Das soziale Band ist unauflöslich

Prof. Thomas Bedorf vom Lehrgebiet Praktische Philosophie an der FernUniversität macht die sozialen Beziehungen zwischen Menschen als den „Kitt der Gesellschaft“ aus.


Interdisziplinäre Fachtagung diskutierte über Quellen gesellschaftlicher Bindungskräfte

Ein Mann steht am Redepult: Prof. Thomas Bedorf führte als Veranstalter in das Thema der Tagung ein. Der Wissenschaftler referierte über die Unauflöslichkeit des sozialen Bandes.
Prof. Thomas Bedorf führte als Veranstalter in das Thema der Tagung ein. Der Wissenschaftler referierte über die Unauflöslichkeit des sozialen Bandes.

Was kann eine Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern? Finanz- und Wirtschaftskrisen, Globalisierungstrends, Ungleichheit, Einwanderungsbewegungen erscheinen subjektiv bedrohlich für den Zusammenhalt westlicher Gesellschaften. Wie viel Sprengkraft steckt tatsächlich in diesen Szenarien?

Antworten auf diese Frage spürte jetzt eine interdisziplinäre Fachtagung an der FernUniversität in Hagen nach: „Das soziale Band. Geschichte und Gegenwart eines sozialtheoretischen Grundbegriffs“. Organisiert hatte die Veranstaltung das Lehrgebiet Praktische Philosophie: Technik, Geschichte und Gesellschaft von Prof. Dr. Thomas Bedorf gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Steffen Hermann. Beide FernUni-Wissenschaftler forschen unter anderem dazu, worauf sich soziale Bindungskräfte gründen.

Erosion harter Werte

Drei Tage beschäftigten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende aus sozial- und kulturwissenschaftlichen Fachrichtungen mit der Metapher des „sozialen Bandes“, ihrer Herkunft und Bedeutung für aktuelle Diskussionen. „Wir haben zunächst geklärt, auf Basis welcher Verständnisse wir gemeinsam arbeiten wollen“, sagt der Philosophie-Professor Thomas Bedorf. Traditionell wurden frühere Gesellschaften durch gemeinsame Verbindungen wie gemeinsame Sitten und Werte, Religion und Nation zusammengehalten. „Die Menschen waren wie durch ein Seil miteinander verbunden“, erläutert Bedorf eine sinnbildliche Vorstellung.

Doch durch die Erosion dieser Werte rückt ein anderes Verständnis in den Vordergrund: „Westliche Gesellschaften – denn darauf liegt der Fokus – kommen ohne gemeinsame Werte und Substanzen aus. Menschen werden dadurch miteinander verbunden, dass sie in Beziehung zueinander treten, sich austauschen und durch diese sozialen Praktiken gegenseitig Anerkennung zusprechen.“ Ein solches Band ist gewissermaßen elastisch. „Es kann sich verändern, aber es kann nicht reißen. Das soziale Band ist mithin unauflösbar“, fasst Bedorf ein wesentliches Ergebnis der Tagung zusammen.

Dr. Steffen Herrmann von der FernUniversität sprach über Stiftungsweisen des sozialen Bandes. Dr. Birte Siem moderierte die Diskussion dazu.
Dr. Steffen Herrmann von der FernUniversität sprach über Stiftungsweisen des sozialen Bandes. Dr. Birte Siem moderierte die Diskussion dazu.

Verbundenheit auf mehreren Ebenen

Demnach bedarf es keiner gemeinsamen Herkunft, keines gemeinsamen Glaubens oder gemeinsamer Werte, um eine Gesellschaft zu kitten. „Soziale Verbindlichkeiten über die Nachbarschaft, den Sportverein oder einen Chor sind ausreichend.“ Daraus leitet sich ab, dass die Verbundenheit auf mehreren Ebenen hergestellt wird.

Was lösen dann soziale Ausgrenzungsprozesse aus, lassen sie das Band lediglich erlahmen? „Ja“ – fällt Bedorfs knappe Antwort aus. „Missverständnisse oder Streit haben durchaus eine produktive Komponente. Denn: Wir setzen uns in dem Moment über etwas für beide Seiten Fundamentales auseinander. Wir tauschen uns aus – etwa darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen oder wie wir mit Zuwanderung umgehen.“ Aber, der Forscher warnt davor, sich zu viel von der Metapher des sozialen Bandes zu erhoffen. Sie erklärt nicht alle gesellschaftlichen Phänomene.

Illustration
Die Tagung fand unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität statt.

Materielle Mindestbedingungen notwendig

Überrascht hat Bedorf eine Studie des Magdeburger Soziologen Prof. Dr. Jan Delhey, der den sozialen Zusammenhalt in einem internationalen Vergleich empirisch untersucht hat. Demnach gibt es drei günstige Bedingungen für gesellschaftliche Stabilität: Wohlstand, eine ausgeglichene Einkommensverteilung und technologischer Fortschritt. Eher hinderlich sei ein hoher Grad von Religiosität. Globalisierung und ethnische Diversität spielen hingegen kaum eine Rolle. „Erst materielle Mindestbedingungen schaffen die Basis dafür, auf der wir ein Band oder Bänder knüpfen können. Man muss befreit sein von Ängsten um die eigene Existenz, um sich um soziale Interaktion kümmern zu können.“ Insofern liegt durchaus in sozialer Spaltung eine Gefahr für die westlichen Gesellschaften, in einem Auseinanderdriften durch ökonomische Bedingungen.

Gesellschaftlich unbedeutend hingegen seien Strömungen, die auf Ausgrenzung bestimmter Gruppen setzen: „Pegida war ein Thema auf der Tagung“, berichtet Prof. Bedorf, „allerdings mit dem Fazit, dass Pegida nicht gefährdend für das soziale Band ist, respektive war.“ Vielmehr stehe die Protestbewegung als Ausweis dafür: „Zwar sind gegenüber früheren Gesellschaften Werte erodiert, haben sich Identifikationsmuster verändert, aber gleichzeitig ist unsere Gesellschaft sehr viel komplexer geworden.“ Das erfordert laut Thomas Bedorf vor allem eins: „Über den aktiven Austausch untereinander Vergesellschaftung zu stiften.“

Anja Wetter | 02.04.2015