Regionalzentrum Karlsruhe

Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

15. Februar 2017, 18 Uhr:
Brigitte und Gerhard Brändle –
Karlsruhe/Baden - Gernika/Spanien 1937 – 2017: Erinnerungen

Brigitte und Gerhard Brändle im Vortrag

Offenlegung erinnerungspolitischer Defizite in den „Gesprächen am Tor“: Der umstrittene Umgang mit der badischen Verstrickung in den Spanischen Bürgerkrieg

„Die Spanienfreiwilligen aus Karlsruhe sind in ihrer Heimatstadt gut beschwiegen“, konstatierte Brigitte Brändle in dem Vortrag, in dem sie gemeinsam mit ihrem Ehemann an das widersprüchliche Engagement vieler Karlsruher und Badener im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) erinnerte. Acht Jahrzehnte nach der Bombardierung und Zerstörung der baskischen Stadt Gernika durch NS-Deutschland lud das Regionalzentrum Karlsruhe der FernUniversität in Hagen die interessierte Stadtöffentlichkeit zu einem Vortrag über die historischen Hintergründe dieses Ereignisses und seine erinnerungspolitische Bilanz. Die Referenten sind durch ihre jahrzehntelangen Archivforschungen und zahlreiche Publikationen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Baden und angrenzenden Frankreich ausgewiesen.

Im eingespielten Wechsel trugen Brigitte und Gerhard Brändle ihre brisanten Forschungsergebnisse vor, die dem erstaunten Publikum sowohl die Unterstützung als auch die Bekämpfung der Franco-Putschisten durch unterschiedliche Karlsruher bzw. badischer Akteure im Spanischen Bürgerkrieg veranschaulichten. Die Unterstützung der Franquisten durch Bomberpiloten, Waffenproduzenten und Marinesoldaten (Fregatte „Karlsruhe“) aus dem deutschen Südwesten blieb nach 1945 ohne angemessene kritische Aufarbeitung; und auch das im Vortrag an mehreren erschütternden Lebenswegen veranschaulichte Einzelschicksal vieler antifaschistischer Spanienkämpfer erfuhr in der Bundesrepublik keine befriedigende Würdigung. In seiner kritischen Bilanz machte der Vortrag somit vor allem auf die Mängel und Versäumnisse der im deutschen Südwesten gepflegten Erinnerungspolitik aufmerksam, die trotz formaler Gedenkinitiativen und einer Städtepartnerschaft (Pforzheim-Gernika) als unzureichend gelten muss.

Die anschließende Diskussion würdigte die historische Bedeutung des Spanischen Bürgerkriegs als Vorwegnahme der zentralen Konflikte zwischen Demokratie und Faschismus sowie libertärem Sozialismus und Stalinismus, wie sie im Zuge von Zweitem Weltkrieg und Kaltem Krieg den Rest des 20. Jahrhunderts prägen sollten. Besonders lebhaft und kontrovers wurde über die erinnerungspolitische Verantwortung gestritten. Viele Teilnehmer waren sich einig in dem Plädoyer, die Erinnerung an Gernika und den Spanischen Bürgerkrieg zum Anlass für eine kritische Haltung gegenüber aktuellen geopolitischen Krisen unter Beteiligung deutscher Politik und Wirtschaft (insbes. der Rüstungs- und Waffenindustrie) zu nehmen.

Brigitte und Gerhard Brändle forschen und veröffentlichen seit 1980 zum Thema Abwehrkampf und Widerstand in und aus Baden gegen die NS-Diktatur, auch zu Lebenswegen von Résistance-KämpferInnen in Baden, der Beteiligung von Spanienfreiwilligen im Kampf gegen Franco ab 1936 und dann in der Résistance sowie zum Abwehrkampf von „deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens“ gegen die Gefahr von rechts.

Brigitte Brändle/Gerhard Brändle, Adelante Libertad - Spanienfreiwillige aus Baden 1936-1939, Karlsruhe 2016
[Publikation der Referenten zum Download im Netz]


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