Per App den Schulweg sicher und nachhaltig umgestalten

Das Lehrgebiet Kooperative Systeme hat eine Schulweg-App für Tablets entwickelt. Mit deren Hilfe können Grundschülerinnen und Grundschüler ihren Schulweg umgestalten.


Lehrgebiet Kooperative Systeme entwickelt Community für Austausch über Mobilitätslösungen

Schulweg-App
So funktioniert die von der FernUniversität entwickelte Schulweg-App: Der Schulweg wird am Tablet auf eine elektronische Landkarte gezeichnet. Kinder und Eltern machen sich als Comic-Helden auf den Weg zur Schule.

Den Schulweg sicher, nachhaltig und gesund gestalten: Das Lehrgebiet Kooperative Systeme der FernUniversität in Hagen hat in Kooperation mit der Stadt Venedig eine App für Tablets entwickelt, mit deren Hilfe Grundschülerinnen und Grundschüler ihren Schulweg umgestalten können. Die Mädchen und Jungen dokumentieren mit Hilfe der App ihren Schulweg, identifizieren gefährliche und schöne Wegpunkte und entwerfen in Form eines digitalen Comics eine Vision für einen besseren Schulweg. „An mehreren Schulen in Mestre, dem Festland von Venedig, kam die App zum Einsatz und trug dazu bei, dass Schülerinnen und Schüler ihr Mobilitätsverhalten reflektierten und neue Verantwortung für ihren Schulweg übernahmen“, sagt Projektleiter Dr. Till Schümmer.

Mobilitätslösungen für den Alpenraum

Der Informatiker ist Akademischer Rat im Lehrgebiet von Prof. Dr. Jörg M. Haake, das für drei Jahre als Partner am europäischen Projekt PUMAS (Planning Sustainable Regional-Urban Mobility in the Alpine Space) beteiligt war. Das Forschungsprojekt an der Schnittstelle zwischen Informatik und Stadtplanung hatte das Ziel, nachhaltige Mobilitätslösungen für den Alpenraum zu entwickeln. In Turin ging es um Güterlieferungen im historischen Stadtkern, in München wurde ein kombinierter Rad- und ÖV-Routenplaner entwickelt und in Venedig standen mit Beteiligung der FernUniversität sichere und gesundheitsförderliche Schulwege auf dem Stundenplan.

Projektleiter Dr. Till Schümmer
Der Informatiker Dr. Till Schümmer ist Akademischer Rat im Lehrgebiet Kooperative Systeme. Als Projektleiter hat er gemeinsam mit der Stadt Venedig die Schulweg-App konzipiert.

„Mit Hilfe unserer App wird ein Bewusstsein für eine gesunde Verkehrsbewegung zur Schule geschaffen“, erklärt Dr. Till Schümmer. „50 Prozent der beteiligten Schülerinnen und Schüler kamen mit dem Auto zur Schule, obwohl sie in der Nähe wohnen. Das ist bedenklich.“ Insgesamt ein halbes Jahr stand das Thema „Schulweg“ auf dem Stundenplan an sechs Grundschulen in Venedig. Eingebettet in vielfältige andere Aktivitäten reflektierten die Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern und begleitet von ihren Lehrerinnen und Lehrern ihren Schulweg. Gemeinsam wurden Änderungen im Hinblick auf Sicherheit, Gesundheit und Nachhaltigkeit konzipiert.

Ideen für die Umgestaltung des Schulwegs

Mit Hilfe der von der FernUniversität entwickelten App wird der Schulweg am Tablet auf eine elektronische Landkarte gezeichnet. Kinder und Eltern machen sich als Comic-Helden auf den Weg zur Schule – im Bus, auf dem Rad, im Auto, zu Fuß oder per Boot. Fotos, Sprechblasen und Wünsche füllen den Comic mit Leben. So entstehen digitale Geschichten und Ideen für die Umgestaltung des Schulweges, wie zum Beispiel die Ausweitung von Grünflächen oder die farbenfrohe Gestaltung der Schuleingänge. „Über den Comic gelingt es, den Schulweg aus der Perspektive der Kinder zu sehen“, erklärt Schümmer. „Das ist der Hauptmehrwert für Stadtplanerinnen und Stadtplaner. Wenn sie diese Sicht zu ihrer machen, ist ein großer Schritt auf dem Weg zu einer kinderfreundlichen Stadt geschafft.“

Umgestalteter Eingangsbereich einer Grundschule in Venedig
In Venedig hat der Einsatz der App zur Umgestaltung der Schulumgebungen beigetragen: Die Zugänge zu den Schulen wurden in einem ersten Schritt farbenfroh gestaltet.

Von den Erfahrungen in Venedig können nicht nur die Planerinnen und Planer vor Ort profitieren. Für PUMAS wurde eine Community für den Wissensaustausch über nachhaltige Mobilitätslösungen geschaffen. Die FernUniversität entwickelte die Kooperations-Infrastruktur und identifizierte Barrieren und Motivatoren zum Wissensaustausch in der öffentlichen Verwaltung. „In der täglichen Praxis behindern Freigabe- und Abstimmungsprozesse den Wissensaustausch“, fasst Schümmer zusammen. Seien diese Barrieren aber erstmal überwunden, zahle sich der Austausch aus. „Die Rückmeldung der Städte zeigen: Die entstandenen neuen Kontakte sind wahnsinnig wertvoll.“

FernUni-System PATONGO in unterschiedlichen Organisationen im Einsatz

Als Basistechnologie kam das System PATONGO (Patterns and Tools for Non Governmental Organizations) zum Einsatz. Dieses wurde zwischen 2009 und 2012 vom Lehrgebiet Kooperative Systeme entwickelt und seitdem in unterschiedlichen Organisationen eingesetzt: zum Beispiel unter dem Namen „geistreich.de“ als kirchliches Kommunikationsportal der Evangelischen Kirche in Deutschland oder im bundesweiten Projekt „Campus vor Ort“. Das Internetportal PATONGO kann flexibel an die Bedürfnisse der Organisationen angepasst werden. Es zeichnet sich einerseits durch Arbeitsräume für Beteiligungsprozesse aus, in denen gemeinsam Konzepte erarbeitet werden. Andererseits erleichtert eine semantische Komponente das Finden inhaltlich passender Projekte und Kooperationspartner.

„Wir wollen PATONGO weiter für den Markt öffnen und damit neue Gelegenheiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung bieten“, blickt Till Schümmer in die Zukunft. Im Frühjahr 2013 erfolgte bereits die Ausgründung der Firma PATONGO UG (haftungsbeschränkt). Dr.-Ing. Martin Mühlpfordt, bislang ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet von Prof. Haake, wird nun ganz in die Firma wechseln und sich um die weitere Vermarktung von PATONGO kümmern.

Farbenfrohe Umgestaltung der Schulumgebungen

Auch eine Verbreitung der App zur Umgestaltung des Schulwegs ist denkbar. Verkehrsplanerinnen im Wiener Umland haben bereits Interesse an der Arbeit mit der App in österreichischen Schulen bekundet. Auch an deutschen Schulen wäre ein Einsatz in Mobilitätswochen denkbar.

In Venedig hat der Einsatz der App zur Umgestaltung der Schulumgebungen beigetragen: Die Zugänge zu den Schulen wurden in einem ersten Schritt farbenfroh gestaltet. „Es hat darüber hinaus einen signifikanten Wechsel zum Fahrrad- und Fußverkehr gegeben“, sagt Schümmer. „Das Bewusstsein ist dort geschaffen, jetzt muss sich die Beteiligungskultur für das Thema Schulweg nachhaltig etablieren.“

Carolin Annemüller | 21.07.2015