Regionalzentrum Karlsruhe

Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

20. Juni 2018, 18 Uhr:
Dr. Peter Pretsch – 1968 und die Folgen in Karlsruhe – einige Gedanken, wie man bewegte Zeiten ins Museum bringt

Peter Pretsch im Vortrag

Auf dem Weg zum neuen Stadtmuseum: ein neues Ausstellungsformat für die Karlsruher Sonderausstellung über die 1968er Bewegung in den „Gesprächen am Tor“

Wie bringt man eine Erscheinung des gesellschaftlichen Umbruchs wie die 1968er Bewegung ins Museum? Mit dieser Frage setzte sich Dr. Peter Pretsch, Leiter des Stadtmuseums Karlsruhe, in den „Gesprächen am Tor“ auseinander. Den Hintergrund seines Vortrags bildete der besondere methodische Ansatz der zeitgleich zum Thema laufenden großen Sonderausstellung des Stadtmuseums („Bewegt euch! 1968 und die Folgen“, 27. April bis 14. Oktober 2018). In der Tat beruht die unter der Projektleitung von Dr. Alexandra Kaiser (die als ursprünglich vorgesehene Referentin leider verhindert war) vorbereitete Ausstellung zu einem großen Teil auf der Beteiligung von Zeitzeugen, was der Referent in den größeren Zusammenhang einer grundlegenden Neukonzeption der Karlsruher Museumsarbeit stellte: „Auf dem Weg zu einem neuen Stadtmuseum“ möchte man mit solchen neuen Ausstellungsformaten experimentieren, die das Museum als Forum für partizipatorische und kooperative Ausstellungsformate erfahrbar machen sollen. In der Tat setzt die Ausstellung mit einem umfangreichen Begleitprogramm, das zum Teil ebenfalls von Zeitzeugen getragen wird, auf eine starke Beteiligung der Öffentlichkeit.

In seinem Vortrag ließ Dr. Peter Pretsch zunächst die historischen Orte der 1968er Bewegung in Karlsruhe Revue passieren, wobei er auch deren Folgen über mehrere Generationen hinweg in Form der unterschiedlichen sozialen Bewegungen veranschaulichte, die im Karlsruhe der 1970er, 1980er und 1990er Jahre zahlreich vertreten waren und auch in die Ausstellung miteinflossen. Anhand der einzelnen Themenbereiche der Ausstellung (1968, Freiräume, Solidarität, Repression, RAF, Umweltbewegung, Frauenbewegung, Internationalismus, Friedensbewegung) wurde deutlich, wie die unerwartete Intensität der Zeitzeugenbeteiligung zum Erfolg der Ausstellung beiträgt und diese zum Modell für die künftige Museumsarbeit macht. In die Ausstellung floss nicht nur umfangreiches und recht unterschiedliches Material der Aktivisten aller sozialen Bewegungen ein, die die Stadtgeschichte seit etwa Mitte der 1960er Jahre bis in die Gegenwart hinein mitgeprägt haben; auch deren Lebensberichte sind zum Teil in Form längerer Videos in der Ausstellung zugänglich. In diesem Zusammenhang verwies der Referent auch auf das gestalterische Problem, das eine mit dem Aufbau der Ausstellung befasste Studierendengruppe der Hochschule für Gestaltung in der äußerst kurzen Aufbauzeit zu lösen hatte: den präsentationstechnischen Umgang mit so unterschiedlichen Materialien wie Plakaten, Flugblättern, Transparenten und Periodika, aber auch Gerätschaften wie z.B. einem Matrizendrucker.

In der Diskussion war man sich einig, dass das Publikum von der long durée der Ausstellungsperspektive bereits insofern profitiert hat, als dass auch das jüngere Stadtgeschehen durch den historischen Zusammenhang zu 1968 und dessen Folgen nun in einem anderen Licht erscheint. Solche Erkenntnisse vermag die Ausstellung dank ihres einzigartigen historischen Materials zu vermitteln, das, wie Dr. Peter Pretsch resümierte, eigentlich bereits verloren war, nun aber wieder der Forschung und Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Peter Pretsch studierte Geschichte und Kunstgeschichte und ist seit mehr als drei Jahrzehnten Stadtarchiv & Historischen Museen der Stadt Karlsruhe verbunden. Als Leiter des Stadtmuseums hat er zahlreiche Veröffentlichungen zur Karlsruher Stadtgeschichte vorgelegt und zeichnet nicht nur für die vielen Sonderausstellungen der letzten Jahre, sondern auch für die Neukonzeption der Dauerausstellung und des Museums selbst verantwortlich. Für die Sonderausstellung zu 1968 und den Folgen in Karlsruhe hat er die Themenbereiche „1968“ sowie „Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung“ kuratiert.

Ausstellungshinweis:
Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe


Wichtige Infos
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de