Regionalzentrum Karlsruhe

Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

14. März 2018, 18 Uhr:
Prof. Dr. Jürgen G. Nagel – Die Welt des Islam trifft auf die Provinz Europa – Oder was das 19. Jahrhundert heute erzählen kann

Jürgen Nagel im Vortrag

Verhältnis zwischen islamischer Welt und Europa in den „Gesprächen am Tor“ – ein global vernetzter Islam ohne panislamischen Anspruch als historischer Befund

Was kann uns das 19. Jahrhundert über das heute so spannungsreiche Verhältnis zwischen islamischer Welt und Europa erzählen? Im Rahmen der Karlsruher Wochen gegen Rassismus vermittelte Prof. Dr. Jürgen Nagel (FernUniversität in Hagen) der interessierten Stadtöffentlichkeit einen fundierten Einblick in die historischen Grundlagen der vielfältigen Begegnungen und Berührungen zwischen islamischer Welt und europäischer Moderne. Dabei näherte sich der Leiter des Lehrgebiets „Geschichte Europas in der Welt“ am Historischen Institut der FernUniversität seinem Thema nicht aus islamwissenschaftlicher Sicht, sondern mit einem geschichtswissenschaftlichen Zugriff, der gleich zu Beginn die unterschiedlichen Geschichts- und Weltbilder betonte: Die in der islamischen Welt abweichende Periodisierung der hier betrachteten Geschichtsepoche überragt die Zäsuren des ohnehin „langen“ europäischen 19. Jahrhunderts (1789-1914) deutlich und geht einher mit einer Wahrnehmung Europas „als Halbinsel des eurasischen Kontinents“ – Europa als eine Provinz also, die allerdings im Betrachtungszeitraum die Welt beherrschte. Nagel lud somit die Zuhörer ein, bei der historischen Untersuchung der islamischen Auseinandersetzung mit Europa den Standpunkt zu wechseln und – gemäß eines Ansatzes der postkolonialen Geschichtsschreibung – „Europa zu provinzialisieren“ (Dipesh Chakrabarty).

Mit seinem auf langjährigen Forschungen gegründeten Detailwissen zeichnete der Referent sodann ein buntes Bild der facettenreichen islamischen Welt, wie sie sich im langen 19. Jahrhundert im globalen Rahmen formierte. Zu einer „Welt“ wurde der Islam in jener Epoche vor allem durch seine Fähigkeit zur globalen Vernetzung: So rekonstruierte Jürgen Nagel die vielfältigen Netzwerke, die etwa im Bereich der Gelehrsamkeit die Theologen und Rechtsgelehrten, aber auch Erneuerungsbewegungen (Wahhabismus, Sufismus), mit Mekka als Wissenszentrum ausbildeten; die als Bewegung von Modernisierern und Querdenkern zum Teil die Annäherung an die westliche Wissenschaft und die Aussöhnung mit den Kolonialmächten suchten; die sich im islamischen Pressewesen der demokratisierten Informations- und Wissensvermittlung verschrieben; die die islamischen Diasporagemeinschaften auf familiärer Beziehungsebene weltweit miteinander verbanden; oder die die Pilgerreisenden in einer weltumspannenden Gemeinschaft der Begegnung und des Austausches integrierten.

Die sich an den Vortrag anschließende Diskussion arbeitete die qualitative Verdichtung heraus, die das 19. Jahrhundert gegenüber anderen Epochen für die Begegnung zwischen islamischer Welt und Europa mit sich brachte. Auch die offensichtliche Brüchigkeit und Instabilität dieser Begegnung, die sich bis heute im europäischen Zurückschrecken vor dem ganz normalen Erscheinungsbild des Islam (Moscheen) Ausdruck verschafft, wurde angesprochen. Gegenüber der „europäischen Paranoia“ vor einer panislamischen Bewegung vertrat Jürgen Nagel den Befund, dass trotz aller Vernetzung der islamischen Welt von einem Panislamismus nicht gesprochen werden könne: „Den Islam gab und gibt es nicht“ – vielmehr sei in historischer Perspektive ein zwar globaler Islam mit allerdings wechselnden Vernetzungen zu konstatieren.

Jürgen G. Nagel, geb. 1966, leitet seit 2015 das Lehrgebiet „Geschichte Europas in der Welt“ an der FernUniversität in Hagen. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte beziehen sich auf das Verhältnis zwischen europäischem Imperialismus und islamischer Welt, auf die Verflechtungsgeschichte des Indischen Ozeans und die Gesellschaftsgeschichte des südlichen Afrika. Darüber hinaus publiziert er auch zu den Themenfeldern der Ostindienkompanien und der kolonialen Wissenschaften.

Literaturhinweis:

  • Jürgen G. Nagel, Abenteuer Fernhandel. Die Ostindien-Kompanien, Darmstadt 2007, 2. Auflage Darmstadt und Mainz 2011. (Rezension)
  • Jürgen G. Nagel, Der Schlüssel zu den Molukken. Makassar und die Handelsstrukturen des Malaiischen Archipels im 17. und 18. Jahrhundert - eine exemplarische Studie (= Schriften zur Sozial und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 3), Hamburg 2003. (Verlagsseite)

Wichtige Infos
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de