Veranstaltung

Europas Verfassung in historischer Perspektive – Die Ergebnisse eines Handbuch- und Editionsprojekts zur vergleichenden europäischen Verfassungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert

Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Öffentliche Veranstaltung in Kooperation mit dem Förderverein FORUM RECHT e.V., Karlsruhe und dem Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften an der FernUniversität in Hagen

Termin(e) Leitung
Ort/Raum
Mi, 16.06.2021
18:00 - 20:00
Prof. Dr. Peter Brandt
Dr. Werner Daum
Café Grundrechte (in der L-Bank)
Platz der Grundrechte (Nähe Marktplatz)
76131 Karlsruhe

Vortrag von Prof. Dr. Peter Brandt und Dr. Werner Daum

Das im Zuge der europäischen Integration seit der Jahrtausendwende zu beobachtende Verfassungsgeschehen ist von augenscheinlichen Widersprüchen und Rückschlägen gekennzeichnet. Die 2004 auf den Weg gebrachte EU-Verfassung scheiterte am Widerstand der Bevölkerung einiger Mitgliedsstaaten, wenngleich ihr Inhalt überwiegend in den Vertrag von Lissabon einfloss. Als Sand im Getriebe beeinträchtigt eine sich immer ungeschminkter äußernde nationalstaatliche Selbstbehauptung die innere und äußere Wirksamkeit der EU-Politik. Auch nur die legitime Verteidigung des nationalen Verfassungsrahmens – wie etwa 2020 durch das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts zur Europäischen Zentralbank (EZB) – birgt ein beachtliches Störpotential für politische Verfahren, die in der europäischen Verfassungswirklichkeit bereits als gesetzt galten. Das konflikthafte Verhältnis zwischen nationalem und europäischem Bezugsrahmen wirft die Frage auf, ob es überhaupt eine spezifisch europäische Verfassungsstaatlichkeit gibt: Inwiefern wurzeln die politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der europäischen Nationalstaaten in einem gemeinsamen, diesen Kontinent kennzeichnenden Verfassungsverständnis?

Die Veranstaltung geht dieser Frage in historischer Perspektive nach. Dafür werden erstmals die Zwischenergebnisse eines internationalen, an der FernUniversität in Hagen beheimateten Handbuch- und Editionsprojekts zur europäischen Verfassungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert (mit bisher vier erschienenen Bänden) einer systematischen Analyse zugeführt. Als Mitherausgeber und Autoren des Projekts stellen die Referenten die Grundlinien der europäischen Verfassungsentwicklung im „langen 19. Jahrhundert“ (1789 – 1914) in den Fokus, als die Konstitutionalisierung weiter Teile des Kontinents einsetzte und sich im Spannungsfeld von Rechtsstaatsentwicklung, Demokratisierung und Parlamentarisierung fortentwickelte. Auch Länder ohne Verfassung fließen in die Analyse mit ein, die mithilfe eines erweiterten Verfassungsbegriffs über die formalen Verfassungsverhältnisse hinaus die politisch-rechtliche Organisations- und Verfahrensebene (Verfassungswirklichkeit) erfasst. Somit werden sämtliche europäische Staaten, inkl. Russland und Osmanischem Reich, berücksichtigt. In der Bilanz versetzt die Identifizierung übergreifender europäischer Rezeptions- und Transfervorgänge die Referenten in die Lage, über die Feststellung nationalstaatlicher Eigenentwicklungen, Diskrepanzen und Ungleichzeitigkeiten hinaus deren – womöglich zeitlich oder teilräumlich begrenzte – Überwölbung durch große europaweite Verbindungslinien (etwa in Gestalt von Konstitutionalisierungswellen und auch speziellen Verfassungsgroßregionen) aufzuzeigen. Im Sinne der eingangs aufgeworfenen Fragestellung möchte die Veranstaltung somit dazu beitragen, das spezifisch europäische Verständnis von politischer Ordnung und Verfassung in seiner historischen Vielfalt verständlich zu machen.

Peter Brandt, geb. 1948 in Berlin, 1989 – 2014 Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der FernUniversität in Hagen, dort 2003-2017 auch Direktor des interdisziplinären Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften, seither Ehrendirektor ebd.; Publikationsschwerpunkte in den Bereichen Vergleichende Europäische Verfassungsgeschichte, Geschichte Nordeuropas, der Staat Preußen, Nationsbildung und Nationalbewegung, die „deutsche Frage“, Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus; Mitglied u.a. im Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Werner Daum, geb. 1961 in Karlsruhe, 2006 – 2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrgebiets für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fern-Universität in Hagen, seit Herbst 2012 Leiter des Regionalzentrums Karlsruhe der FernUniversität; Veröffentlichungen zur Neueren Italienischen Geschichte (Risorgimento), zur Europäischen Verfassungsgeschichte und zur Öffentlichkeits- und Publizistikgeschichte im langen 19. Jahrhundert.

Handbuch- und Editionsprojekt zur europäischen Verfassungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert

Weitere Informationen

Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Werner Daum | 10.10.2020