 Block 126, 128 01.09.1971  
2 Stölzelstraße 14-30 Block 127   Gebrauchsabnahme: 26.03.1973
2 Stölzelstraße 2-12 Block 128   Gebrauchsabnahme: 11.05.1973
2 Bendastraße 31-41 Block 130 29.12.1971
(vorläufig)
 
2 Böhnerstraße 13-29 Block 132 18.07.1972  
2 Böhnerstraße Block 133, 134 21.09.1972  
2 Stölzelstraße 1-17/19-29 Block 135, 136 30.09.1971  
2 Von-Zach-Straße 1-11 Block 137 28.12.1971  
2 Von-Zach-Straße 13-23 Block 138 18.05.1972  
2 Von-Zach-Straße 25-35 Block 139   Gebrauchsabnahme: 23.02.1973
2 Von-Zach-Straße 37-47 Block 140 20.04.1972 Gebrauchsabnahme: 13.04.1973
2 Von-Zach-Straße 49-59 Block 141 26.04.1972  
5 Eschleber Straße 50-80 Block 4, 5 07.04.1980  
5 Am Schafrasen 17-23 Block 7 11.06.1980  
5 Am Schafrasen 1-15 Block 8, 9 11.06.1980  
5 Am Schafrasen 2-8 Block 10 21.07.1980  
5 Am Wiegwasser 49-79 Block 14, 15, 16, 17 10.09.1980  
5 An der Wolfgangwiese 18-24 Block 18 04.12.1979  
5 An der Wolfgangwiese 2-16 Block 24, 25 06.12.1979  
5 Eschleber Straße 1-15 Block 30, 31 17.10.1980  
5 Eschleber Straße Sporthalle 17.10.1980  
5 An der Goth 2-16 Block 32, 33 22.12.1981 23.12.1981  
5 Eschleber Straße POS 02.04.1980  

Quellen: Archiv Bauordnung, Stadtverwaltung; Kreisarchiv, Landratsamt; Luftbildaufnahmen von 1956 und 1970, Stadplanungsamt

Entwicklung der Bebauung Gotha-West, 1956-1986

Entwicklung der Bebauung Gotha-West, 1956-1986
Quelle: Stadtplanungsamt Gotha
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Auch im übrigen Stadtgebiet standen stadtbildverändernde Baumaßnahmen von 1945 bis 1989 meist im Zusammen- hang mit Wohnungsbauvorhaben. (Traurige) Ausnahmen von ganz besonderer Auswirkung waren die "sozialistische Umgestaltung" des Neumarktes im Jahr 1969 und der Aus- bau der Gartenstraße als Hauptverkehrsmagistrale 1966 - 67.

Bereits 1985 war die Phase der extensiven Erweiterung des Stadtgebietes durch Geschosswohnungsbau in Gotha beendet.

Nach der Wende entwickelte sich erneut ein erheblicher Investitionsdruck der sich in der Suche nach neuen Bau- standorten zeigte. Durch eine klar definierte und formulierte Stadtentwicklungsplanung gelang es, diesen Investitionsschub zur Schließung von Baulücken und damit zur teilweisen Stadtreparatur in das bereits erschlossene und bebaute Stadtgebiet zu lenken.

Geschosswohnungsbau auf der "grünen Wiese" gab es nach 1989 nicht mehr.

Eine Ausnahme stellt in beschränktem Umfang der Ein- familienhausbau dar. Diese Wohnform ist nur bedingt, an ausgewählten Standorten, zur Stadtreparatur geeignet.
Aber auch hier gibt es einige Beispiele, bei denen vorhandene ehemals gewerblich genutzte Grundstücke beräumt und durch Einfamilienhäuser nachgenutzt wurden (Schlacht- hofgelände Uelleber Straße, LPG-Gelände W.-Umbreit- Straße, Gelände der Firma C + P Stahlmöbel an der Reinhardsbrunner Straße).

Deutlich ist die Zahl der stadtbildverändernden Baumaßnahmen nach 1990 angestiegen. In der vorliegenden Aus- wahlliste wurden nur Neubauten aufgenommen. Die unzähligen Sanierungen bestehender Gebäude in diesem Zeitraum würden den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Sie prägen aber selbstverständlich auch das Stadtbild, wie die Menschen auf den Straßen und Plätzen dieser Stadt.

Will man Gotha beschreiben wie es heute ist, muss man bei den Bewohnern beginnen, wie sie sich bewegen, was sie denken und wie sie sich kleiden...

STADTBILDVERÄNDERNDE BAUVORHABEN BIS 1990

Objekt Bauzeit
Wohnungsbau Gotha-West
(siehe Tabelle und Plan)
1956-85
Straße der Einheit 1-28
(Wohnbebauung)
1957-60
Abriss des Theaters am Ekhofplatz 1958
Brieglebstraße 5-36 1963-65
Ekhofplatz 2
(Wohnhochhaus 108 WE)
Abriss 1998
1964-65
sozialistische Umgestaltung des Neumarktes 1969
Lückenbebauung Neumarkt 5-9 / 10-18 1969
Siebleber Straße 30-38 1970
Moßlerstraße 2/ 4-8 / 12 / 14-30 1980-83
Objekt Bauzeit
Wohngebiet Blumenbachstraße (950 WE)
Abriss 1981-83 / Neu
1984-86
Wohngebiet Nonnenberg (452 WE)
Abriss 1984-85 / Neu
1987-88
Bohnstedtstraße 1-15 / 17-23 / 2-4 1984
Jüdenstraße 13-17 1986-87
Augustinerstraße 2-20 1986-87
Klosterplatz 2-4 1986-87
Humboldtstraße 57-99
(Nachverdichtung 176 WE)
1986-87
Wohngebiet Cl.-Zetkin-Straße
(Gotha-Siebleben, 950 WE)
1987-89

STADTBILDVERÄNDERNDE BAUVORHABEN AB 1990

Hünersdorfstraße 12
(blaues Haus)
1991-92
Mönchelsstraße / Ekhofplatz
Arnoldiplatz / Schlossergasse
(Viktoriaviertel)
1992-94
Objekt Bauzeit
B.-Schneyer-Straße 11-23
(Wohn- und Geschäftshäuser)
1992
Jüdenstraße 14-18
(Kaufhaus "Müller")
1992-93
Erfurter Straße 1-3
Margarethen- straße 6-8
(Kaufhaus "Joh")
1993-94
Uelleber Straße 3a
(Sanierung Schlachthof)
1994
Hünersdorfstraße 3
(Umbau)
1993-94
Brühl 10
(Wohn- und Geschäftshaus)
1994-95
Lindenauallee 22-24 1994-95
Bergallee 2 / Burgfreiheit 2
(Wohn- und Geschäftshaus)
1994-95
B.-Schneyer-Straße 12-14 / 16-18
(Wohn- und Geschäftshäuser)
1994-95
Reuterstraße 2a
(Finanzamt)
1995
Objekt Bauzeit
Schubertstraße 6
(Polizeiinspektion)
1995
Goethestraße 19-21
(Wohnanlage)
1995
Inselsbergstraße
(Wohnanlage)
1995-96
Dreikronengasse 1-7 / Bergallee 1-3
( Wohn- und Geschäftshäuser)
1995-96
Erfurter Straße 8-10
(Reisebüro "Steinbrück")
1995-96
Gerbergasse
(Neubau Sparkasse)
1995-96
Fr.-Jacob-Straße 3 / Waschgasse 6
(Wohn- und Geschäftshaus)
1995-96
Lindenauallee 2
(Wohnbebauung "Neue Münze")
1995-96
B.-Schneyer-Straße 11-23
(Wohnanlage)
1995-96
Gartenstraße 42
(Parkhaus "Joh")
1996-97
Objekt Bauzeit
Brühl 6-7
("König Sahl")
1996-97
Breite Gasse 2-2a
(Wohnanlage)
1996
Waltershäuser Straße 6
(Wohnhaus)
1996-97
Erfurter Straße 4-6
(Geschäftshaus)
1997
Ekhofplatz 2b
Schwabhäuser Straße 42
(Eckbebauung Wohn- und Geschäftshaus)
1997
Humboldtstraße 88
(ärzte- und Geschäftshaus)
1997
Gutenbergstraße 11-13
Querstraße 14
(Wohn- und Geschäftshäuser)
1997-98
Nonnenberg 4-6
Berg 15-17
(Wohnbebauung an der Treppenanlage)
1998
Siebleber Wall 4-8
(Wohnbebauung "Alte Münze")
1998-99
Kindleber Straße 99 b
(Berufsschulzentrum)
1998-2003
Objekt Bauzeit
Ekhofplatz 2
(Kaufhaus "Kressner")
1999-2000
Mönchelsstraße 14-20
Stiftsgasse 2-14
Schwabhäuser Straße 7-14
(Wohnbebauung "Mönchelshof")
1999-2000
Platzgestaltung Neumarkt 1999-2000
B.-v.-Suttner-Platz 2-8
(Geschäftshaus "Pro Markt")
2001