Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Harry Block im Vortrag Foto: Werner Daum
Harry Block im Vortrag

Zum Schutz natürlicher Ressourcen und unserer Lebenswelt -

vier Jahrzehnte grüner Kämpfe in Karlsruhe und in der Region

15. Januar 2020, 18 Uhr
Harry Block

Flyer zur Veranstaltung (PDF 1 MB)

Jenseits des grünen Parteijubiläums: Eine erfolgreiche Bilanz der ökologisch-sozialen Bewegungen in den „Gesprächen am Tor“

Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung der Bundespartei „Die Grünen“ am 13. Januar 1980 in Karlsruhe zog Harry Block seine persönliche Bilanz der grünen Kämpfe in Stadt und Region. Vor einem in beeindruckender Zahl im Regionalzentrum Karlsruhe der FernUniversität versammelten Publikum ließ der Referent die Hochs und Tiefs der Karlsruher Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung Revue passieren, die seit fast einem halben Jahrhundert aufs Engste mit dem persönlichen Engagement des ehemaligen Berufsschullehrers verknüpft sind. In der doppelten Rolle des Zeitzeugen und Aktivisten begeisterte Harry Block sein Publikum mit einer leidenschaftlichen Schilderung der – jenseits der grünen Parteigründung – von der ökologisch orientierten Basis getragenen Kämpfe.

Deren Etappenziele verbanden sich etwa mit dem erfolgreichen Engagement gegen das geplante Kernkraftwerk in Whyl, die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf („Das war Krieg!“) oder den „Schnellen Brüter“ im Kernforschungszentrum Karlsruhe sowie der Aufklärung der Öffentlichkeit über das Atommüllproblem (Kernforschungszentrum, Kernkraftwerk Philippsburg, Castor-Transporte in der Region) oder die Strahlenbelastung nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl (auch mittels der tagelangen Besetzung der Karlsruher Stadtkirche). Immer wieder rieb man sich an der heimischen Nuklearforschung, deren Ausmaße zum Teil durch „Whistleblower des Kernforschungszentrums“ aufgedeckt werden konnten, auch wenn der weltweite Karlsruher Wissenstransfer zur Nutzung von Atomwaffen („Proliferation“) nicht verhindert werden konnte und die Nuklearforschung jüngst durch ihre europäische Bündelung in einem „Joint Research Center“ (JRC) eine neuerliche Krönung vor Ort erfahren hat.

Weitere Schauplätze bildeten anlässlich der Irakkriege die Blockade der Kerosinlieferungen von Karlsruher Raffinerien zu den US-Militärbasen in Ramstein und Frankfurt, die Durchsetzung von Denkmälern zu Ehren von Wehrmachtsdeserteuren im Stadtgebiet, der erfolgreiche Protest gegen eine örtliche Thermoselect-Anlage, der eher aussichtslose Kampf gegen den seit einem Jahrzehnt anhaltenden U-Bahn-Bau im Stadtgebiet („Aus dem damals befürchteten Millionen- wurde inzwischen ein Milliardengrab!“) sowie immer wieder die Aufdeckung der skandalösen Handhabung des technischen Umweltschutzes etwa bei Wasserrechtsverfahren (Rheinerwärmung durch Industrieeinleitungen). Neben dem Engagement für eine nachhaltige Verkehrs- und Stadtentwicklung war man auch im Energiesektor mit der Forderung nach einer Energiewende in den 1980er Jahren seiner Zeit weit voraus. Bis heute haben die Auftritte Harry Blocks als Aktionär auf den Hauptversammlungen etwa der EnBW AG nicht an Brisanz verloren. Überhaupt verweist gerade die energiepolitische Arena auf die anhaltende Relevanz grün-ökologischen Engagements. Trotz mancher Rückschläge, die sich bis heute auch immer wieder mit der Kriminalisierung der Bewegung verbinden („Ich stand mehrfach vor Gericht!“), zog der Referent eine positive Bilanz: „Wir haben schon einiges erreicht.“

Im anschließenden Austausch mit dem Publikum vertiefte sich dann der Eindruck, dass die dargebotene Bilanz vergangener Auseinandersetzungen nicht von den aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der globalen Klimakrise zu trennen ist. An ihr sind alle unsere Handlungen auszurichten, lautete das Schlussplädoyer Harry Blocks („Wir müssen uns minimieren!“), womit der Referent erahnen ließ, dass der Kampf längst mit erhöhter Brisanz weitergeht – wie lange überhaupt noch Zeit dafür bleibt, scheint indes erstmals in der Menschheitsgeschichte völlig offen zu sein.

Harry Block, geb. 1949 in Karlsruhe, nach dem Abitur als Wehrpflichtiger bei einer Luftwaffensanitätseinheit, ab 1968 Lehramtsstudium (Hauptfach Mathematik) und im Rahmen der evangelischen Studentengemeinde aktiv im Kampf gegen den Vietnamkrieg, daraus resultierend Kriegsdienstverweigerung, 1972 Mitbegründer der Initiative „Reservisten Verweigern“ und der Grünen Liste Karlsruhe, in der Folge intensive Beschäftigung mit den Atomkraftwerken des damaligen Badenwerks (heute EnBW) sowie den Atomreaktoren und der Wiederaufarbeitungsanlage im ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe, Wahl zum Gemeinderat der Stadt Karlsruhe für die Grüne Liste/Die Grünen mit dem Schwerpunkt Umweltschutz, heute Vorstandsmitglied von BUND Karlsruhe und BUND Mittlerer Oberrhein mit dem Schwerpunkt technischer Umweltschutz.

Literaturtipp:
Michael Wilk/Bernd Sahler (Hg.), Strategische Einbindung. Von Mediationen, Schlichtungen, runden Tischen... und wie Protestbewegungen manipuliert werden. Beiträge wider die Beteiligung, Lich 2014.