Regionalzentrum Karlsruhe

Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

5. April 2017, 18 Uhr:
Prof. Dr. Ewald Grothe –
„die unselige politik verleidet einem jetzt alle tage“. Die Brüder Grimm und ihre Zeit

Prof. Dr. Ewald Grothe im Vortrag

Das politische Wirken Jacob und Wilhelms Grimms – die „Gespräche am Tor“ über eine unbekannte Seite der Märchenbrüder

Das oftmals vernachlässigte politische Wirken Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimms (1786-1859) stand im Zentrum eines Vortrags im Regionalzentrum Karlsruhe. Im Rahmen der „Gespräche am Tor“ machte Prof. Dr. Ewald Grothe, der an der Universität Wuppertal Neuere und Neueste Geschichte lehrt und in Gummersbach das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit leitet, auf diese eher unbekannte Seite der allseits bekannten „Märchenbrüder“ aufmerksam. Mit historischem Bildmaterial und anhand ausgesuchter Briefkorrespondenz veranschaulichte der Referent die bewusste politische Positionierung, die die Grimms im Laufe ihres Lebens wiederholt und auch öffentlich zum Ausdruck brachten. So überraschte der Vortrag mit der Präsentation einer Kinderzeichnung von 1797, mit der die jungen Brüder die wenige Jahre zuvor erfolgte Hinrichtung Ludwigs XVI. verarbeiteten. Erste Kontakte zum Kreis der Romantiker während der Marburger Studentenzeit bereiteten dann den Weg zu der herausragenden wissenschaftlichen Leistung, für die Jacob und Wilhelm Grimm bis heute stehen: Die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen sowie die historische Befassung mit der deutschen Sprache im Rahmen des „Deutschen Wörterbuches“.

Als ausgewiesener Grimm-Forscher konnte Ewald Grothe plausibel vermitteln, dass bereits diese frühe wissenschaftliche Betätigung politisch motiviert war, da Märchensammlung und Sprachforschung einen zentralen Beitrag zur kulturellen Identitätsbildung der Deutschen leisten sollten. Weitere Stationen des politischen Engagements war beispielsweise die Teilnahme Jacob Grimms im Rahmen der kurhessischen Gesandtschaft am Wiener Kongress 1814/15 und die Mitwirkung beider Brüder am Protest der „Göttinger Sieben“ 1837, durch die sie ihre Professorenstellen einbüßten. Insbesondere Jacob Grimm, den seine wissenschaftlichen Studien zweimal auch nach Karlsruhe führten, tat sich mit konkreteren verfassungspolitischen Überlegungen – zuletzt 1848 als Abgeordneter des Frankfurter Paulskirchenparlaments – hervor, ohne dass diese allerdings eine Umsetzung erfuhren.

Im Lebensweg der Brüder Grimm ließ der Referent durch seinen Vortrag somit die großen politischen Umbrüche aufscheinen, die sich in jener Epoche in der deutschen Staatenwelt und in Europa vollzogen. Somit machte Ewald Grothe deutlich, dass die wissenschaftliche Betätigung Jacob und Wilhelm Grimms von der napoleonischen Zeit über die Restaurationsepoche und den Vormärz bis zum Vorabend der deutschen Einigungskriege „immer einen politischen Hintergrund hatte“. Dieses politische Engagement, präzisierte der Referent im anschließenden Austausch mit dem Publikum, kannte allerdings noch keine parteipolitische Bindung oder gar nationalistische Verengung, sondern sah sich einem spezifischen Freiheitsbegriff und europäischen Kosmopolitismus verpflichtet – wie ja auch die Grimmschen Märchen bekanntermaßen nicht nur deutschen Ursprungs sind.

Ewald Grothe, geb. 1961, ist seit 2009 außerplanmäßiger Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal und seit 2011 Leiter des Archivs des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (Gummersbach). Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Verfassungsgeschichte, der Wissenschaftsgeschichte, der politischen Ideengeschichte und der Brüder Grimm.


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